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Neue Wucht im Rückraum: Philipp Weber hat das Potenzial, der nächste Wetzlarer Durchstarter zu werden. Die Personalie Pöter lässt ihn nunmehr aber auf die Mitte-Position wechseln. (Foto: Vogler)

HSG Wetzlar startet in die neue Saison

(ra) "Wenn alle gesund bleiben und wir an den richtigen Schräubchen drehen, ist von Platz neun bis 12 alles möglich." Gesagt hat dies Wetzlars Trainer Kai Wandschneider zehn Tage vor dem Saisonstart. Jetzt gibt es die ersten langfristigen Ausfälle von Leistungsträgern, die für 2016/17 erst einmal wieder den Bundesliga-Existenzkampf ausrufen. Nur das!

Vorbei ist es mit der zwar anstrengenden, aber relativ entspannten Vorbereitung auf die Bundesliga-Saison 2016/17. Wenige Tage vor dem Startschuss gegen die Füchse Berlin (Freitag, 19.45 Uhr, Rittal-Arena Wetzlar) hat es die Wetzlarer Erstliga Handballer hart erwischt. Richtig hart! Im Jahr vier nach Michael und Philipp Müller, im Jahr zwei nach Ivano Balic und im Jahr eins nach Steffen Fäth/Andreas Wolff wird der neuerliche Umbruch von folgenschweren Ausfällen überschattet.

Den im Vorjahr kometenhaft aufgestiegenen Maximilian Holst hat es im Pokal in Coburg mit dem zweiten Kreuzbandriss seiner Laufbahn erwischt, der Linksaußen droht fast die komplette Spielzeit auszufallen. Spielmacher Filip Mirkulovski wird wegen einer Kapselverletzung zumindest den Saisonstart verpassen, und nun ist auch der Leipziger Neuzugang Philipp Pöter mit einem sofortigen Sportverbot belegt worden, da beim medizinischen Komplettcheck am Universitätsklinikum Gießen-Marburg schwerwiegende, zuvor nicht diagnostizierte gesundheitliche Probleme festgestellt worden sind. Bei der HSG Wetzlar geht man davon aus, dass der 30-Jährige in dieser Spielzeit überhaupt nicht mehr zum Einsatz kommen kann.

Das ist der größte anzunehmende Ernstfall - und er ist schon vor dem ersten Bundesliga-Match eingetreten. Bei acht Zu- und acht Abgängen ist es nicht schwer nachzuvollziehen, welche Auswirkungen das gleich zum Saisonbeginn dramatisch gefüllte Lazarett haben wird. Die Wetzlarer Verantwortlichen müssen auf beiden Positionen nachverpflichten, was im Falle Pöter mit dem Schweden Berggren (siehe nebenstehenden Artikel) bereits geschehen ist.

"Es muss uns wieder gelingen, wie letzte Saison, die beste Version unser Selbst zu entwerfen", war Trainer Kai Wandschneider in Anbetracht der sorgenfreien und niederlagenlosen Vorbereitung bis vor wenigen Tagen noch vollkommen tiefenentspannt. "Im Rahmen unserer Möglichkeiten haben wir das Team jetzt gemeinsam und an einem Strang ziehend gut zusammengestellt", äußerte sich der 56-Jährige positiv über die Neuverpflichtungen und seinen Kader, mit dem man die Abgänge der Fäth, Wolff und Co. zu kompensieren versucht. Geschafft hat man das bei der HSG Wetzlar unter Wandschneiders Regie bislang in jeder Spielzeit, weil der Trainer es versteht, "die Natur der Spieler nicht künstlich einzugrenzen. Das muss sich entwickeln. Ich muss gucken, was entspricht dieser Mannschaft am besten."

Mit dieser Philosophie dürften die Grün-Weißen nunmehr allein nicht mehr weiterkommen. Es wird personell nachgebessert! Fabian Kraft ist kein gelernter Linksaußen, er wird dort erst angelernt. Die taktische Variante mit Jannik Kohlbacher auf Linksaußen und Anton Lindskog am Kreis ist nur für einige Phasen einer Partie eine Option.

Trainer Wandschneider hofft, dass Filip Mirkulovski aus der Reha heraus mit mehr Selbstvertrauen an die Sache geht, "denn Mittelmänner müssen klassischer Weise führen". Eine feste Größe in den Planungen war bislang Philipp Pöter, der sofort im Team angekommen ist: "Philipp ist eine Kampfmaschine, der packt das, er arbeitet im Kopf viel mit", war Wandschneider vor einer Wochen noch voll des Lobes über den Ex-Leipziger. Der Trainer setzt zudem auf eine Weiterentwicklung der beiden Linkshänder Joao Ferraz ("Er braucht mehr Konstanz und taktische Disziplin") und Vladan Lipovina ("Er muss sich zeigen in dieser Saison"); darüber hinaus ist er davon überzeugt, dass Stefan Kneer in bestimmten Phasen auch in der Offensive auf den Punkt spielen kann.

Im Grunde gilt es zunächst aber, die guten Defensivstatistiken aus dem Vorjahr zu bestätigen. Für Wandschneider nach dem Prinzip der aus dem Schach bekannten "Sizilianischen Verteidigung", durch die man gleich zum Angriff übergeht. Grundformation wird weiter die 6:0-Formation sein, eventuell 5:1 versetzt. Evars Klesnik ist im Innenblock weiter gesetzt, hinter ihm hat Torhüter-Neuverpflichtung Benjamin Buric sein großes Potenzial bereits angedeutet.

Die (köperliche) Präsenz am Kreis, in der Bundesliga unabdingbar, ist nahezu optimal. Jannik Kohlbacher "vergoldet die Anspiele", Anton Lindskog bringt alle Voraussetzungen mit. "Auch wenn wir mit Anton noch arbeiten müssen: Da sind wir top besetzt."

Der Trend in der Vorbereitung hat gezeigt, dass die Wetzlarer wieder öfter über 30 Tore werfen, "da haben wir mehr Tempo im Spiel, jetzt haben wir durch Björnsen wieder eine Flügelzange", klärte Wandschneider auf – allerdings zwei Tage vor der folgenschweren Holst-Verletzung!? "Wir arbeiten auch an der zweiten Welle. Je mehr Spieler mit hohem Tempo aus der Deckung kommen, umso besser. Wir müssen in der zweiten Welle gut entscheiden können.

Da haben wir aber noch zu viele Spieler, die nicht gerne umschalten. Deshalb wird es weiter Abwehr/Angriff-Wechsel geben müssen." Mit dem neuverpflichteten Mittelmann Pöter hätte die HSG einen Akteur gehabt, der gut den ersten Pass spielen kann. Da hatte sich das Team in den Testspielen verbessert gezeigt. Umso schmerzlicher ist Pöters Ausfall.

Ein Klub wie Wetzlar kann auf dem Markt nicht so einkaufen wie andere, weshalb die internationalen Plätze unerreichbar bleiben werden. "Wenn ich Kieler Trainer gewesen wäre, hätte ich zum Beispiel Philipp Weber verpflichtet", schwärmt Wandschneider von seinem neuen Halblinken, der zum Königstransfer werden könnte, nunmehr aber zuerst wieder auf der Mitte gefordert ist.

Wer sich der Realität aber nicht versperrt und das Potenzial von Leipzig, Stuttgart oder Erlangen betrachtet, die alle Richtung Fünf-Millionen-Etat gehen, der weiß, dass es von Jahr zu Jahr für die HSG Wetzlar schwerer wird, im Konzert der Großen mitzuspielen. Vor allem, wenn noch vor dem ersten Anpfiff wieder absolute Leistungsträger für lange, lange Zeit ausfallen.

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