Lenny Rubin (hinten mit Ball) hat im linken Rückraum der HSG Wetzlar noch immer den Beweis anzutreten, in die Fußstapfen der Radoincic’, Kaufmanns, Christophersens, Fäths und Webers treten zu können. FOTOs: VOGLER
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Lenny Rubin (hinten mit Ball) hat im linken Rückraum der HSG Wetzlar noch immer den Beweis anzutreten, in die Fußstapfen der Radoincic’, Kaufmanns, Christophersens, Fäths und Webers treten zu können. FOTOs: VOGLER

Handball

Die HSG Wetzlar will allen Szenarien vorbeugen

  • Ralf Waldschmidt
    vonRalf Waldschmidt
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Die HSG Wetzlar kann in der Handball-Bundesliga allen Corona-Szenarien vorbeugen und mit einem weiteren Erfolg gegen die Eulen Ludwigshafen das Punktekonto bereits zweistellig gestalten.

Corona schlägt auf das Gemüt. Ja! Corona bestimmt den Alltag. Ja! Auch den von Profihandballern. Ja! Dennoch müssen die HSG Wetzlar und die Eulen Ludwigshafen bei allen Infektions- und WM-Debatten ins Tagesgeschäft zurückkehren und heute Abend um 19 Uhr in der Handball-Bundesliga ihr Punktspiel bestreiten. Bei den Grün-Weißen kehren Till Klimpke und Stefan Cavor nach ihrer Quarantäne wegen der Corona-Fälle bei ihren Nationalmannschaften ins Team zurück, bei den Eulen Ludwigshafen laufen mit Dominik Mappes und Daniel Wernig zwei ehemalige Hüttenberger auf. Und natürlich wird ein Fokus auf das Duell auf der Bank gerichtet sein, schließlich treffen mit Kai Wandschneider und Benjamin Matschke der aktuelle und der künftige Trainer der HSG Wetzlar aufeinander. Beide spielen die mediale Bedeutung nicht herunter, für das Geschehen auf dem Parkett ist das aber nur ein Randaspekt.

Können die Teams das Corona-Thema für 60 Minuten aus den Köpfen verdrängen?Das Thema ist allgegenwärtig, betrifft ja nicht nur Spieler und Trainer, sondern auch Familie und Angehörige. Noch hat kein Bundesliga-Handballer schwerwiegende Nachwirkungen nach einer Corona-Infektion. Tritt dieser Fall ein, nimmt das natürlich noch stärker Einfluss auf die Psyche und damit auf den sportlichen Bereich.

Welche Szenarien ergeben sich für den weiteren Saisonverlauf?Wetzlars Trainer Kai Wandschneider macht sich darüber permanent Gedanken. "Kommt es vielleicht doch zu einem Abbruch und wieder zu einer Quotienten-Regelung, ist natürlich jedes Spiel mit einem Sieg von Bedeutung", sagt der 61-Jährige und hebt damit den Wert der Heimpartie gegen Ludwigshafen hervor. Bei der HSG Wetzlar rechnet man unabhängig weiterer Corona-Fälle jedenfalls fest damit, bis Ende Jahres ohne Zuschauer auskommen zu müssen. "Ich bin für weiterspielen", sagt Wandschneider, "wir entscheiden aber immer aus unserer Verantwortung heraus und nie um jeden Preis." Für Geschäftsführer Björn Seipp stellt sich die Frage, wie lange man sich das in der Liga wirtschaftlich leisten kann. "Dank der Bundeshilfe sehe ich bis Ende Dezember keine Probleme. Aber was danach kommt, ist schwer zu sagen." Das Schreckensszenario der einen oder anderen Erstliga-Insolvenz gibt es also weiterhin.

Welche Formkurven zeigen die beiden Mannschaften?Wetzlars Coach Kai Wandschneider betont immer wieder, wie froh er über die bereits eingefahrenen acht Punkte ist. "Das ist riesig." Wobei sich Wandschneider den 31:22-Erfolg über Coburg ebenso hoch bewertet wie die anderen Siege: "Ich bin begeistert vom letzten Spiel gewesen. Wir hatten keine einfache Vorbereitung mit den Länderspielen und Corona-Sorgen und machen aus dem Nichts ein sensationelles Spiel." Gegen die Franken war es nicht nur ein Vier-Punkte-Spiel, sondern auch eine Sache von Charakter und Moral als klare Antwort auf die vorherigen Niederlagen gegen Melsungen und in Berlin.

Die Ludwigshafener haben im Oktober die Sparkassen-Arena in Balingen mit 27:26 geentert und gleich darauf gegen Hannover-Burgdorf (27:27) einen Heimzähler erkämpft. Das Team von Trainer Benjamin Matschke hat im vierten Erstliga-Jahr nacheinander schon früh in der Saison Selbstvertrauen getankt. Was für Kai Wandschneider nicht von ungefähr kommt. Während sich seine HSG-Mannschaft einmal mehr personell im Umbruch mit etlichen Bundesliga-unerfahrenen Kräften befindet, weisen die BASF-Städter statistisch gesehen 500 Bundesligaspiele und damit -erfahrung mehr auf.

Wem werden die größeren Chancen eingeräumt?Wetzlar ist favorisiert, wenngleich die Eulen beim 23:26 beim letzten Auftritt in der Rittal-Arena vor elf Monaten spielerisch einiges an Gegenwehr leisteten. Kai Wandschneider kann auf seine bewährte Stammformation mit Till Klimpke und Stefan Cavor setzen, fordert aber 100-prozentige Konzentration ein. Sein Gegenüber und Nachfolger Benjamin Matschke wartet mit starken Abwehr- und Angriffsvarianten auf. Ob Torwart-Routinier Gorazd Skof, der mittelhessische Spielmacher Dominik Mappes, der abwehrstarke Christian Klimek, die wurfstarken Hendrik Wagner, Gunnar Dietrich und Azat Valiullin oder der Ex-Hüttenberger Flügelflitzer Daniel Wernig - in der Breite sind die Ludwigshafener erstklassig besetzt und im Oberhaus längst angekommen. "Ludwigshafen hat in dieser Serie noch keine Klatsche bekommen", erwartet Wandschneider "ein höchstes Maß an Vorsicht" von seinem Team.

An welchen Stellschrauben hat Kai Wandschneider bei der HSG Wetzlar noch zu drehen?Die Neuzugänge machen von Woche zu Woche kleine, aber feine Fortschritte, haben die von Emil Frend Öfors, Nils Torbrügge und Viggo Kristjansson, der jetzt beim TVB Stuttgart seit Wochen groß aufspielt, aus den unterschiedlichsten Gründen hinterlassenen Lücken aber noch nicht schließen können. Der seitherige Zweitliga-Kreisläufer Patrick Gempp zum Beispiel hat nach seiner Herzmuskelentzündung noch immensen Nachholbedarf, Ivan Srsen wird durch eine neuerliche Verletzung nochmals zurückgeworfen.

Von den "Alteingesessenen", unter denen Regisseur Filip Mirkulovski weiterhin eine überragende Rolle spielt (Wandschneider: "Ihn könnte man mit 50 noch aufbieten") bereitet der Schweizer Hüne Lenny Rubin dem Coach Kopfzerbrechen. Wandschneider erhofft sich von dem Rückraumlinken endlich den bislang noch immer nicht vollzogenen Sprung zum Leistungsträger, der in der Lage ist, die über Jahre hinweg qualitatitv hochwertige Tradition auf dieser Position von Damir Radoncic bis Philipp Weber fortzusetzen. Ein schwieriges, aber kein unmögliches Unterfangen bei den Voraussetzungen des 24-Jährigen.

Das sagt Eulen-Trainer Benjamin Matschke:Zwar ab 1. Juli 2021 bei der HSG Wetzlar unter Vertrag, will sich Matschke aktuell nicht mit seiner Zukunft beschäftigen. Seine ganze Konzentration gilt seiner Mannschaft, gilt den Eulen und seiner Mission Klassenverbleib. "Ich bin ganz in der Aufgabe drin", sagt Matschke, detailversessen und auf die Spielvorbereitung konzentriert. Die Klasse der HSG schätzt er: "Sehr erfahren, eine sehr clevere Mannschaft. Die erste Sechs spielt schon lange zusammen. Mirkulovski steuert gut, Cavor, Holst, Klimpke - das ist hohe Qualität. Sie haben ein unfassbar gutes Playbook."

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