Wetzlar schlägt Melsungen

Als Lukas Loh zurück zur Auswechselbank lief und ihm über 3000 Zuschauer zujubelten, dürfte der 21-Jährige Gänsehaut bekommen haben. "Ich war einfach nur glücklich, dass der Wurf drin war", sagte er später mit einem breiten Grinsen während seine Mannschaftskollegen von der HSG Wetzlar den 32:30 (14:16)-Erfolg im letzten Heimspiel der Handball-Bundesliga-Saison gegen MT Melsungen feierten.

Als Lukas Loh zurück zur Auswechselbank lief und ihm über 3000 Zuschauer zujubelten, dürfte der 21-Jährige Gänsehaut bekommen haben. "Ich war einfach nur glücklich, dass der Wurf drin war", sagte er später mit einem breiten Grinsen während seine Mannschaftskollegen von der HSG Wetzlar den 32:30 (14:16)-Erfolg im letzten Heimspiel der Handball-Bundesliga-Saison gegen MT Melsungen feierten. In der 56. Minute hatte das Eigengewächs in seinem zweiten Bundesligaspiel überhaupt mit einem trockenen Wurf aus dem linken Rückraum zum 31:28 die Weichen auf Sieg gestellt. "Dieser kleine Spieler hat uns ein bisschen kaputt gemacht", sagte MT-Coach Ryan Zinglersen nach der Partie über den Münchholzhausener, der auf dem Spielfeld ein wenig an den schwedischen Ex-Nationalspieler Ljubomir Vranjes erinnerte. Klein, aber schnell und mit großem Herz. Der Trainer der Nordhessen hatte seine Abwehrtaktik gegen den eher unbeweglichen Rückraum der HSG mit Daniel Valo und Alois Mraz ausgerichtet und dürfte relativ überrascht gewesen sein, als bei den Wetzlarern mit zunehmender Spieldauer plötzlich Kevin Schmidt und Loh die Fäden zogen.

"Am Anfang hat unsere 4:2-Abwehr den Angriff der Wetzlarer gestört", sagte Zinglersen. Dabei spielte dem Coach in die Karten, dass HSG-Hüne Valo nach seiner langen Verletzung einen rabenschwarzen Tag erwischt hatte und nichts auf die Beine brachte. Ein Stürmerfoul des Ex-Melsungeners nutzte der frühere Wetzlarer Savas Karipidis in der 13. Minute zum 6:4 für die Gäste, einen haarsträubenden Fehlpass des Linkshänders konnte der Grieche dann in der 16. Minute zwar nicht verwerten, dennoch erlöste HSG-Trainer Michael Roth den Rückraumspieler und setzte ihn auf die Bank. Da auch Alois Mraz (Magen-Darm) kurzfristig nicht zur Verfügung stand und Timo Salzer (von Ivan Brovka) und Sven-Sören Christophersen (von Karipidis) kurz gedeckt wurden, musste Timm Schneider zunächst in die Bresche springen, was er auch hervorragend tat. In seiner ersten Aktion zog der Pohlheimer einen Siebenmeter, den Schmidt zum 6:8 (17.) verwandelte.

Die höchste MT-Führung schaffte Karipidis (21.) per Siebenmeter zum 11:7. Doch schon in dieser Phase bewiesen die Gastgeber, dass sie sich im letzen Heimspiel nicht vorzeitig distanzieren lassen wollten. Besonders Avishay Smoler, der zum TBV Lemgo wechseln wird (siehe Text unten), war anzumerken, dass er diese besondere Partie unter keinen Umständen verlieren wollte. Seine Treffer zum 7:9 (19.), 8:11 (22.) und 12:14 (27.) waren solche, mit denen er sich schon in seinem ersten Jahr in die Herzen der Fans hatte spielen können. Der Linkshänder opferte sich auf, was er eindrucksvoll belegte, als er ein Laufduell gegen drei MT-Spieler gewann und sofort Timo Salzer in Szene setzte, der zum 13:15-Anschluss traf (28.).

Dennoch gingen die Nordhessen mit dem 16:14-Vorsprung in die Kabine. Auch weil sie es von der HSG-Defensive in vielen Phasen zu leicht gemacht bekamen, ihre Tore zu erzielen. Gerade die "Halben" der, meist zu Alexandros Vasilaks verschiebenden 5:1-Deckung, machten im Eins-gegen-Eins kaum einen Stich.

Im zweiten Abschnitt veränderte sich zunächst nicht viel - außer, dass Wetzlar plötzlich wesentlich besser abschloss. "In den zweiten 30 Minuten war die Effektivität nahezu perfekt", lobte nun auch Coach Roth, der in den ersten 15 Minuten aber wieder sechs ausgelassene Chancen gezählt hatte. Jetzt aber gelang fast alles. Ein selten funktionierendes Anspiel von Salzer nutzte Schmidt zum 18:19 (40.), Loh traf mit einem seiner ersten Ballkontakte von Linksaußen zum 20:20, und Sebastian Weber machte in seinem 100. und letzten Bundesligaspiel für seinen Heimatverein das 21:21.

MT-Coach Zinglersen probierte nun viel, stellte die Abwehr auf 5:1 um - aber nicht auf 6:0, was sein Chef, der Sportliche Leiter Alexander Fölker, hernach bemängelte: "Die Cleverness hat gefehlt. Als Wetzlar mit den wendigen Spielern gespielt hat, hätten wir besser defensiver verteidigen sollen. Denn nur noch Christophersen strahlte Torgefahr aus", sagte der ehemalige rumänische Nationalspieler. Sein Coach aber hatte damit gezögert. Wohl auch, weil Christophersen nach dem 21:21 zunächst zwei Fahrkarten warf, und Melsungen wenig später wieder mit 23:21 führte. Auch in der 48. Minute beim 26:23 für MT durch Daniel Tellander roch es noch sehr nach einem Auswärtssieg.

Dass nun die große Zeit der "kleinen" Gastgeber kam, konnte Zinglersen nicht ahnen. Doch plötzlich drehten die Wetzlarer auf. Smoler, Schmidt, Salzer und Allendorf wendeten die Partie in drei Minuten zum 27:26 (53.). Überfallartig hatten die Roth-Schützlinge die Gäste überrannt, den Weg dazu geebnet hatte u.a. Vladan Krasavac mit zwei sauberen Paraden. In der Folge konnte Sanikis zwar noch einmal ausgleichen (27:27), ein Doppelschlag von Salzer und Allendorf (54.) zum 29:27 machte aber klar, dass sich die Hausherren diesen Vorteil nicht mehr nehmen lassen würden. Mit Tempo spielte Wetzlar weiter auf Sieg, den Loh (56.) dann perfekt machen konnte. Als Vasilakis mit einem Siebenmeter an Nikolai Weber scheiterte und MT-Keeper Kelentric einen langen Pass ins Aus warf, waren die zwei Punkte endgültig unter Dach und Fach. "Wir haben 50 Minuten super gespielt, dann sind wir in ein Loch gefallen. Wir haben das Spiel im Angriff verloren", erklärte der Keeper des mit Wetzlar nun punktgleichen Tabellenzwölften.

HSG-Coach Roth freute sich über den 23. Pluspunkt der Saison, obwohl man das Saisonziel Platz zwölf wohl knapp verpassen wird. "Das war ein Heimabschied, wie man ihn sich wünscht", sagte der Coach, wohl wissend, dass ein "kleiner Spieler" aus der Oberliga-Truppe maßgeblich daran beteiligt war, dass seine Mannschaft die Gäste aus Melsungen "kaputt gemacht" hatte.

HSG Wetzlar: Nikolai Weber, Krasavac (ab 47.); Schmidt (8/2), Weber (1), Smoler (6), Christophersen (6), Salzer (4), Valo, Allendorf (3), Jungwirth (n.e.), Loh (2), Schneider, Chalkidis, Werum (2).

MT Melsungen: Kelentric, Lechte; Brovka (1), Schöngarth, Anusic, Tellander (1), Tzimourtis (n.e.), Vasilakis (6), Treutler, Danner (2), Sanikis (6), Karipidis (10/5), Vuckovic (4).

Im Stenogramm: Schiedsrichter: Geipel/Helbig (Steuden/Landsberg). - Zuschauer: 3633. - Zeitstrafen: 4:8 Minuten. - Siebenmeter: 2/4:5/6.

Marc Schäfer

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