Handball-Bundesligist HSG Wetzlar vor der neuen Saison (hinten von links): Emil Mellegård, Ivan Sršen, Olle Forsell Schefvert, Stefan Cavor, Lenny Rubin, Anton Lindskog, Philip Henningsson, Patrick Gempp, Kristian Björnsen; Mitte von links: Co- und Torwarttrainer Jasmin Camdzic, Athletiktrainer Thomas Reichel, Physiotherapeut Thomas Stubner, Physiotherapeut Malte Kraft, Co-Trainer und Standby-Spieler Filip Mirkulovski, Physiotherapeut Maximilian Schuller, Betreuer Stefan Rühl, Trainer Kai Wandschneider; vorn von links: Lars Weissgerber, Alexander Feld, Tibor Ivanisevic, Till Klimpke, Anadin Suljakovic, Magnus Fredriksen, Maximilian Holst. Es fehlt: Mannschaftsarzt Marco Kettrukat, Mannschaftsarzt Frank Thiel. FOTO: HSG
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Handball-Bundesligist HSG Wetzlar vor der neuen Saison (hinten von links): Emil Mellegård, Ivan Sršen, Olle Forsell Schefvert, Stefan Cavor, Lenny Rubin, Anton Lindskog, Philip Henningsson, Patrick Gempp, Kristian Björnsen; Mitte von links: Co- und Torwarttrainer Jasmin Camdzic, Athletiktrainer Thomas Reichel, Physiotherapeut Thomas Stubner, Physiotherapeut Malte Kraft, Co-Trainer und Standby-Spieler Filip Mirkulovski, Physiotherapeut Maximilian Schuller, Betreuer Stefan Rühl, Trainer Kai Wandschneider; vorn von links: Lars Weissgerber, Alexander Feld, Tibor Ivanisevic, Till Klimpke, Anadin Suljakovic, Magnus Fredriksen, Maximilian Holst. Es fehlt: Mannschaftsarzt Marco Kettrukat, Mannschaftsarzt Frank Thiel. FOTO: HSG

Handball-Bundesliga

Wetzlarer Kampf gegen die Realität

  • Ralf Waldschmidt
    vonRalf Waldschmidt
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Die HSG Wetzlar steht einmal mehr vor einer denkbar schweren Saison. in der Handball-Bundesliga. Wird sie wieder alle Skeptiker überraschen können?

Nichts ist unmöglich… Toyota! Seit 1985 schon wirbt die japanische Automarke mit diesem Werbespruch, der im deutschen Werbeslogan-Ranking seit Jahren Platz eins noch vor "Haribo macht Kinder froh" und anderen belegt.

Nichts ist auch bei Handball-Bundesligist HSG Wetzlar unmöglich, seit der mittlerweile 60-jährige Trainer Kai Wandschneider im März 2012 das sportliche Kommando bei den Mittelhessen übernommen hat. Im letzten Jahr seiner nun am 30. Juni 2021 endenden Amtszeit hat der gebürtige Hamburger allerdings nicht nur eine Spielzeit unter Corona-Bedingungen und einen neuerlichen personellen Umbruch bei extremen wirtschaftlichen Unwägbarkeiten zu bewältigen, sondern er wird mit seinem Team auch ohne die ligaweit bewunderte Unterstützung von den Rängen auskommen müssen.

Wie viel Prozente das ausmacht? Wie viele Punkte am Ende dadurch fehlen? Was sich daraus entwickelt? Alles Fragen, die eine komprimierte XXL-Saison mit vier Spieltagen mehr in vier Saison-Wochen weniger beantworten werden.

Für die HSG Wetzlar ändert sich bei genauerem Hinsehen eigentlich wenig im Vergleich zu den Vorjahren. Im Grunde beginnt mit dem ersten Spieltag für die Grün-Weißen wie immer der Kampf gegen die Realität im Oberhaus. Unter Kai Wandschneider bislang immer erfolgreich, nie schlechter als Rang elf. Doch der dürfte bei seiner Abschieds-Tournee gegen finanziell mittlerweile noch potenter gewordene Konkurrenz schwer zu halten sein. Aber wie gesagt: Nichts ist unmöglich…

Kommen und Gehen:Etwas ist anders als in den Vorjahren. Erstens besteht der 15-köpfige Kader nur aus Bundesliga-Profis, wird nicht aufgefüllt durch "verliehene" Zweit- oder Drittspielrechtler bzw. Nachwuchsakteure aus dem wieder ausgemusterten Drittligakader. Zweitens ist kein Leistungsträger auf Balic-Fäth-Weber-Niveau aus der ersten Sieben verloren gegangen. Nach sechs Monaten Punktspielpause und coronabedingten Quarantänemaßnahmen wird die Integration der Neuzugänge aber weniger zügig vorangehen.

Nominell ist der Kader keinesfalls schwächer geworden. Der Schwede Emil Mellegard hat schnell gezeigt, dass er Emil Frend Öfors aus Linksaußen gut ersetzen kann. Der Norweger Magnus Fredriksen wird im Spielmacher-Verbund mit dem zu Beginn noch unersetzlichen Filip Mirkulovski und Alexander Feld wachsen müssen. Der kroatische Linkshänder Ivan Srsen kommt wie einst Evars Klesniks mit lädierte Wurfschulter an die Lahn. Kreisläufer-Backup Patrick Gempp verpasste aus kardiologischen Gründen die komplette Vorbereitung und musste hinter Anton Lindskog temporär von Philip Henningsson ersetzte werden, weshalb der schwedische Neuzugang neben seinen Stärken im Innenblock seine Angriffsqualitäten noch nicht wie gewünscht beweisen konnte. Alle Neuzugänge verfügen zudem über keinerlei Bundesliga-Erfahrung, müssen sich Schritt für Schritt erst im Ligabetrieb behaupten.

Stärken und Schwächen:Teamgeist und Teamspirit werden einmal mehr tragende Säulen sein. Das Torhüter-Duo Till Klimpke/Tibor Ivanisevic bietet Verlässlichkeit, Maximilian Holst fast 90 Prozent vom Punkt, die Flügelzange wenig Qualitätsverlust, im Abwehrzentrum bekommen Olle Forsell-Schefvert/Anton Lindskog Verstärkung durch Philipp Henningsson - und mit Filip Mirkulovski steht die ordnende Hand weiter Gewehr bei Fuß. Es stellt sich aber durchaus die Frage, ob das hohe Gegenstoß-Niveau der Vorsaison gehalten werden kann. Es stellt sich die Frage, wie lange Anton Lindskog als Alleinunterhalter am Kreis physisch die Stellung halten kann. Es stellt sich die Frage, ob es dem Schweizer Lenny Rubin im dritten Jahr nunmehr gelingt, sein Potenzial abzurufen. Und über allem steht die Frage nach der Rückkehr der bis zu 4400 Anhänger in die Arena.

Das sagt der Trainer:"Die Vorbereitung ohne zweiten Kreisläufer hat uns stark beeinträchtigt, Anton Lindskog kann das in Abwehr und Angriff nicht alleine tragen. Und bei Patrick Gempp muss man ja darüber hinaus abwarten, wie sich das gesundheitlich bei ihm entwickelt, er muss als ›Rookie‹ ganz behutsam herangeführt werden", weiß Trainer Kai Wandschneider um die zentrale Bedeutung dieser Personalie auf einer Position, die im Jahr zwei nach Jannik Kohlbacher nicht noch weiter an Qualität verlieren darf. "Es wird lange dauern, bis wir die Neuen integriert haben. Einsatzwille und Herz sind da, aber auch wegen der Corona-Erkrankung von Stefan Cavor wird es Zeit benötigen, bis wir auf dem Vorjahresniveau sind. Auf den Kader der letzten Saison kann ich mich verlassen, solange die Kraft reicht", stellt sich der am Saisonende scheidende Coach auf schwierige Anfangswochen ein. "Mit der Corona-Vorbereitung und den Behinderungen dadurch aber müssen alle leben. Ich hätte Philipp Henningsson gerne öfter im Aufbau spielen lassen. Weil er aber als Kreisläufer-Backup gebraucht wurde, war das kaum möglich", nennt Wandschneider nur eines von vielen Details. "Beim Test gegen Erlangen hat die Mannschaft begonnen, die auch gegen Flensburg startet."

Auf lange Sicht bleibt für Wandschneider "das A und O der unfassbar gute Zusammenhalt der Truppe, das gemeinsam über sich hinauswachsen. Denn selbst gegen die Etats von Erlangen und Leipzig sind wir chancenlos."

Umfeld:Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, für Bundesliga-Handball in Wetzlar ohnehin stark eingeschränkt, haben sich durch Corona noch einmal verschlechtert. Dem Verlust des Hauptsponsors im Vorjahr folgte nun notgedrungen wieder die Abkehr vom "17-und-Wir"-Konzept. Vom vor zwei Jahren angestrebten konkurrenzfähigen Fünf-Millionen-Etat hat man sich eher entfernt als angenähert. Neben dem sportlichen Bereich in der Verantwortung von Kai Wandschneider und Jasmin Camdzic bleibt es also spannend zu verfolgen, wie die Chefetage um Björn Seipp und Martin Bender den Klub durch die Corona-Krise zu führen versteht. Staatshilfen und Kurzarbeitergeld haben den Standort vorerst erhalten, auf Dauer wird es ohne Zuschauer- und Merchandising-Erlöse sowie wieder steigenden Sponsoren-Zuwendungen nicht gehen. Noch steht die Ampel auf Gelb.

Prognose:Bleiben die Mittelhessen von langfristigen Verletzungen auf den zentralen Positionen (z. B. Anton Lindskog, Stefan Cavor) verschont und das zweckgebundene Innenverhältnis Trainer/Klub im letzten gemeinsamen Vertragsjahr entspannt, sollte es kein Problem sein, sich aus der gefährdeten Tabellenregion herauszuhalten. Realität aber ist, dass man sich in Mittelhessen eher vom Platz 15 fernzuhalten hat als an Rang elf zu orientieren oder gar einstellig zu denken. Werbeslogan hin, Werbeslogan her.

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