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Enttäuscht, frustriert, niedergeschlagen: Wetzlars Tobias Hahn (l.) und Steffen Fäth schleichen nach der 22:29-Niederlage bei der MT Melsungen vom Parkett. (Foto: Eibner)

Wetzlar stößt gegen Melsungen an Grenzen

(pie) Wenn man das Hessenderby in der Handball-Bundesliga beschreiben soll, weiß man gar nicht recht, wo man anfangen soll. Vielleicht damit, dass die MT Melsungen den 29:22 (15:11)-Erfolg gegen die HSG Wetzlar absolut verdient hat.

Was die Mannschaft von Trainer Michael Roth in der mit 4300 Zuschauern ausverkaufte Rothenbach-Halle in Kassel auf das Parkett legte, war an mannschaftlicher Geschlossenheit kaum zu überbieten. "Die Art und Weise wie wir das Spiel angegangen sind, war exzellent", schwärmte Roth. Schön anzusehen, aber eben nur für die Melsunger Fans.

Aufseiten der Grün-Weißen herrschte schon nach dem Halbzeitpfiff Trostlosigkeit. Mit hängenden Köpfen oder heftig diskutierend schlichen die Wetzlarer Spieler in die Kabine. Denn das 11:15 zur Pause mutete fast schon schmeichelhaft an angesichts der mageren Angriffsleistung. Zwei schnelle Tore in der 30. Minute konnten kaum darüber hinwegtäuschen, dass es in den vergangenen 29 an zu vielen Ecken gehapert hatte.

"Bei 15:11 ist man in so einem Derby noch nicht weg vom Fenster", erklärte HSG-Coach Kai Wandschneider hinterher. Mit der gezeigten Angriffsleistung seiner Truppe war man spätestens ab der 35. Minute sogar weit ab vom Schuss. Marino Maric hatte mit links und trotz Florian Laudt im Huckepack zum 19:12 getroffen und die Wetzlarer Fans verstummen lassen.

Und es sollte noch schlimmer kommen. Die MT traf nahezu aus allen Lagen, "machte volles Rohr weiter", so Wandschneider. Wieder war es Maric, der, diesmal vom wiedergenesenem Kristian Bliznac bedrängt, mit dem Rücken zum Tor abzog und am völlig verdutzten HSG-Keeper Andreas Wolff vorbei zum 21:14 einnetzte. Der EM-Held schrie zwischenzeitlich auf dem Hosenboden sitzend seinen Frust über die mangelnde Unterstützung seiner Vorderleute heraus und mühte sich um Worte.

Schlechte Angriffsleistung

"Ich muss aufpassen, was ich sage, weil es immer unter Strafe steht, sich zu gewissen Umständen zu äußern. Diese Umstände haben maßgeblich dazu beigetragen, dass Melsungen in der ersten Halbzeit eine Führung mit in die Pause nehmen kann. Ich denke, das hat jeder in der Halle gesehen. Warum wir verloren haben, braucht man deshalb nicht weiter zu analysieren", sagte der Keeper, der die Augen vor der eigenen Teamleistung aber verschlossen zu haben schien.

Denn im Wetzlarer Angriffsspiel wurde mehr quer gelaufen, als mit Druck auf die MT-Abwehr zu gehen. Demzufolge standen die beiden Außen meist auf verlorenem Posten, da der Ball kaum zu ihnen vordrang. Unkonzentrierte und unvorbereitete Abschlüsse klatschten gern in den Melsunger Block, waren Beute von Torhüter Johan Sjöstrand, segelten an Pfosten, Latte oder gleich ganz am Tor vorbei. Anspiele an den Kreis folgten dem Motto "friss oder stirb", monierte Jannik Kohlbacher. "Mir wurden drei Bälle hingeworfen, einen habe ich bekommen, die anderen zwei nicht." Wie auch, wenn gleich drei Abwehrspieler sich des Europameister angenommen hatten.

"Wir waren vom Kopf wohl nicht darauf eingestellt, dass wir hier so auf die Fresse kriegen. Es hat keiner wirklich den Kampf angenommen", formulierte Kohlbacher treffend. "Wir waren heute einfach im Angriff zu schlecht, auf allen Positionen zu schwach, um da durchzukommen", stieß Max Holst ins gleiche Horn.

Die HSG-Abwehr stand in weiten Teilen recht ordentlich, konnte die im Vorwärtsgang befindlichen Melsunger in ihrer Durchschlagskraft aber kaum bremsen. Da nutzten auch die Paraden von Wolff wenig, da der Ball meist wieder beim Gegner landete. Ballverluste im Angriff wurde zu oft mit hängenden Köpfen als mit schnellem Rückzugsverhalten kommentiert – Gegenstoßchancen die sich Jeffrey Boomhouwer und vor allem Johannes Sellin nicht nehmen ließen.

Patrik Fahlgren nötigte Wandschneider nach dem 26:16 in die letzte Besprechung mit seiner Mannschaft. "Das war das erste Mal, dass ich in der 51. Minute eine Auszeit nehmen und nur noch ein Ziel ausgeben konnte: einstellig bleiben." Zumindest das konnten seine Spieler umsetzen. "Melsungen hat uns heute ganz klar die Grenzen aufgezeigt", musste Wandschneider bekennen.

Melsungen: Sjöstrand, Villadsen; Maric (5), Sellin (11/4), Fahlgren (2), Forstbauer (1), Hildebrand, Danner, Philipp Müller (2), Boomhouwer (5), Rnic (3), Schneider, Vuckovic, Michael Müller.

Wetzlar: Wolff, Nikolai Weber; Prieto, Lipovina (3), Ferraz (1), Sebastian Weber, Laudt (1), Holst (9/7), Fäth (4), Hahn, Bliznac (1), Klesniks (1), Kohlbacher (1), Mirkulovski (1).

Im Stenogramm / SR: Pritschow/Pritschow (Leinfelden/Echterdingen). – Z: 4300. – Zeitstrafen: 6:8 Min. – Siebenmeter: 4/3:8/7.

Daniela Pieth

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