Abschied vom Leistungshandball mit 26 Jahren: Hüttenbergs Moritz Lambrecht beendet seine Laufbahn. FOTO: RAS
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Abschied vom Leistungshandball mit 26 Jahren: Hüttenbergs Moritz Lambrecht beendet seine Laufbahn. FOTO: RAS

"Wie ein schöner Traum"

  • vonMarkus Röhrsheim
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Nach 20 Jahren beim TV 05/07 Hüttenberg hat Moritz Lambrecht mit dem Corona-Abbruch seine Handball-Laufbahn beendet. Über 200 Erst- und Zweitligaspiele hat der Kreisläufer für den Traditionsverein bestritten. Jetzt steigt er mit 26 Jahren als studierter Informatiker vollständig in das Berufsleben ein.

Für Außenstehende überraschend kam letzte Woche die Mitteilung des Handball-Zweitligisten TV 05/07 Hüttenberg, dass Kreisläufer Moritz Lambrecht im Sommer seine Profikarriere beenden wird. Der mittelhessische Traditionsklub verliert also ein weiteres Eigengewächs. Im Interview mit dieser Zeitung spricht der 26-jährige, 1,90 m große und fast 100 kg schwere Handballer über die Gründe, die Zukunft, aber auch über das, was aus 20 Jahren TVH hängen bleiben wird:

Moritz, wenn man mit 26 Jahren, im eigentlich besten Alter, seine Karriere beendet, dann heißt es: "Der hat es geschafft. Der will sein Leben genießen.". Das dürfte bei Ihnen so nicht der Fall sein?

Nein, sicherlich nicht. In der 2. Handball-Bundesliga wird, egal wo man in der Tabelle steht, nicht das große Geld verdient. Da ist kein Verein so auf Rosen gebettet, dass man als Spieler nach zehn Jahren Handball sich zurücklehnen kann. Das geht nicht.

Was sind dann die Gründe für ein doch recht frühes Karriereende ?

Es war schon letztes Jahr ein Thema, denn es war absehbar, dass ich mein Master-Studium beende und dann irgendwann ein Jobangebot kommt, welches ich annehmen will und muss. Der Verein und ich haben da immer offen drüber gesprochen. Beide Seiten wussten, woran sie sind. Ich habe klar gesagt, dass Vollprofi für mich nicht infrage kommt. Im August habe ich dann mein Informatik-Studium beendet, hatte im Januar gute Gespräche mit einem Arbeitgeber und bin nun seit dem 1. März als Softwaretester tätig. Wenn man den Studienabschluss geschafft hat, dann will man auch in diesem Beruf seinen Weg gehen.

Wäre Beruf und Handball parallel nicht möglich gewesen?

Wer mich kennt, der weiß, dass ich das, was ich tue, auch zu 100 Prozent mache. Dazu gehört auch, Verträge zu erfüllen. Es bringt keinem etwas, wenn man einen Fünf-Jahres-Vertrag abschließt und nach zwei Jahren auflöst. Aufgrund der beruflichen Planungen habe ich daher auch zuletzt immer nur um ein Jahr verlängert. Aber auch, weil der Leistungshandball bei mir körperlich seine Spuren hinterlassen hat. Ich will mich auch nach dem Handballer-Leben noch bewegen, vielleicht später mit meinen Kindern spielen können. Oder mit 40 auch nochmal mit Freunden kicken. In den letzten ein, zwei Jahren habe ich gemerkt, dass ich mich von Woche zu Woche immer mehr erholen musste. Gerade in der Zeit, in der ich noch mehr gespielt habe, als Mario Fernandes und Moritz Zörb beide verletzt waren, konnte ich nur noch wenig trainieren. Den Montag und Dienstag brauchte ich schon komplett zur Regeneration. Da musste ich schon sehr auf meinen Körper achten.

Hat die Verpflichtung des tschechischen Kreisläufers Vit Reichl im Februar also die Entscheidung nicht beeinflusst?

Nein, absolut nicht. Zu dem Zeitpunkt war die Entscheidung eigentlich schon gefallen. Aber irgendwie ist uns dann die Zeit weggelaufen, die entsprechende Pressemitteilung herauszugeben. Nach dem schlechten Heimspiel gegen Hamburg wäre es unpassend gewesen, dann kam Rimpar - und dann hat sich die Entwicklung mit der Corona-Pandemie so beschleunigt, dass es Wichtigeres gegeben hat. Ich habe Vit ja auch bei uns im Probetraining gesehen. Der TVH wusste, dass die Verträge von zwei Kreisläufern (zudem noch Kapitän Mario Fernandes - die Red.) zum Saisonende auslaufen. Und war, wie gesagt, über meine Gedanken auch immer informiert. Die Planung ist, weiter drei Kreisläufer im Kader zu haben, weil das doch eine Position ist, auf der es öfter zu Verletzungen kommt. Ich hätte dem Verein daher einen Vorwurf gemacht, wenn er sich nicht umschaut für die kommende Saison. Zumal Mario ja jetzt auch in relativ kurzer Zeit die zweite dicke Verletzung hatte.

Sie sind ja nicht nur ein Führungsspieler, sondern auch als Motivator und auf der Speerspitze der 3:2:1-Deckung eigentlich unersetzlich. Ist diese Lücke zu schließen?

Also über mich selbst möchte ich da nicht urteilen. Es war schon immer mein Spielstil, mit 100 Prozent Leidenschaft alles zu geben. Vielleicht sind andere talentierter, haben aber nicht die Motivation. Ich weiß auch nicht, ob es für die neue Saison eventuell auch andere Deckungsoptionen geben wird. In der 3:2:1 wird es generell schwierig und es braucht Zeit, wenn Eingespieltes weggeht. Das hat man auch gesehen, als uns Raggi (Ragnar Jóhannsson - die Red.) vor jetzt schon fast zwei Jahren verlassen hat. Aber Johannes Klein macht das auch schon ganz ordentlich.

Da aktuell kein Mannschaftstraining und keine Spiele anstehen, ist etwas mehr Zeit als sonst. Daher schon mal kurz darüber nachgedacht, was die schönsten Augenblicke der 20 Handball-Jahre waren?

Das ist alles schon ein bisschen wie ein schöner Traum gewesen. Ich habe ja immer hier in Hüttenberg gespielt, war bei keinem anderen Verein. Ein Highlight war sicherlich die südwestdeutsche Meisterschaft mit der A-Jugend. Das war eine echt coole Truppe. Und dann den Sprung in die erste Mannschaft zu schaffen und da zu spielen, wo man als kleiner Junge auf der Tribüne mit der Trommel seine Vorbilder angefeuert hat. Das ist schon speziell. Dort dann Fuß zu fassen, sich zum Leistungsträger zu entwickeln, zweimal hintereinander den Aufstieg zu feiern bis in die 1. Liga - und das alles mit dem Heimatverein. Wow! Das schaffen nicht so viele.

Auf was freuen Sie sich zukünftig ? Was werden Sie vermissen?

Handball ist und war für mich nicht nur Beruf, sondern ein Hobby. Die Mannschaftskollegen, das sind alles echt gute Freunde. Diese Zusammengehörigkeit - das wird man nicht mehr hinbekommen. Das ist wie ein anderer Teil der Familie. Ich habe in meinem neuen Job viel zu tun und ich finde es momentan schon ganz schön, wenn man nicht jeden Abend die Tasche packen und in die Halle gehen muss. Und auch die Wochenenden sind nicht weg mit Handball. Es gibt also durchaus Vorzüge, die man sonst nicht hatte.

Wird man Sie zukünftig dennoch noch einmal auf vielleicht niedrigerer Ebene am Ball sehen? Oder in einer anderen Funktion im Verein? Eventuell als Jugendtrainer?

Da habe ich mir noch überhaupt keine Gedanken darüber gemacht. Ich muss mir nicht auf Teufel komm raus eine neue Mannschaft suchen, um vielleicht noch ein paar Euro zu verdienen. Wenn, dann soll es Spaß machen und es muss eine coole Truppe sein. Als Trainer muss man, glaube ich, geboren sein. Da sind auch pädagogische Aspekte wichtig. Vielleicht muss man dazu auch erst einmal ein paar Jahre den Kopf frei haben, dann kommt vielleicht auch die Zeit, zu der man das machen will.

Am Dienstag wurde entschieden, dass die Saison abgebrochen wird. Sie können also nicht die verdiente Abschlussfeier nach dem letzten Saison-Heimspiel mit den Fans genießen.

Das stimmt. Aber die Option mit Geisterspielen wäre aus meiner Sicht auch keine Alternative gewesen. Wir haben in der Hinrunde in Krefeld in einer Halle für 4000 Leute vor 200 oder 300 Zuschauern gespielt. Das war schon gespenstisch. Das ist gefühlslos. Es ist die richtige Entscheidung. Auch weil man sich gar nicht wie für den Wettkampf notwendig fit halten kann. Wir haben auch schon darüber gesprochen, dass man die Verabschiedung eventuell im Rahmen eines Abschiedsspieles nachholen könnte. Das ist für mich kein Problem. Ich bin ja im Ort.

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