Emotionen pur auf der Wetzlarer Bank: Trainer Kai Wandschneider lebt das Spiel mit, dahinter "Stütze" Jasmin Camdzic. (Foto: ras)
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Emotionen pur auf der Wetzlarer Bank: Trainer Kai Wandschneider lebt das Spiel mit, dahinter "Stütze" Jasmin Camdzic. (Foto: ras)

Wetzlar wahrt Chance

Spektakuläres 30:30 gegen den VfL Gummersbach. 32 Punkte auf dem Konto. Für die HSG Wetzlar ist zwischen Platz fünf und zehn alles möglich.

51. Minute: 22:26. Die HSG Wetzlar steuert auf eine Heimniederlage in der Handball-Bundesliga gegen den VfL Gummersbach zu. Trainer Kai Wandschneider gibt später zu, dass hier auch eine hohe Pleite möglich gewesen wäre – wenn er nicht das richtige Mittel gefunden hätte. Doch er fand es. Das 30:30 (13:15) stufen die Gastgeber damit als Punktgewinn ein. Die beste Saison der Vereinsgeschichte ist weiterhin möglich.

Nach dem Schlusspfiff feierten die Wetzlarer Zuschauer ihre Mannschaft, die Klatschpappen knallten immer noch unaufhörlich in die Hände. Keine Spur von Unzufriedenheit oder Enttäuschung, trotz eines Gegentreffers zum Ausgleich zehn Sekunden vor Schluss. Doch das Heimpublikum honorierte die Moral der Gastgeber, ein fast schon verloren geglaubtes Spiel mit viel Leidenschaft binnen kürzester Zeit zu drehen.

Es war ein Kraftakt für die HSG, diesen Punkt einzufahren gegen eine Gummersbacher Mannschaft, die fast 50 Minuten die Partie im Griff hatte. Dies sah auch VfL-Coach Emir Kurtagic so, der in der Pressekonferenz von Trainerkollege Wandschneider für seine Arbeit außerordentlich gelobt wurde. "Mit 30 geworfenen Toren bin ich sehr zufrieden. Hier haben nicht viele Mannschaften gepunktet und so viele Treffer erzielt, daher bin ich stolz auf meine Mannschaft." Insgesamt war es ein spannendes, jedoch kein hochklassiges Spiel. Dafür war die Fehlerquote auf beiden Seiten zu hoch. Mit dem Remis konnten letztlich beide Teams gut leben.

Zwei Schlüsselszenen konnten am Ende ausgemacht werden, die den einen Zähler für die Wetzlarer sicherten. Zunächst eine taktische. HSG-Trainer Kai Wandschneider hatte mit einer 6:0-Deckung operiert, sah sich aber beim Vier-Tore-Rückstand zehn Minuten vor Schluss zum Handeln gezwungen. Immer wieder suchte er das Gespräch mit seinem Co Jasmin Camdzic, um die Optionen durchzusprechen. Schließlich entschieden sie sich für einen Wechsel auf eine 5:1-Deckung mit Spezialaufgaben für Florian Laudt. "Es war keine richtige Manndeckung. Nur bestimmte Spieler sollte Flo auf der vorgezogenen Position stören", erklärte Wandschneider später.

Einhergehend rotierten in der Abwehr weitere Spieler; im Mittelblock tauchte auch mal Jannik Kohlbacher auf, zudem kam Kristian Bliznac ins Spiel. Die Maßnahmen griffen. Gummersbach gelang aus dem Rückraum nach dem 22:26 (51.) nur noch ein Treffer – vorher war dies mit den starken Shootern Simon Ernst, Julius Kühn und Magnus Persson die Paradeposition.

Die zweite entscheidende Szene war der Treffer von Steffen Fäth zum 28:27 (56.). Der Arm des Schiedsrichters war beim Wetzlarer Angriff schon lange oben, zwei Unterbrechungen hatte es schon gegeben. Der Abschluss musste kommen. Der Kapitän übernahm Verantwortung. Fäth setzte einen Unterarmschlagwurf in die Maschen – die erste HSG-Führung seit dem frühen 5:4 (12.). Die Halle tobte, 4421 Zuschauer in der wieder einmal ausverkauften Rittal-Arena hielt es nicht mehr auf den Sitzen. "Wenn Steffen den nicht macht, verlieren wir mit einem Tor", war sich Wandschneider später sicher.

Zwar legte der neue Tabellensechste in der Folge noch zwei weitere Male vor und verteidigte stark, der nach der Pause starke Magnus Persson und zwei Siebenmeter von Florian von Gruchalla (der letzte bei 59:50 Minuten) bescherten Gummersbach jedoch den verdienten Punkt.

Wetzlar hatte über weite Strecken der Partie Probleme, die wurfgewaltigen Rückraumasse der Gäste in den Griff zu bekommen und sich gegen den bissigen Tabellenneunten zu behaupten. Torhüter Andreas Wolff parierte in den ersten sechs Minuten gleich vier Bälle, bekam dann aber wenig zu fassen. Joao Ferraz traf früh zweimal (6./8.), suchte aber dann zu oft zu früh den Abschluss und musste zwischenzeitlich auf die Bank zurück. Vladan Lipovina startete nach seiner Einwechslung (18.) ähnlich mit zwei Treffern vor der Pause. In der zweiten Hälfte gelang dem Duo jedoch kein Treffer mehr aus dem Rückraum. Über Rechtsaußen kam wenig, zumal Gäste-Torhüter Carsten Lichtlein bei Würfen aus spitzem Winkel seine Klasse zeigte. Positiv herausstachen in der Crunch Time Kristian Bliznac und Steffen Fäth. Der Schwede stabilisierte die Abwehr und traf zum wichtigen 27:27, der deutsche Nationalspieler erzielte sechs seiner acht Tore nach der Pause – vier davon bei der Aufholjagd nach dem 22:26.

Die HSG Wetzlar hat damit weiter die beste Platzierung (bislang 7.) und die beste Punktausbeute (bisher 37) ihrer Bundesliga-Geschichte im Visier, sogar Rang fünf ist nach der überraschenden Berliner Niederlage in Leipzig wieder nähergekommen. Kai Wandschneider interessieren solche Rechenspiele nur wenig. "Wir müssen von Spiel zu Spiel denken. Wir sind in einem Sechskampf mit den Teams zwischen Rang fünf und zehn. Eine einstellige Platzierung wäre super für uns", sagt der bodenständige Trainer, der sich am Samstagabend vorrangig über den ersten Punktgewinn gegen Gummersbach seit zwei Jahren freute. Und ausdrücklich von einem "Punktgewinn" sprach. "Denn zwischenzeitlich hatte ich das Gefühl, dass wir auch eine richtige Pleite mit sieben, acht Toren kassieren können". Doch der Trainerfuchs hatte die passenden Mittel – und einen Steffen Fäth.

HSG Wetzlar: Wolff (1.-24., 31.-60.), Nikolai Weber (24.-30.); Fäth (7), Holst (6/1), Bliznac (3), Ferraz (3), Mirkulovski (3), Joli (2), Kohlbacher (2), Lipovina (2), Hahn (1), Laudt (1), Prieto, Klesniks, Rompf (n.e.).

VfL Gummersbach: Lichtlein (1.-38., 55.-60.), Puhle (38.-55.); von Gruchalla (9/6), Persson (5/1), Ernst (4), Kühn (4), Schröder (3), Pevnov (2), Schindler (2), Zufelde (1), Schroeter, Becker, Jonsson (n.e.).

Im Stenogramm / Strafminuten: 8:6. – Siebenmeter: 3/1:8/7. – SR: Geipel/Helbig (Teutschenthal/Landsberg). – Zus.: 4421 (ausverkauft). – Spielfilm: 5:3 (11.), 5:7 (16.), 8:8 (20.), 11:14 (29.), 14:18 (34.), 19:19 (41.), 22:26 (51.), 24:27 (52.), 28:27 (56.), 30:30 (60.).

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