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Seine Tore hielten die HSG Wetzlar in Durchgang eins auf Schlagdistanz: Kent Robin Tönnesen (hinten). Melsungens Nenad Vuckovic und Philipp Müller (v. l.) können ihn hier nicht blocken. (Foto: Hartung)

Wetzlar kämpft sich in Melsungen zurück ins Spiel

Das Hessen-Derby der Handball-Bundesliga hielt viel von dem, was im Vorfeld erhofft worden war. Spannung, Emotionen, Herzblut-Handball. Nach einem 60-minütigem Auf und Ab konnten am Ende beide Seiten mit dem Ergebnis leben.

Christian Rompf ärgerte sich und zeigte es mit einer Handbewegung an. Nur ganz knapp hatte der Linksaußen der HSG Wetzlar einen Pass vom Melsunger Mittelmann Patrick Fahlgren auf Teamkollege Michael Müller nicht abfangen können. Wenige Zentimeter hatten gefehlt und der Langgönser wäre alleine auf das Tor der Gastgeber zugelaufen, hätte in der 53. Minute die große Chance gehabt, seine Farben mit 27:24 in Front zu bringen. So aber räumte die MT nach Rechtsaußen ab, von wo aus Nationalspieler Johannes Sellin eiskalt auf 25:26 verkürzte. Nach Abpfiff aber war der Ärger beim HSG-Rechtshänder so gut wie verflogen, denn mit dem 28:28 (14:16)-Unentschieden beim Europapokal-Teilnehmer MT Melsungen zeigte sich nicht nur Rompf zufrieden, sondern die gesamte Mannschaft des mittelhessischen Handball-Bundesligisten.

"Wenn man die erste Halbzeit sieht und vor allem die ersten zehn Minuten, die wir total verschlafen haben, dann ist es auf jeden Fall ein Punktgewinn. Zumal Melsungen auch noch den letzten Angriff hatte", erklärte Rompf, der sich in der Schlussphase nervenstark präsentierte und sowohl einen Siebenmeter (27:26/57.

) als auch einen schwierigen Wurf von Linksaußen zum 28:28 (60.) in den Melsunger Maschen unterbringen konnte. Mit insgesamt fünf Treffern bei nur einem Fehlwurf vertrat der Mittelhessen den verletzten Maximilian Holst ausgezeichnet. Auch Rompfs Pendant auf Rechtsaußen, Tobias Hahn, der nach 55 Minuten einen Gegenstoß zum möglichen 27:25 an die Latte genagelt hatte, war am Ende zufrieden. "Beim Konter hatte ich einfach Pech. Über die gesamten 60 Minuten gesehen, ist die Punkteteilung gerecht."

Dabei hatte man in der Anfangsphase fast Angst um die HSG haben müssen, denn die Grün-Weißen vergaben nicht nur drei freie Chancen (Rompf, Weber, Bliznac), sondern verloren in der Abwehr reihenweise die Zweikämpfe. Nach vier Minuten erzielte MT-Kapitän Nenad Vuckovic bereits das 4:1. Philipp Müller erhöhte nach zwölf Minuten auf 9:4. Einzig Ivano Balic hatte bis dahin einige Akzente setzen können. Kent-Robin Tönnesen brachte er in eine gute Wurfposition (3.), Jens Tiedtke am Kreis bediente er mit einem sehenswerten No-Look-Pass, den der Wetzlarer Kapitän zum 4:7 nutzte (11.).

Unterstützung mit "Geschmäckle"

Das Deckungszentrum der HSG agierte so lasch und fahrig, dass die Melsunger Rückraumschützen keinerlei Mühe hatten, die Kugel im Tor unterzubringen. So mussten die beiden brandgefährlichen MT-Außen, Michael Allendorf und Sellin, bis zur 24. Minute warten mussten, ehe sie das erste Tor aus dem Positionsangriff verbuchen konnten. Michael Müller gelang es, mit einer einzigen Wurftäuschung gleich drei Wetzlarer zu versetzen und zum 16:12 einzuwerfen (26.).

Dass die Mittelhessen bis zur Pause noch auf 14:16 verkürzen konnten, lag auch daran, dass Melsungen "einige Freie" liegen gelassen hatte, wie Müller erklärte. Aber auch die Deckung der HSG stabilisierte sich langsam, nachdem Wetzlars Coach Kai Wandschneider verschiedene System ausprobierte hatte. Hinter der versetzten 5:1-Formation gegen Michael Müller machte zudem José Hombrados einen besseren Eindruck als der glücklose Andreas Wolff.

Für Wandschneider war der knappe Rückstand zur Pause einer der Schlüssel zum Punktgewinn: "Es war extrem wichtig, dass wir zur Halbzeit den Rückstand auf zwei Tore verkürzen konnten, denn so hatten wir die Gelegenheit, nach der Pause schnell wieder den Fuß in die Tür zu kriegen." Und genau das geschah.

Nach 36 Minuten erzielte Rompf beim 18:17 die erste Führung für die Grün-Weißen, was die zahlreich mitgereisten HSG-Fans mit lautem Jubel quittierten. Der Rest der lediglich 2786 Zuschauer in der Kasseler Rothenbach-Halle war zu diesem Zeitpunkt verstummt. Ohnehin machten die Wetzlarer Supporter über die gesamte Spieldauer ordentlich Radau, wurden allerdings auch gegenüber Michael Müller ausfällig und belegten den ehemaligen HSG-Spieler mit "Müller, du Ars…"-Rufen, was dem positiven Gesamteindruck einen extrem faden Beigeschmack verpasste. "Es gibt da so ein, zwei Leute, bei denen ich nicht weiß, was sie für ein Problem mit mir haben. Ich habe immer alles für die HSG gemacht und die Kandidaten auch zum Bierchen eingeladen, damit sie mir mal sagen können, was sie gegen mich haben. Aber das trauen sie sich anscheinend nicht", erklärte Müller hinterher.

Auf der Platte schaffte es die HSG in der 50. Minute erstmals, beim 25:23 durch Hahn mit zwei Treffern in Führung zu gehen. Als Philipp Müller beim Stande von 27:27 90 Sekunden vor Schluss die Rote Karte bekam, hatte die HSG die große Chance, beide Punkte aus Melsungen mitzunehmen. Doch ein Stürmerfoul von Balic nutzte Allendorf zum Gegenstoß und Führungstreffer, ehe Rompf in einer spannenden Schlussphase von Linksaußen ausglich. "Es war ein Spiel mit Höhen und Tiefen. Es hat mit einem Tief angefangen und anschließend kam ein langes Hoch. Ich denke, man kann uns zum Punkt gratulieren", erklärte Florian Laudt, der sich trotz schmerzhafter Schambeinentzündung durchbiss.

"Wir haben eine sehr gute erste Hälfte gespielt, nur leider nicht mit dem richtigen Ergebnis. In der zweiten Halbzeit haben wir nicht mehr den Druck reingekriegt. Am Ende kann ich mit dem Punkt leben", fasste Melsungens Coach Michael Roth zusammen.

Melsungen: Appelgren, Sandström (n.e.); Maric, Sellin (2), Fahlgren (1), Schröder, Hildebrand (n.e.), Danner (3), Philipp Müller (3), Boomhouwer (n.e.), Rnic (7), Allendorf (7/3), Vuckovic (1), Michael Müller (4).

Wetzlar: Wolff, Hombrados (11.-45.); Prieto, Tiedtke (2), Rompf (5/1), Weber (2), Tönnesen (6/1), Laudt (2), Hahn (2), Bliznac (4), Harmandic (n.e.), Joli (2), Balic (3), Klesniks.

Steno / SR.: Geipel/Helbig. – Z.: 2786. – Zeitstrafen: 4:12 Minuten. – Rote Karte: P. Müller (Foulspiel). – Siebenmeter: 3/3:4/2.

Fabian Karpstein

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