Kein Fußball in Corona-Zeiten: Der Nachwuchs muss sich anders beschäftigen - das gilt für alle Akiven. Doch für Kinder und Jugendliche ist es derzeit mehr als nur hart, auf ihren jeweiligen Mannschaftssport zu verzichten. 
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Kein Fußball in Corona-Zeiten: Der Nachwuchs muss sich anders beschäftigen - das gilt für alle Akiven. Doch für Kinder und Jugendliche ist es derzeit mehr als nur hart, auf ihren jeweiligen Mannschaftssport zu verzichten.

Coronavirus-Krise

Wenn meinem Sohn der Fußball fehlt - Situationsbericht einer Familie in der Coronavirus-Krise

  • Michael Schüssler
    vonMichael Schüssler
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"Mir ist langweilig", sagt mein Sohn. Ihm geht es wie quasi jeder Schülerin und jedem Schüler. Die sportliche Betätigung tendiert gegen null. So sind in den Zeiten der Corona-Krise die Eltern gefragt.

Die Corona-Pandemie hat die Welt im Griff - quasi jeder Mensch ist irgendwie betroffen. Was macht man aktuell mit Kindern und Jugendlichen, die einem Sport nachgehen? Es gibt Trainings- und Spielverbote, die Kontaktsperre trägt dazu bei, dass Eltern auf der Suche nach Lösungen für ihren Nachwuchs sind.

Seit dem 16. März sind in Hessen die Schulen geschlossen, fast zeitgleich fand auch der Sport in Hessen sein vorzeitiges Ende. Zwar wollen die Profis im Basketball und Handball ihre Saison regulär beenden, doch ob es so weit kommt, bleibt abzuwarten. Im Fußball hoffen die Profis ebenfalls, ihre Spielzeit zu beenden können, auf Amateurebene in Hessen wartet man auf die endgültige Entscheidung, ob die Saison 2019/2020 noch ein reguläres Ende finden kann.

Coronavirus-Krise: Zehn Stunden Sport fallen auf einen Schlag weg

Damit wären wir auch bei den Kindern und Jugendlichen, die praktisch seit Mitte März mehr oder weniger im Verbund mit der Familie versuchen, einen geregelten Tagesablauf mit der Schule im Homeoffice zu gewährleisten.

Was aber den Sport betrifft, ist guter Rat teuer. Das sehe ich an meinem Sohn: Normalerweise zweimal die Woche Training, ein Pflichtspiel am Wochenende, eventuell statt Training ein Testspiel, vier Stunden Sport in der Schule. Macht ungefähr in der Woche zehn Stunden Sport, die weggefallen sind. Nicht mit eingerechnet ist außerdem Zeit, die er mit seinen Freunden auf den Bolzplatz zubringt.

Coronavirus-Krise: Appell von Lehrer und Trainer an die Eltern

Fußball in Zeiten von Corona: Nur in der Familie - mehr geht momentan nicht. Sehr zum Leidwesen von Kindern und Jugendlichen. 

"Was allen Kindern fehlt, sind die sozialen Kontakte", sagt Lehrer Thorsten Dinkel von der Freiherr-vom-Stein-Schule in Wetzlar. Dinkel war als Fußballer früher unter anderem für den VfB 1900 Gießen und den SC Waldgirmes aktiv, aktuell ist er als Co-Trainer beim Gruppenligisten FSV Braunfels tätig. "Versuchen sie, mit ihrem Kind irgendwie etwas Sport zu machen, appelliert Dinkel an die Eltern. "Gehen sie mit ihnen Laufen, viel mehr ist derzeit ohnehin kaum machbar. Das ist natürlich kein wirklicher Ersatz für Sport in einem Verein." 

Als Idee für seine Sportklasse hat er sich eine "Challenge" ausgedacht. "Ich gehe nach Möglichkeit zwei-, dreimal die Woche laufen. Meine Zeit gilt es nun, von den Schülern zu unterbieten. Aber die ist schon ambitioniert. Aber jeder, der mitmacht, auch wenn die Zeit nicht geknackt wird, erhält einen Preis, wenn der Schulbetrieb wieder aufgenommen werden kann", sagt Dinkel, der hofft, dass die Schule "vielleicht im Mai" wieder offen ist.

Coronavirs-Krise: Die sozialen Kontakte fehlen

Auch Thorsten Zint, Vater eines Zwölf- (Ben) und eines 15-Jährigen (Paul), ist in diesen Zeiten mit seiner Ehefrau sehr gefordert. "Wir versuchen, Laufen zu gehen oder Fahrrad zu fahren. Aber das reicht nicht, die Jungs können sich nicht richtig auspowern. Ihnen fehlt der Fußball im Verein und die sozialen Kontakte, die damit einhergehen, so der 50-Jährige. "Aber in dieser Situation müssen wir alle versuchen, das Beste daraus zu machen, auch wenn es für die Kinder und Jugendlichen sehr hart ist. Dazu gehören natürlich auch Gesellschaftsspiele, die nicht nur wir wieder entdeckt haben."

Nun ist aber beispielsweise Laufen nicht wirklich das Steckenpferd meines Sohnes. Wir versuchen nach Möglichkeit, so oft wie möglich Fußball zu spielen. So gut es eben geht im Garten - das ist schon Luxus, vielen Menschen steht so etwas nicht zur Verfügung. Oder bei uns auf der Straße, dann aber immer das Kontaktverbot mit anderen im Kopf. Das geht mal 30 Minuten gut, dann meldet sich der Sohn mit der lapidaren Aussage: "Das ist langweilig." Stimmt, aber was sollen Eltern tun? Und wir wissen von seinen Klassenkameraden, die Jungs spielen fast alle Fußball, dass es diesen Familien - siehe Zints - kaum besser geht als uns, wenn es derzeit um sportliche Betätigung geht.

Coronavirus-Krise: Videospiele als Alternative?

Es gibt zwar auch viele Videoangebote von Vereinen, sodass man ein wenig Sport in den eigenen vier Wänden betreiben kann. Doch Kinder und Jugendliche müssen und wollen auch raus. Natürlich sind solche Videos aktuell ein gutes und nachahmenswertes Angebot, doch es ersetzt nicht den Sport im Verbund - vor allem bei Mannschaftssportarten wie eben Fußball.

Dazu gesellt sich, dass sich die sozialen Kontakte der Kinder und Jugendlichen auf die Familie bzw. beim Computerspiel via Headset mit den Klassenkameraden beschränken. Für alle eine mittlere Katastrophe. Dementsprechend möchte nicht nur unser Sohn so oft wie möglich spielen, um mit seinen "Kollegen", wie er sie nennt, im Kontakt zu bleiben. Harte Zeiten für Kinder und Jugendliche. Dennoch versuche ich, meinen Filius - sofern es die Zeit erlaubt - zum Fußball zu animieren. Der Erfolg ist überschaubar. Da aber aller Voraussicht nach bis Ende April gesellschaftliche Aktivitäten jeglicher Art erheblich eingeschränkt bleiben, müssen wir als Familie versuchen, unseren Sohn irgendwie bei Laune zu halten.

Coronavirus-Krise: Sport ist in vielerlei Hinsicht wichtig

In meiner Not habe ich mich nun sogar entschlossen, in Kürze mit meinem Sohn zu laufen. Und das ist die Sportart, mit der ich nun persönlich nicht sonderlich viel am Hut habe - das ist noch geschmeichelt. Laufen ist nichts für mich. Für meinen Sohn übrigens auch eher ein ungeliebter Nebeneffekt des Fußballs. Es wird eine Quälerei werden - vor allem für mich. Immerhin wird mein Sohn aber einiges zu schmunzeln haben, wenn sein Vater die Sportart Laufen betreibt. Ich selbst halte es da nämlich eher mit Wolfgang Overath, Fußball-Weltmeister 1974: Ich laufe mehrere Male in der Woche draußen. Aber da frag ich mich nach 300 Metern, was machst du da? Laufen ohne Ball ist für mich eine einzige Quälerei, das ist immer ein Kampf gegen mich selbst", klagte er mal in einem Interview mit dem "Express".

Eines wird dabei auch klar: Sport ist wichtig! Erst wenn man auf etwas verzichten muss, zeigt sich, welchen Stellenwert dies besitzt. Es geht um das Miteinander, das Messen mit anderen Mannschaften. Feiern, wenn man gewinnt, zerknirscht sein, wenn man verliert. Man gewinnt auch neue Freunde. All das trägt dazu bei, dass sich Kinder und Jugendliche besser fühlen. Sie haben etwas getan - gemeinsam. Denn Sport verbindet.

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