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Diskussionen nach strittigen Entscheidungen gibt es immer wieder. So wie hier, als Schiedsrichter Maximilian Lau in der Partie aus der Saison 2019/20 zwischen der FSG Queckborn/Lauter und der SG Reiskirchen/Bersrod/Saasen einem Queckborner Spieler die Rote Karte gezeigt hat. Gelegentlich folgen dann auch Beleidigungen von aufgebrachten Zuschauern. SYMBOLBILD: VOGLER

Fußball

Wie man dem Schiedsrichtermangel in den Kreisen Gießen und Alsfeld begegnen kann

Der Schiedsrichtermangel bei den Amateuren nimmt zu. Nicht nur durch Anfeindungen und Gewalt gegen die Unparteiischen, sondern auch durch das Nachwuchsproblem. Es besteht Handlungsbedarf.

Lautes Geschrei hallt vom Spielfeldrand über den Platz. Wütende Gästefans reißen fassungslos die Arme in die Höhe. In einer Verbandsligapartie war ihr Spieler nach einem Zweikampf zu Boden gegangen und liegen geblieben. Der junge Schiedsrichter ließ jedoch weiterlaufen und pfiff nicht. Von den aufgebrachten Fußball-Fans fallen teils wüste Beschimpfungen in Richtung des Unparteiischen, der nur wenige Meter entfernt steht und diese Anschuldigung zu überhören scheint - oder absichtlich überhört. Viel ausrichten gegen solche Fans, können die Spielleiter ohnehin nicht. Sie können indes nur hoffen, dass ihre Partien halbwegs fair zugehen und es zu keinen Ausschreitungen oder Anfeindungen vonseiten der Zuschauer oder auch der Spieler gegen sie kommt.

»Die Aggressivität von einigen Zuschauern auf den Sportplätzen beginnt ja schon im Jugendbereich. Wenn ein junger Schiri von den Eltern angepöbelt wird, weil ihr Kind ein wenig zu hart angegangen wird, ist das sicher nicht förderlich für den Unparteiischen«, kritisiert Andreas Reuter, Schiedsrichterobmann des Gießener Fußballkreises, die teils raue Umgangsweise mit den Referees.

Laut einer DFB-Statistik aus dem Sommer 2020 sind im Amateurfußball die Gewaltvorfälle und Diskriminierungen gegen die Unparteiischen in der Saison 2019/2020 zwar leicht zurückgegangen, liegen jedoch immer noch bei 0,45 Prozent aller Spiele. Eine Spielzeit zuvor waren es noch 0,48 Prozent. Dennoch sollte diese Zahl in Zukunft gegen Null gehen. »In Gießen haben wir zum Glück nicht ganz so viele Probleme wie andere Regionen. Auch von Übergriffen sind wir zum Glück noch verschont geblieben«, berichtet Gießens Kreisfußballwart Henry Mohr.

Doch sind solche Übergriffe keineswegs das einzige Problem, das das Schiedsrichterwesen seit geraumer Zeit hat. Viele Regionen haben mit einem großen Schiedsrichtermangel zu kämpfen. Es fehlt an Nachwuchs, viele geben ihre Tätigkeit verständlicherweise wegen eben jener Anfeindungen wieder auf. »Auf der einen Seite steht natürlich die nicht immer angemessene Behandlung. Wenn ein junger Schiedsrichter ein B-Liga-Spiel pfeift und da angemacht wird, überlegt er es sich zweimal, ob er weitermacht. Auf der anderen Seite fehlt der Nachwuchs generell. Viele junge Schiedsrichter verlassen die Region auch wegen des Studiums oder der Arbeit wieder. Auch in Gießen wird es immer schwieriger, Nachwuchs zu finden« erklärt Mohr weiter. Dabei verdeutlicht er jedoch auch, dass es nicht nur um den Nachwuchs gehe, sondern auch um Spieler, die ihre Laufbahn beenden und noch zum Unparteiischen ausgebildet werden können.

Um wieder mehr Spielleiter am Ball zu halten, wird in den Kreisen Gießen und Alsfeld seit einigen Jahren das sogenannte Patenmodell angewendet. Bei diesem wird den neu ausgebildeten Schiedsrichtern ein Pate zur Seite gestellt, der sie am Anfang ihrer Referee-Laufbahn unterstützen und gegebenenfalls nach Anfeindungen wieder aufbauen soll. »Auch wenden wir im Kreis ein Tandemmodell ab der C-Jugend aufwärts an, bei dem zwei Schiris ein Spiel leiten«, erklärt Reuter. »In der ersten Hälfte kommt ein erfahrener Spielleiter zum Einsatz, in der zweiten Hälfte dann der Neuling. Dadurch soll dieser unterstützt werden und der erfahrene Unparteiische kann gegebenenfalls auch mal auf die Zuschauer oder Trainer einwirken.«

Der Fußballkreis Alsfeld ist teils noch stärker vom Schiedsrichtermangel betroffen als der Kreis Gießen. »Wir sind mit die kleinste Vereinigung in Hessen. Das macht sich dann natürlich auch bei den Unparteiischen bemerkbar. Durch Corona haben auch einige aufgehört. Jetzt haben wir noch circa 60 Schiris zur Verfügung«, schlägt Alsfelds Kreislehrwart Simon Krausmüller Alarm.

Mehr Neuanwärter ins Boot holen

Krausmüller, der seit 2016 Kreislehrwart ist, berichtet, dass die Neulingslehrgänge bis 2017 in Alsfeld noch eigenständig durchgeführt werden konnten. Danach habe es sich nicht mehr gelohnt. So kam es vor, dass sich einige Anwärter für die Ausbildung angemeldet hatten, diese dann aber wieder abgesagt werden musste, da es zu wenige Teilnehmer gab. »Das war dann schon ziemlich frustrierend. Die Kollegen aus Gießen haben uns dann zum Glück aufgenommen. Das war auch immer eine sehr gute Kooperation«, so Krausmüller. Dennoch möchte er für die Zukunft wieder eigene Neulingslehrgänge in Alsfeld durchführen. Dafür will der Lehrwart die Interessenten, die ihm von den Vereinen gemeldet werden sollen, zuerst sammeln und erst wenn es genug Leute sind, für den Lehrgang beim HFV anmelden. »Die Interessenten haben damit die Sicherheit, dass das Ganze auch stattfindet.«

Dies und auch das Paten- bzw. Tandemmodell sind die richtigen Ansätze für einen Weg zu mehr Wertschätzung des Schiedsrichterwesen. Dennoch muss der Appell auch ganz klar an jene Zuschauer und Spieler gehen, die sich zu Beschimpfungen und Anfeindungen gegenüber den Spielleitern hinreißen lassen. Beleidigungen haben auf dem Fußballplatz nichts verloren.

»Die Schiris und die Fußballer müssen als Einheit auf dem Platz sein. Wir können nur an alle appellieren, fair und freundlich miteinander umzugehen und einfach Spaß zu haben«, gibt sich Henry Mohr optimistisch.

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