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Das Wechsel-Theater

  • Daniela Pieth
    vonDaniela Pieth
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Von wegen Saure-Gurken-Zeit. Im heimischen Frauenhandball rumort es diesen Sommer. Oberligist TSG Leihgestern stellt sich neu auf und verfügt plötzlich über ein Juniorteam. Die meisten Spielerinnen und auch der Trainer sind von der HSG Wettenberg zur TSG gekommen.

Für Gesprächsstoff sorgte vor ein paar Wochen die TSG Leihgestern im weiblichen (Jugend-)Handball. Die Gerüchteküche kochte und schleuderte einiges an Themen in den mittelhessischen Handball-Kosmos: Abwerben von Spielerinnen mitten auf dem Feld, geflossene Gelder und unfaires Verhalten standen im Raum. "Alles Quatsch", sagt TSG-Abteilungsleiter Rainer Breidenbach, dem durchaus bewusst ist, dass die Jugendarbeit in Leihgestern in den letzten Jahren zu wünschen übrig ließ.

Seit dem Engagement von Jonna Jensen als Trainerin der ersten Frauen-Mannschaft hat sich der Trend im weiblichen Bereich eher positiv entwickelt. Nach dem Abstieg hat Jensen den Klub über die Landesliga in die Oberliga geführt. "Dafür brauchen wir einen Unterbau, deshalb die Geschichte mit der A-Jugend", erklärt Breidenbach. Vorwürfe kamen vor allem aus Wettenberg, da die dortige HSG etliche Nachwuchs-Spielerinnen an die TSG verlor. Aber auch die HSG Hungen/Lich ärgerte sich dem Vernehmen nach vor allem über Trainer Sebastian Beigel, der jetzt in Leihgestern im Nachwuchsbereich wirkt und den die HSG mit dem Abwerben von Spielerinnen in Verbindung bringt.

Beigel, zuletzt noch in sportlicher Verantwortung bei der Wettenberger Jugend, gab zu verstehen, dass sich bereits im vergangenen Jahr abgezeichnet habe, wie schwierig in Wettenberg der Weg in den Leistungssport wird. "Das war nicht mehr so, wie wir uns das alle vorgestellt haben", erklärte er. "Spielerinnen und Eltern haben deutlich gemacht: Sie fahren sehr weit, sie kommen sehr oft - da muss sich etwas ändern." In den Gesprächen innerhalb der HSG Wettenberg wurde offenbar deutlich, dass die Meinungen über die Fortführung der Jugendarbeit auseinandergehen. "Uns geht es darum, dass wir uns sportlich weiterentwickeln, und nicht darum, ob man in der Jugend in der Oberliga oder Landesliga spielt", erklärt Sportvorstand Thomas Schäfer die Wettenberger Linie. "Wir wollen die Spielerinnen bestmöglich ausbilden, um sie im aktiven Bereich an die Landes- oder Oberliga heranzuführen." Letztlich entschieden einige Wettenberger Spielerinnen, sich in der Saison 2020/21 anderen Vereinen anzuschließen. Daraufhin war auch für das Trainergespann Beigel/Dominik Jansche der eigene Abgang klar. "Zu diesem Zeitpunkt war noch völlig unklar, wohin die Reise geht", sagt Beigel.

"Ich habe mich über die Geschichte aus folgendem Grund geärgert", erläutert Schäfer: "Wenn man sich als Verein von einem Trainer - aus welchem Grund auch immer - trennt, und man hört, dass etliche Spielerinnen bei einem anderen Verein im Probetraining waren, dann gehört sich das nicht. Und ich habe mich darüber geärgert, dass sich die TSG nicht wundert, dass plötzlich ein Trainer mit einer fast kompletten Mannschaft vor der Tür steht. Gerade hier in der Region sollten wir doch miteinander und nicht gegeneinander arbeiten", macht der Wettenberger klar. Der Kontakt der Spielerinnen aus Wettenberg zur TSG Leihgestern soll durch Dritte zustande gekommen sein, die von den Problemen gehört hatten. Breidenbach ist zwar Abteilungsleiter Handball bei der TSG, hat mit der Jugendarbeit aber eigentlich nichts zu tun, denn die liegt in den Händen der HSG Linden. "Hier gehen die Meinungen über den Leistungsgedanken ein bisschen auseinander", beschreibt Breidenbach die "innerbetrieblichen" Konflikte. Dennoch setzte er sich mit Beigel zusammen und hörte sich dessen Ideen an. Für Breidenbach war schnell klar, dass das Konzept für den Leihgesterner Frauenhandball und dessen Zukunft eine große Chance ist.

Zunächst wurde mit den Trainern der beiden existierenden TSG-Mannschaften, Sebastian Vogel und Jonna Jensen, gesprochen. "Da wir natürlich auf junge Spielerinnen setzen, waren wir nicht abgeneigt und haben gesagt: Wenn wir das irgendwie managen können, wollen wir den Mädels gerne helfen und etwas ermöglichen", sagt Jensen. "Es ist unser Konzept, junge Spielerinnen aufzubauen und an den Leistungshandball heranzuführen."

Als nächstes organisierte Breidenbach laut eigenen Angaben ein Informationsgespräch vonseiten der TSG, zu dem alle Eltern und Spielerinnen eingeladen wurden, für die ein Vereinswechsel bereits feststand. Leihgestern stellte sein Konzept vor, viele Spielerinnen sagten daraufhin bei der TSG zu. "Es war aber nie so, wie es suggeriert wird, dass ich durch Wettenberg gelaufen bin und alle abgegriffen habe", macht Beigel klar. Denn letztlich sei auch er nur zur TSG gewechselt, weil ein Großteil seiner Spielerinnen dem Konzept in Leihgestern zugestimmt hatte. "Wir haben nichts Böses getan. Die Mädchen und auch ich haben ein Angebot bekommen, das wir angenommen haben."

"Der TV Lützellinden hatte damals auch nur eine B- und eine A-Jugend und hat reihenweise deutsche Meistertitel eingefahren. Da hat auch kein Hahn danach gekräht, wo die Spielerinnen herkamen", blickt Jensen auf ihre eigene Karriere zurück. "Wir bemühen uns, seitdem ich bei der TSG bin, den Spielerinnen ein attraktives Konzept zu bieten. Ich habe schon mit verschiedenen Vereinen gesprochen, die aber kein Interesse an leistungsbezogenem Handball im Frauenbereich hatten. Das ist auch ihr gutes Recht. Dann darf man sich aber nicht aufregen, wenn Spielerinnen, die in der Hessenauswahl aktiv waren, den Verein wechseln. Ich kann alle Seiten verstehen und akzeptiere auch die Philosophie anderer Vereine."

Die Vorwürfe, dass er massiv Spielerinnen überredet haben soll, weist Beigel zurück. Ebenso, dass er bei der HSG Hungen/Lich Spielerinnen nach einer Partie noch auf dem Feld angesprochen habe. "Er ist unmittelbar nach dem Spitzenspiel unserer A-Jugend gegen Wettenberg auf eine unserer Spielerinnen zugelaufen, die Mutter war auch dabei", führt dagegen der Trainer der Hungen/Licher A-Jugend, Tobias Weiser, aus. "Das sind natürlich Szenen, die sind nicht gern gesehen", erklärt Beigel und weist darauf hin, dass sich das Projekt herumgesprochen habe und er von Spielerinnen wie Eltern darauf angesprochen wurde. "Klar, sieht das blöd aus: Der Trainer geht, und die Spielerinnen gehen mit. Andererseits muss es ja einen Grund geben, wenn so viele Spielerinnen gehen", relativiert der Coach.

Und so stellt die TSG in dieser Runde bei den aktiven Damen wieder drei Mannschaften - und hat gleichzeitig eine A-Jugend am Start. Die "Erste" spielt in der Oberliga und wird von Jensen trainiert, die "Zweite" coacht Sebastian Vogel in der Landesliga. Das neue Juniorteam, also die A-Jugend, fährt zweigleisig: Im Aktivenbereich starten die Mädels in der C-Klasse, in ihrer eigentlichen Altersklasse in der Bezirksoberliga. Dieses Team wird von Beigel, Torwarttrainer Jansche und Florian Rosch trainiert, der auch in der ersten Mannschaft zum Trainerstab gehört.

Die Philosophie in Leihgestern lautet: Jede Spielerin so gut wie möglich ausbilden und ihr mit einem durchlässigen System die Chance bieten, den Sprung in die Oberliga zu schaffen. "Selbst wenn man eine Runde in der dritten Mannschaft beginnt, kann man die Saison dennoch in der ersten Mannschaft beenden", erklärt Breidenbach.

Oberstes Gebot neben der sportlichen Entwicklung ist eine sorgfältige Belastungssteuerung, die durch die Zusammenarbeit der Trainerteams gewährleistet werden soll. Der Sprung von der Jugend zu den Aktiven sei schwer und bereite etlichen Talenten Probleme. "Viele Spielerinnen gehen dem Sport dadurch verloren, und das wollte ich ändern", so Beigel. "Leihgestern hat uns diesen Rahmen geboten, nun liegt es an uns, das Ganze umzusetzen."

Bleibt noch der Vorwurf, dass die TSG die jungen Spielerinnen mit Geld gelockt habe. "Totaler Scheiß", ärgert sich Breidenbach. "Wir haben Bälle gekauft und den Mädels gesagt: Hier habt ihr jede einen, da steht eure Nummer drauf. Wenn ihr den verliert, müsst ihr ihn bezahlen. Da hieß es dann: das RB Leipzig von Mittelhessen", erklärt er die Investition des Vereins. "Es ist ja nicht so, dass wir hier eine Kiste stehen haben, und wenn sie nicht mehr zugeht, geben wir halt ein bisschen was aus. Wir haben niemanden gekauft."

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