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Wenn im entscheidenden Moment der Ball platzt

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Die Luft ist raus. Im Fall der SG Laubach stellt sich die Frage: War der Ball platt, bevor er die Linie überquert hat oder erst danach.	(F.: Imago)
Die Luft ist raus. Im Fall der SG Laubach stellt sich die Frage: War der Ball platt, bevor er die Linie überquert hat oder erst danach. (F.: Imago) © Imago Sportfotodienst GmbH

(sno) Plötzlich machte es Zisch. Der Ball trägt einen Schaden davon, das Spiel läuft aber weiter. Die Laubacher SG trifft Sekunden später, der Gegner in der Gruppenliga protestiert und der Schiedsrichter nimmt das Tor zurück. Der Fall landet vor Gericht. Die entscheidende Frage aber bleibt offen.

»Wann war der Ball platt?«, fragt der Laubacher Eric Schneider. »Das ist doch die entscheidende Frage.« Diese Frage führte am Mittwoch vier Vertreter der SG Laubach/Ruppertsburg/Wetterfeld und zwei Spieler des SSV Langenaubach vor das Regionalsportgericht in Herborn. Diese Frage sorgt für Kopfschütteln auf der einen und Schmunzeln auf der anderen Seite. Denn erlebt haben alle Beteiligten so etwas noch nie. »Ich pfeife seit 19 Jahren und habe über 2500 Spiele als Schiedsrichter geleitet – so etwas hatte ich noch nie«, gesteht Bernd Henge, der sagt: »Ich hatte diese Regelfrage immer nur belächelt.« Er stand als Referee, am 1. März in Ruppertsburg auf dem Platz. Was war passiert?

Im Gruppenliga-Spiel zwischen Laubach/Ruppertsburg/Wetterfeld und Langenaubach steht es nach 81 Minuten 1:2. Die heimische SG ist Tabellenletzter und kämpft um jeden Punkt. Nach einem Freistoß der SG kommt es in der Mitte zum Pressschlag zwischen dem Laubacher Julian Vogeltanz und einem Langenaubacher. »Es war ein unglaublicher Pressschlag, den ich so noch nie gesehen habe«, meinte Schiedsrichter Henge. Der Ball erleidet in dieser Szene einen Schaden, wie hoch, das kann hinterher keiner der Beteiligten sagen.

»Es waren ja Bruchteile von Sekunden«, meint der 41-jährige Henge. Der Ball springt zum Laubacher Eric Schneider, der mit seinem Schuss ins linke untere Eck des Tores trifft. In dieser Szene gehen die Meinungen dann auseinander. Vorweg: Das Ausgleichstor wird nicht gegeben. Der 24-jährige Schneider sagt: »Mein Schuss ist als runder Ball ins Tor gegangen. Natürlich hatte er an Luft verloren. Als ich geschossen habe, hat er sich aber ganz normal angefühlt. Der Ball wäre ja nicht bis zum Tor gekommen, wenn er völlig kaputt gewesen wäre.« Pikant: Marco Wiemken, 27-jähriger SG-Spieler, stand am langen Pfosten. »Ich sah, wie der Ball ins lange Eck trudelte.« Er grätscht in den Ball, berührt ihn aber erst hinter der Linie, vermutlich hat er endgültig dafür gesorgt, dass der Ball unbespielbar wurde.

»Ich pfeife nie, wenn ein Tor

fällt. Warum dieses Mal?«

Laut Laubacher Aussagen habe der Schiedsrichter gepfiffen und zur Mittellinie gezeigt. Erst die Proteste der Langenaubacher hätten ihn durch das Betrachten des platten Balles zum Umdenken gebracht. Henge schildert aus seiner Sicht: »Während des Pressschlags hörte jeder ein Zischen des Balles. Dann brüllte der Torhüter: ›Der Ball ist platt.» Es ging alles so schnell, deshalb habe ich erst nicht reagiert. Aber für mich war danach klar: Der Ball war schon während des Spiels platt. Deshalb gab es Schiedsrichterball.« Zum Pfiff, den es aus Laubacher Sicht gegeben hat, sagt Henge: »Ich pfeife nie, wenn ein Tor fällt. Warum sollte ich es dieses Mal getan haben?«

Das Regelwerk besagt, dass ein Schiedsrichter grundsätzlich bei einem Tor nicht pfeifen muss, insofern hat Henge recht. Ausnahme: »Ein Pfiff muss erfolgen, wenn es sich um eine zweifelhafte Entscheidung handelt«, schildert Kreislehrwart Martin Reitz. Um eine solche handelte es sich in dieser Situation nach dem Vernunftsdenken schon. Aber: Selbst wenn der Schiedsrichter gepfiffen hätte, solange kein Anstoß erfolgt ist, kann er das Tor jederzeit zurücknehmen. Die Frage, ob er pfiff oder nicht, ist somit letztlich zweitrangig.

Die entscheidende Frage bleibt: Wann war der Ball nicht mehr bespielbar? War es ein regulärer Treffer? Bernd Henge wählte die sichere Variante und verwehrte dem Tor die Gültigkeit. In Herborn verteidigte er das am Mittwoch nun vor dem Sportgericht.

Die SG Laubach/Ruppertsburg/Wetterfeld hatte Einspruch eingelegt. Dieser wurde am Mittwoch in Herborn zurückgewiesen. Die Begründung von Horst-Günther Konle, Vorsitzender des Regionalsportgerichts: »Wichtig ist bei solchen Verhandlungen in erster Linie die Aussage des Schiedsrichters. Es gilt die Vermutung der Richtigkeit – das muss widerlegt werden.« Da die Laubacher keine handfesten Beweise hatten, schlussfolgerte Konle: »Der Ball war defekt, bevor er die Torlinie überquerte. Der Schiedsrichter konnte bloß nicht schnell genug pfeifen.« Als »neutrale Zeugen« verwies der Mann mit der Pfeife vor Gericht unter anderem auf die Väter seiner Assistenten, Florian Fischer und Jan Drescher.

In Laubach schüttelt man darüber den Kopf. Schneider, der Schütze des nicht gegebenen Tores, sagt: »Der Schiedsrichter hätte vor Gericht Größe beweisen können. Das hat er nicht gemacht. Er hat es vor Gericht so dargestellt, als ob für ihn natürlich alles klar gewesen wäre.« Die SG muss als Verlierer des Rechtsstreits nun die Kosten von rund 500 Euro übernehmen. Sie hat nicht nur das Duell vor Gericht verloren. Auch das Spiel gegen Langenaubach ging verloren. Mit 2:3, durch ein Gegentor in der 92. Minute.

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