Gegen den zehnfachen Berliner Torschützen Milos Vujovic hat Wetzlars Keeper Tibor Ivanisevic das Nachsehen. FOTO: DPA
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Gegen den zehnfachen Berliner Torschützen Milos Vujovic hat Wetzlars Keeper Tibor Ivanisevic das Nachsehen. FOTO: DPA

Handball

HSG Wetzlar: Das Erste ist überstanden

  • Ralf Waldschmidt
    vonRalf Waldschmidt
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Das erste Zwischenfazit steht an: Handball-Bundesligist HSG Wetzlar hat im Hinblick auf alle coronabedingten Unwägbarkeiten einen außerordentlichen Saisonstart hingelegt.

Als sich Kreisläufer Anton Lindskog in der 50. Minute kurz nach dem 24:29-Treffer des elffachen Torschützen Kristian Björnsen im Infight mit Berlins Kreisläufer Johan Koch die zweite Zeitstrafe einhandelte, war es um die HSG Wetzlar im Bundesliga-Auswärtsspiel bei den Füchsen Berlin endgültig geschehen. Trainer Kai Wandschneider musste seinen letzten in der Auszeit zuvor gezogenen taktischen 3:3-Abwehrcolt wieder ins Halfter stecken. In Unterzahl wichen die Grün-Weißen einen Schritt zurück und waren bis zum 28:35 (15:17)-Endstand allein um Schadensbegrenzung bemüht.

Die Berliner Luft war den Mittelhessen eine Halbzeit lang ganz gut bekommen. Die starken Kreisanspiele zu Anton Lindskog, der norwegische Rechtsaußen Kirstian Björnsen im Tor- und Geschwindigkeitsrausch sowie ein im Eins-gegen-eins-Spiel erneut nicht zu übertreffender schwedischer Alleskönner Olle Forsell Schefvert waren die Zutaten für das Pausen-15:17.

Danach wurde die Berliner Luft von Minute zu Minute dünner. Die zehn Prozent parierter Würfe von Tibor Ivanisevic und dem für die Nationalmannschaft nachnominierten Till Klimpke im Tor waren zu wenig. Die fehlende Entlastung für den spielerisch auf der Stelle tretenden Stefan Cavor aus dem Rückraum ebenso, da Lenny Rubin zwar mit guten Anspielen gefiel, aber einmal mehr keine Torgefahr ausstrahlte. "Das ist sein Phlegma", sagt Trainer Wandschneider, "er macht nicht den entscheidenden Schritt in die Tiefe."

Zudem griffen die positionellen Optionen durch die Neuzugänge nur selten. Emil Mellegard blieb als Linksaußen-Backup von Maximilian Holst wirkungslos. Ivan Srsen, der mit einem Innenbandriss für die nächsten Wochen ausfällt, und Patrick Gempp waren die "Sollbruchstellen" im Wetzlarer Team und sind noch lange keine Faktoren. Philipp Henningsson zeigte in der Defensive bislang so nicht gekannte Schwächen.

Über der Norm

Saisonphase eins nach der halbjährigen Corona-Zwangspause hat die HSG Wetzlar ordentlich, man kann sogar sagen sehr ordentlich überstanden. Dass die neuen, allesamt bundesliga-unerfahrenden Akteure Zeit benötigen würden, war abzusehen. Dass Kreisläufer Patrick Gempp durch seine lange Ausfallzeit noch weiter zurückgeworfen würde ebenfalls.

Auf die Niederlagen gegen MT Melsungen und jetzt bei den Füchsen Berlin hätte man in den Wettbüros ohnehin einen ordentlichen Batzen setzen können. Beide gingen nach zuvor erlittenen Pleiten als angeschlagene Boxer in das Duell mit den Mittelhessen, beide bestätigten, dass ihr Potenzial bei normalem Verlauf weit über dem der Mirkulovski und Co. liegt. Die 0:4 Punkte waren eher Produkte Melsunger und Berliner Klasse als Wetzlarer Schwäche.

Nach sechs Spieltagen liegt das Team von Trainer Kai Wandschneider trotz neuerlichem personellem Umbruch und Budget-Einbußen punktemäßig weder bei den eingangs befürchteten 2:10 oder gar 0:14, sondern mit 6:6 Zählern weit über der Norm. Das sensationelle 31:22 gegen Meister THW Kiel überstrahlt natürlich sogar die Auswärtserfolge bei GWD Minden und beim Bergischen HC, obwohl diese für das Leistungsvermögen der Cavor und Co. die größte Aussagekraft haben. "Unsere Auswärtssiege waren extrem wichtig", sagt Wandschneider, "das war stark, da hatten wir eine unfassbare Power."

Auf den Spielerstamm der Vorsaison mit Regisseur Filip Mirkulovski kann sich Trainer Kai Wandschneider als Konstante weiter verlassen. In Phase zwei nach der Länderspielpause heißt es nun, den Übergang zu den Neuzugängen noch stärker in Fluss zu bringen. Gerade Magnus Fredriksen auf der Mitte deutete sein Spielmacher-Potenzial immer öfter an.

Donnerstag in einer Woche im Heimspiel gegen Aufsteiger HSC Coburg bietet sich die erste Gelegenheit. "Coburg und Ludwigshafen sind ganz andere Gegner als in der Vergangenheit, da werden wir uns 100 Prozent fokussieren müssen", blickt der HSG-Coach bereits auf die beiden nächsten November-Heimspiele. "Allerdings müssen wir da auf unsere tolle Symbiose mit den Zuschauern verzichten", beklagt Wandschneider die fehlende Unterstützung, "was das bewirkt, hat man ja im Unterschied zwischen dem Kiel- und Melsungen-Spiel gesehen." Da müssen die Wetzlarer die Emotionen in sich selbst entfachen.

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