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Weniger ist mehr

  • Christoph Sommerfeld
    vonChristoph Sommerfeld
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Gemeinsam tanzten sie im englischen Blackpool durch das Scheinwerferlicht und schrieben Gießener Sportgeschichte. Mittlerweile führen Alice Shobeiri und Ralf Burk ihre Passion als Trainer fort. Ein Gespräch über gesellschaftlichen und sportlichen Wandel im Tanzen.

Alice Shobeiri kommt als erste ins Gießener Stadtcafe in der Johannesstraße. Ralf Burk folgt fünf Minuten später. Er arbeitet selbstständig als Schneider und hatte noch Kundschaft im Atelier. "Normalerweise bin ich nie pünktlicher als Ralf", sagt Shobeiri, deren Mädchenname Trabert lautet. Burk/Trabert schrieben von 1980 bis 1992 Gießener Tanzgeschichte. Als S-Paar gewannen sie u. a. German Open und US Open, holten den deutschen Vizemeistertitel Latein und tanzten die Welt- und Europameisterschaft. Heute sind beide als Trainer bzw. Tanzlehrer tätig. Wer könnte besser geeignet sein für ein Gespräch über die Bewegung zur Musik...

Tanzen kann so viel sein. Vor allem ist es mehr als nur Sport. Tanzen kann eine Kunst sein, ist oft ein Lebensgefühl, vielleicht manchmal ein Annäherungsversuch oder sogar eine Therapieform.

Vor etwa 30 Jahren hatte Tanzen im Leben der Deutschen noch einen anderen Platz. Eltern legten ihren Kindern nahe, nach Konfirmation oder Firmung einen Tanzkurs zu besuchen. Eine Tradition, die heute etwas an Bedeutung verloren hat. Ralf Burk hat in der Gießener Tanzschule Bäulke mit dem Tanzen begonnen. "Damals gab es vier bis fünf Anfängerkurse für Jugendliche pro Woche", sagt der 57-Jährige. Heute ist die Zahl leicht gesunken. In Deutschlands ältester Tanzschule ist man zufrieden mit dem Besuch.

Trotzdem glaubt Shobeiri zumindest aufgrund ihrer Erfahrungen einen leichten Abwärtstrend ausgemacht zu haben: "Mein Sohn ist 17. Er und seine Kollegen interessieren sich nicht für solche Kurse. Er macht Kickboxen oder geht lieber ins Fitnessstudio."

Viel mehr zurückentwickelt hat sich indes das Brauchtum der Bälle. Wo einst noch jede Berufsinnung feierliche Anlässe per Ballabend zelebrierte, machen das heuer - zumindest in Westdeutschland - nur noch Tanzschulen und -vereine. "Du hattest den Sportlerball, Prinzenball, Silvesterball - was du wolltest", erzählt Burk. "Man hat sich fein gemacht mit einem tollen Kleid, ging zum Friseur", denkt Shobeiri gern zurück. "Ich war schon zwei Wochen vorher aufgeregt." Die 52-Jährige will dabei auch einen Wandel der Werte erkannt haben. "Welcher junge Mensch hat denn noch Lust, sich chic zu machen?", fragt sie provokativ und schränkt dann ein: "Okay, die Mädels vielleicht."

Für Burk hat die veränderte gesellschaftliche Bedeutung des Tanzes noch andere Gründe: "Tanzturniere konnte man im TV sehen, aktuell schauen die Leute das bei YouTube", sagt der Gießener, der in seiner Kindheit zum Fernsehballett durchs Wohnzimmer tänzelte. Mittlerweile verfolgt er diverse Turniere über einen kostenpflichtigen Stream. Tanzen findet im TV höchstens noch im dritten Programm statt, das am Jahresende die Formationsmeisterschaften im Spätprogramm überträgt. Und natürlich bei "Let’s Dance". "Dieses Format spricht viele an", glaubt Burk. "Aber vor allem wegen der Show."

Nicht zuletzt deswegen wird das RTL-Format unter Fachleuten häufig zerrissen. Die legen immer noch Wert auf den Sport. Und gerade aus sportlicher Sicht hat Tanzen eine wesentliche Veränderung erfahren, seitdem Burk und Shobeiri zum letzten Mal unter Wettkampfbedingungen auf dem Parkett standen. Zum einen hat sich die Zahl der Aktiven, die bei Turnieren um Platzierungen kämpfen, drastisch verringert. Zum anderen sind die Bedingungen heute andere: "Die Musik ist langsamer. Wir hatten im Schnitt vier Takte mehr pro Minute", erklärt Burk. Auf der anderen Seite sind die Choreografien voller geworden. "Da sind jetzt zwölf Schritte, wo früher vier waren", sagt Shobeiri.

Die vielen Aktionen zwischen den Taktschlägen können aber auch dazu führen, dass Programme überchoreografiert wirken. Das ist ein schmaler Grat. "Hier noch ein ›und‹, da noch ein ›a‹. Viele Paare sehen schnell überfordert aus. Die Qualität bleibt auf der Strecke", glaubt Ralf Burk. "Mit weniger Choreografie hast du die Möglichkeit, Volumen zu zeigen, die Bewegungen besser auszutanzen", meint Alice Shobeiri. "Weniger ist mehr", könnte man es auch nennen. Ein Motto, unter dem schon Trainerlehrgänge standen, die beide regelmäßig besuchen. Burk trainiert die Lateinpaare des Rot-Weiß-Clubs Gießen und des TSC Schwalmkreis. Shobeiri ist Latein-Trainerin beim TSC Fulda und gibt als Tanzlehrerin Kurse in der Gießener Tanzschule Astaire’s. Beide betreuen zusätzlich Paare in Privatstunden.

Alice Shobeiri und Ralf Burk (r.) im Gespräch mit Redakteur Chris Sommerfeld.

Ein weiteres Motto für Trainerfortbildungen lautete "1 + 1 = 1" und zielt ab auf die Harmonie im Paar. Und damit haben mitunter sogar Weltmeister zu kämpfen: Burk erinnert sich an Franco Formica, der einst in Lollar lebte, für Gießener Vereine tanzte und mit einem Jahrhunderttalent für binnenkörperliche Bewegung gesegnet war: "Franco war so einer, der sich vor allem in der Zeit, in der er Weltmeister war, auf der Fläche viel um sich selbst gekümmert hat." Dabei gerät die Dame oft in Vergessenheit. Shobeiri muss schmunzeln: "Ich sage den Männern im Tanzkreis immer, dass sie ihre Frauen in Szene setzen müssen."

Ein großes Thema in der Entwicklung des Tanzsports ist für die beiden Gießener nicht zuletzt die Individualität der Paare. In Zeiten von YouTube kupfern viele ab. Dazu brauchen sie nicht mal einen Trainer. "Ein Stück weit geht das Individuelle verloren", urteilt Burk, der auch als Wertungsrichter bundesweit im Einsatz ist. Er und seine Partnerin waren einst beim norwegischen Weltmeister Espen Salberg und ließen sich für 250 DM pro Stunde ein Paso-Doble-Programm bauen. "Das hat uns zwar insgesamt 1250 DM gekostet, aber wir hatten einen eigenen Paso", sagt Burk.

Aber nicht nur für neue Choreografien reiste das ehemalige Gießener S-Paar ins Ausland. Der Tanzsport ist in der Spitze - früher wie heute - ein Stück weit Politik. Daraus machen Burk und Shobeiri kein Geheimnis. "Wenn wir wussten, wer in Blackpool wertet, sind wir zu dem gefahren und haben eine Privatstunde genommen", verrät der 57-Jährige. "Einfach, damit dich derjenige ein bisschen kennenlernt." Dieses Phänomen trete aber nur bei den Top-Paaren der S-Klasse auf. "Das kommt im unteren und mittleren Amateurbereich gar nicht vor", bekräftigt Shobeiri. Ein Zustand, der daraus resultiert, dass der Bewertung im Tanzsport zwar objektive Kriterien zugrunde liegen, die Umsetzung aber gar nicht frei von jeglicher Subjektivität erfolgen kann.

Blickt man heute auf die Top-Paare des Deutschen Tanzsportverbands, fällt auf, dass es sich dabei um Sportler handelt, die ursprünglich aus dem Ausland kommen, z. B. aus Osteuropa oder Asien. Für Burk und Shobeiri keine Überraschung. "Die sind den Drill noch gewohnt und haben die Disziplin", ist sich Burk sicher. "Tendenziell sind die Deutschen viel weniger bereit, sich zu quälen", bestätigt Shobeiri.

Im internationalen Vergleich von Interesse sind auch die Unterschiede zwischen Europa und Süd- bzw. Mittelamerika. Während der normale Mitteleuropäer viel Wert auf schöne Fußpositionen legt, kommt das Tanzen auf der anderen Atlantikseite fast ausschließlich aus dem Körperzentrum. Wenngleich Burk während seiner Zeit als Aktiver beobachten konnte, wie diese Stile zumindest teilweise verschmolzen, so fesselt ihn bis heute die Erinnerung an den Besuch einer Salsa-Bar in Miami. "Wir waren in einer Gruppe mit einem unserer Trainer da. Der war Amerikaner, kam aber aus Kuba", erzählt Burk. "Er hat uns verboten, in der Bar zu tanzen und sagte: ›Wenn ihr hier tanzt, denken die, ihr wollt sie verarschen.‹"

Mittelhessen hat bestimmt weniger gute Tänzer abbekommen als Kuba. Dennoch setzten neben Burk/Trabert und Formica auch Hans-Jürgen Burger/Ulrike Hesemann tänzerische Highlights an der Lahn. Was passieren müsste, damit in Gießen wieder mal ein Hauptgruppen-Paar in die S-Klasse vorstößt, können Shobeiri und Burk nur schwer beantworten. "Es muss ja erst mal wieder ein Talent da sein." Ein S-Paar zu trainieren, ist ohnehin nicht nach dem Geschmack der beiden. "Die saugen dich aus. Das ist ein undankbarer Job", sagt Burk. So fühlen sich beide mit ihren aktuellen Aufgaben auch viel wohler. "Wenn ich dienstags Tanzkreis habe, bekomme ich oft mittwochs eine Nachricht: ›Alice, dein Tanzkreis war wunderschön, was haben wir gelacht. Ich hab dich so lieb.‹"

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