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Sechs Frauen, die Spaß am Sport haben (v. l.): Christina Jäger, Bärbel Wagner, Gerti Hecht, Ulrike Fritzsche, Karla Stroh und Claudia Freitag in Wißmar.

Tennis

Wettenbergs Damen 50 über Sport und Spaß im Alter: »Tennis hält uns einfach jung«

  • Sven Nordmann
    VonSven Nordmann
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Mit ihrer Gemeinschaft und der ansteckenden Lebensfreude stellen die Damen 50 des TC Wettenberg ein Vorzeigebeispiel dar, wie Sport im Alter aussehen kann. Ein locker-leichtes Vierer-Interview.

Schon auf der Anlage des TC Wettenberg bestätigen zwei Mitglieder, dass die Damen 50 die perfekte Gruppe sind, wenn es darum geht, die Vorzüge von Wettkampfsport im Alter aufzuzeigen: »Die sind sooo süß zusammen« und »Da haben Sie genau die richtige Gruppe ausgewählt«, heißt es in Richtung der Tennis-Frauen um Mannschaftsführerin Karla Stroh.

Die 66-Jährige aus Wißmar wird an diesem Samstag die Gruppenliga-Meisterschaft auf eigener Anlage mit ihren Kolleginnen Christina Jäger, Bärbel Wagner, Gerti Hecht, Ulrike Fritzsche und Claudia Freitag feiern - dabei spiegelt nicht nur das Altersspektrum von 57 bis 78 Jahren die Vielfalt der lebensfrohen Gruppe dar, wie das locker-leichte Interview zeigt.

Liebe Damen, wie oft stehen Sie in der Woche noch auf dem Tennisplatz?

Karla Stroh (66 Jahre alt, wohnt in Wißmar): Naja, freitags trainieren wir, am Samstag ist Spieltag und dann gibt es noch den Donnerstagstreff. Alle Damen ab einem gewissen Alter, sagen wir um die 40, die Lust auf Tennis haben, können am Donnerstag zum Doppelspielen kommen. Anschließend sitzen wir immer noch mit ein paar Häppchen zusammen.

Gerti Hecht (78, Naunheim): Das finde ich in diesem Verein außergewöhnlich. In meinem alten Verein wurde so etwas als Kaffee-Tennis abgetan, das haben wir oft nicht hinbekommen. Ich kam hier als Fremde nach Wettenberg, wurde aber sofort gut aufgenommen.

Christina Jäger (68, Wißmar): Diesen Donnerstagstreff gibt es schon seit über 30 Jahren. Oft besprechen wir da schon, wie wir am Samstag gewinnen wollen. (alle lachen)

Wenn Sie an das Training denken: Was ist Ihnen dabei wichtig?

Christina Jäger: Ich trainiere schon seit 30 Jahren bei Stephan Thylmann. Mir ist wichtig, dass die Technik stimmt. Und auch die Taktik spielt für mich eine große Rolle. Neulich hat mir meine Gegnerin vorgeworfen, dass das kein Tennis sei, was ich gespielt hätte. Ich habe eben taktisch gespielt und nicht nur gebolzt. Das immer wieder zu üben, das ist mir wichtig.

Karla Stroh: Christina, Bärbel und ich kommen ja aus dem Handballbereich. Bis zum Alter von 44 Jahren habe ich Handball in der Region gespielt. Das war vergleichbar mit der heutigen Oberliga.

Bärbel Wagner (57, Wißmar): Nach dem Handball war mir klar, dass es wieder ein Sport mit dem Ball sein muss. Ich brauche das. Nur Laufen ist nichts für mich. Ich habe mir das Tennis selbst beigebracht, ohne Trainer. Zum Wettkampftennis bin ich erst über die Damen 50 gekommen...

Karla Stroh: Mein Mann bezeichnet mein Spiel immer als unorthodox. Ich habe auch erst mit rund 30 angefangen. Was ich am Tennis so mag, ist, dass du es als ganze Familie spielen kannst.

Gerti Hecht: Richtig gelernt durch einen Trainer habe ich es auch nicht. Man kriegt die Spielweise auch kaum raus, die du dir angewöhnt hast. Irgendwann hat eine Gegnerin mal andauernd Vorhand Slice gespielt - da dachte ich mir: »Der Schlag liegt mir! Das will ich auch spielen.« Es ist manchmal ein Geschnippele, ja. (lacht) Aber jetzt ist die Vorhand Slice nicht mehr so gut wegen dem Golfen. Im Golf machst du eine ähnliche Bewegung wie beim Top Spin. Über den Golfplatz kann ich vielleicht auch noch mit 90 huschen, das könnte beim Tennis schwierig werden.

Was lieben Sie am Tennis?

Bärbel Wagner: Der Wettkampf reizt mich. Ein Grundehrgeiz ist einfach da.

Karla Stroh: Vor allem geht es aber um den Spaß. Ich brauche keine Gegner, mit denen es Stress gibt.

Und wie steht es darum, einfach ein paar Bälle zu schlagen?

Bärbel Wagner: Es macht auch den Reiz aus, gegen andere Gegnerinnen zu spielen. Für mich wäre es nicht so interessant, immer mit der gleichen Person zu spielen. Ich mag es, wenn ich mich herausgefordert fühle. Ich lerne dazu.

Christina Jäger: Wenn die Herausforderung da ist, ist die Konzentration höher. Ich bin dann schon im Tunnel. Ich habe rundherum alles ausgeklammert. Hinterher sagte mir meine Gegnerin mal: »Der Stop im Champions-Tiebreak, der war aber mutig!« Ich wusste gar nicht mehr, welchen Ball sie gemeint hatte. Ich nehme mir immer vor, als Siegerin den Platz abzuziehen.

Wie fühlen Sie sich vor, während und nach einer Partie?

Bärbel Wagner: Ich bin am Anfang immer total nervös. Das stört mich schon ein bisschen. Es wird aber besser. (lacht)

Gerti Hecht: Du sprichst von Nervosität...Früher war ich sowas von nervös. Ich dachte immer, ich platze. Und ich dachte: Wenn das mal aufhört, diese Anspannung, dann spiele ich richtig gut. Dann war ich einmal nicht nervös und prompt habe ich richtig sch... gespielt. (alle lachen) Ich brauchte das. Der Gedanke: »Ich will gewinnen«, der bleibt. Aber der allerletzte Biss, der geht mit dem Alter.

Wie sieht ein klassischer Spieltag am Samstag vom Aufstehen bis zur Verabschiedung am frühen Abend aus?

Karla Stroh: Bei der Auswärtspartie in Hochheim neulich habe ich beispielsweise gegen 6.15 Uhr gefrühstückt, bin eine Stunde später losgefahren. und habe die anderen eingesammelt. Gegen 8.30 Uhr waren wir dort. Zurückgekommen vom Auswärtssieg sind wir gegen 18 Uhr.

Gerti Hecht: Bei Auswärtsspielen kommt es oft auf die Atmosphäre an: Sind die Gegnerinnen freundlich, sitzen da Männer dabei, die sich wie auf dem Fußballplatz verhalten?

Karla Stroh: Egal, wann wir heim kommen, wir setzen uns noch mal auf der Anlage zusammen und trinken ein Sektchen: Verlierer-Sekt oder Gewinner-Sekt! (alle lachen)

Wie stehen Sie zur Gewohnheit in der Medenrunde, dass nach der Partie noch gegessen wird?

Bärbel Wagner: Ich finde das schön, aber natürlich ist es auch mit Arbeit verbunden. Es muss eingekauft und vorbereitet werden. Hinterher sitzt du locker zusammen. Zum Glück bereitet Karla das immer sehr gut vor.

Gerti Hecht: Sie ist eine super Köchin!

Wie fühlen Sie sich nach dem Samstagnachmittag?

Karla Stroh: Seelisch gut, körperlich läufst du mal nicht ganz rund. Das hatten wir aber auch schon früher, das hängt nicht unbedingt mit dem Alter zusammen.

Christina Jäger: Wenn ich daran denke, wie wir teilweise nach Auswärtsspielen aus dem Auto gekrabbelt sind... (alle lachen)

Und gefühlsmäßig?

Christina Jäger: Ich fühle mich oft erleichtert. Ich kann dann aber schlecht schlafen, weil noch viel Adrenalin in mir ist. Auch wenn ich ausgelaugt bin, komme ich oft nicht zur Ruhe.

Bärbel Wagner: Wenn ich gewonnen habe, bin ich schon so ein bisschen euphorisch...

Christina Jäger: Wenn du für dich sagen kannst, dass du gut gespielt hast, ist das ein befriedigendes Gefühl - das ist dann auch unabhängig von Sieg oder Niederlage.

Wie lange halten Freude oder Ärger an?

Karla Stroh: Nicht so lange, das legt sich schnell wieder...

Christina Jäger: Ach, naja... Ich hatte mal eine Doppelpartnerin, Bärbel Wasmuth. Wir lagen in einem entscheidenden Doppel im Champions-Tiebreak mit 9:3 vorne. Dann haben die uns einen Ball ausgegeben, der nachweislich noch an der Linie war. Wir haben das Spiel noch verloren. Das vergessen wir nie. Das vergessen wir nie! (alle lachen)

Karla Stroh: Tennis ist schon ein Mannschaftssport.

Gerti Hecht: Jeder kämpft für sich, aber jede kämpft auch für die Mannschaft. Du ärgerst dich schon, wenn es für das Team nicht gereicht hat, weil du verloren hast.

Würden Sie sich als Freundinnen bezeichnen?

Christina Jäger: Wir sind ja vom Alter her ziemlich auseinander. Jeder hat seinen eigenen Freundeskreis. Trotzdem treffen wir uns im Winter bei jedem mal zu Hause - jede lädt mal ein.

Wenn das alles nicht mehr möglich wäre...

Christina Jäger: Tennis ist für mich schon ein ganz großer Teil meines Lebens. Das passt meinem Mann nicht immer so. Aber da muss er durch.

Bärbel Wagner: Ich hatte Ende 2019 eine Schulter-OP und musste lange aussetzen. Ich bin schon sehr froh, dass das wieder möglich ist, weil es einfach Spaß macht. Da würde mir schon was fehlen. Ich fahre zwar auch Inliner oder spiele Schlagzeug, aber Tennis ist einfach Tennis.

Karla Stroh: Gerti ist mit ihren 78 Jahren unser Vorbild. Trotz meiner zwei Knie-OP’s möchte ich da auch hinkommen, in dem Alter noch so zu spielen.

Welche Rolle spielt der TC Wettenberg als Verein in diesem Gesamtkonstrukt?

Karla Stroh: Unser Vorsitzender Thorsten Müller-Rietdorf macht das so toll. Ich würde sagen, dass wir eine Familie sind. Ob das die Saisoneröffnung oder das Oktoberfest ist - es gibt überall Menschen, die helfen und organisieren.

Christina Jäger: Bei der Saisoneröffnung waren wir die ältesten Kamele.

Karla Stroh: Irgendjemand muss ja der Älteste sein - das ganze Vereinsleben hält einen selbst jung.

Wenn der Verein zur Bereicherung im Leben wird...

Karla Stroh: Es kommt aber immer darauf an, wie es gelebt wird. Auch die Trainer machen einen tollen Job, die Jugend kommt nach, damit stoßen neue Eltern hinzu. Es ist ein Geben und Nehmen.

Wie lange möchten Sie noch Wettkampftennis spielen?

Christina Jäger: Manchmal denke ich mir, wenn ich am Sonntagabend platt bin: Nächstes Jahr spielst du nur noch Doppel.

Karla Stroh: Beim Handball habe ich mir mit 44 Jahren gesagt: »Ich höre auf, bevor die Zuschauer fragen: Was fällt die denn da auf dem Platz herum?« So möchte ich es auch beim Tennis halten. Zehn Jahre gebe ich mir noch. (lacht)

Bärbel Wagner: Man fühlt sich beim Spielen auf dem Platz auch immer jünger als man ist. (lacht)

Gerti Hecht: Wenn du dich zurückziehst und Ausreden findest, weil es zu heiß oder zu kalt ist, dann wirst du auch insgesamt lascher. So muss ich auch mit 78 Jahren noch ein bisschen fit sein. Was nachlässt, ist die Reaktionsfähigkeit. Ich sehe oft, was meine Gegnerin vor hat. Aber der Weg vom Kopf über die Beine bis in die Füße, der dauert länger als früher. Ich merke auch, dass mich eher mein innerer Schweinehund am Laufen hindert und nicht meine Beine selbst.

Karla Stroh: Ich pflege immer zu sagen: Laufen lohnt sich!

Christina Jäger: Das Tennis hält uns einfach jung. In der letzten Saison waren meine Gegnerinnen häufig 17 Jahre jünger als ich. Wenn du dann gewinnst, macht dich das schon stolz.

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