Benedikt Turudic mit seiner Freundin vor dem Brandenburger Tor.	FOTO: PRIVAT
+
Benedikt Turudic mit seiner Freundin vor dem Brandenburger Tor. FOTO: PRIVAT

Warten aufs Handyklingeln

  • Wolfgang Gärtner
    vonWolfgang Gärtner
    schließen

Das Handy ist griffbereit und auf laut gestellt. Benedikt Turudic wartet sehnsüchtig auf einen Anruf - auf einen, der ihn wieder arbeiten lässt. Der Dreimonatsvertrag des 2,07-m-Mannes bei der BG Göttingen ist ausge-laufen. Die Gießen 46ers haben sich bei ihm auch noch nicht gemeldet.

Benedikt Turudic ist ein Gießener »Bub« und hat auf Basketballebene alle Stationen vom MTV 1846 Gießen bis hin zu den JBBL- und NBBL-Teams durchlaufen. Mit 17 Jahren verschlug es den athletischen Powerforward nach Zagreb. Dort wurden die Weichen für sein Profidasein gestellt. Bei Alba Berlin erhielt er als Doppellizenzler unter Sasa Obradovic einen »Härteschliff«. Mit dem Wechsel zum Mitteldeutschen BC gelang dem 23-Jährigen der Durchbruch in der Basketball-Bundesliga. Im Interview erzählt Turudic von seinen Gießener Kumpels Alen Pjanic, Lukas Lai und Viktor Ziring und warum es zur Arbeitslosigkeit bei der BG Göttingen gekommen ist.

Wie ist das, arbeitslos zu sein?

Es ist eine komische Situation und fühlt sich so wie in der Lockdownzeit an, in der man sich fit halten und verstärkt individuell an sich arbeiten musste.

Sie hatten einen Dreimonatsvertrag bei der BG Göttingen. Wie ist der zustande gekommen, warum wurde er nicht verlängert?

Kurz vor der Vorbereitung verletzte sich Dennis Kramer. Darauf hat Coach Roel Moors reagiert und mir den Kontrakt angeboten. Es wurde die ganze Zeit kommuniziert, dass ich bleibe. Aber durch die CoronaZeit hätte der Verein es finanziell nicht stemmen können, mich bis zum Ende der Saison zu behalten. Zudem müssen sie noch einen neuen Spieler auf der Position vier holen (gestern verpflichtet), da Jackson die Erwartung des Trainers nicht erfüllte. Und das sei mit meiner Weiterverpflichtung finanziell nicht möglich.

Warum haben Sie Ihren früheren Club, den Mitteldeutschen BC, verlassen - Sie hatten noch einen laufenden Vertrag?

Ich hatte beim MBC die Option, noch ein Jahr zu bleiben. Doch die finanzielle Situation des Clubs war wie in Göttingen angespannt, sodass ich das versprochene Gehalt nicht bekommen hätte. Ich hätte auf Geld verzichten müssen. Da dachte ich mir, bevor ich auf Geld verzichte, probiere ich etwas Neues aus.

Ein großer deutscher Spieler ist nicht billig?

Es ist, wie man es sehen will. Als teuer würde ich mich nicht bezeichnen, wenn ich höre, was die anderen Spieler für Gehälter erhalten. So viel auf das Geld habe ich in dieser Saison nicht geschaut.

In Göttingen lief es aber für Sie nicht so gut wie beim MBC. Oder?

Es ging so. Trainer Moors hat so gespielt, wie es gerade gepasst hat. In der BBL habe ich nicht viel gespielt. Aber da war ja schon klar, dass ich nicht bleibe - und warum sollen sie auf mich zurückgreifen, wenn ich ein paar Tage später weg bin?

Sie können beim MBC auf eine gute letzte Saison zurückblicken. Waren Sie damit zufrieden?

Die letzte Saison war okay, aber die davor, mit der war ich auf jeden Fall zufrieden. Das war für mich die Durchbruchsaison, in der ich ordentlich Minuten gespielt und zu Siegen beigetragen habe.

Da fällt mir Ihr starkes Spiel in Gießen ein. Sind Sie in der Osthalle immer besonders motiviert?

Es ist schon etwas Besonderes, in Gießen in der Osthalle vor Familie und Freunden zu spielen. Ich denke, für jeden Jungen, der irgendwann mal hier Basketball gespielt hat und irgendwann mal bei einem 46ers-Spiel war, ist es ein Traum, in dieser Halle zu spielen, wenn du von klein auf hier hingehst. Das war auch bei mir so.

Hatten Sie damals als junger Bub ein Idol oder einen Spieler, den Sie unbedingt sehen wollten?

Ein Idol hatte ich nicht. Am liebsten habe ich mir Chuck Eidson angeschaut. Und ein bisschen was habe ich mir von Toni Kukoc abgeguckt. Aber auch das war kein Vorbild von mir. Ich habe mir bei Spielern das rausgepickt, was ich glaubte, das ist das Beste für mich.

Mit wem pflegen Sie in Gießen intensive Kontakte?

Ich bin im täglichen Kontakt mit Alen Pjanic, mit meinem Bruder und meiner Familie natürlich. Und mit Physio Lukas Lai sowie mit Viktor Ziring. Von allen erhalte ich enorm viel Unterstützung in allen Bereichen.

Liegen für Sie Angebote vor?

Bisher noch nicht. Das macht aber alles mein Agent Matej Mamic. Die Absprache zwischen uns ist, wenn er etwas Handfestes hat, meldet er sich bei mir. Ich warte auf ein Angebot - wie meine Freundin und meine Familie. Das Handy ist die ganze Zeit auf laut - und ich warte, dass es klingelt und sich was tut.

Wären für Sie die Gießen 46ers eine Option? Sie waren hier schon vor der neuen Saison ein personelles Thema.

Für mich ist Gießen immer eine Option. Momentan ist für mich aber jeder Club eine Option, bei dem ich Spielzeit bekomme und mich weiterentwickeln kann.

Gab es diesbezüglich einen Kontakt mit Verantwortlichen der 46ers?

Bis jetzt noch nicht.

Sie sind noch jung. Wohin soll Ihr Basketball-Weg in der Zukunft gehen?

Für mich ist ein ganz großes Ziel die Euroleague. Ich identifiziere mich mit dem dortigen Basketball: dem schnellen Teambasketball, gelastet auf viel Defense. Das wäre ein Traum.

Gab es für Sie den Schlüsselmoment, der Sie zum Schritt bewog, Basketballprofi zu werden?

Mein Vater hatte Geburtstag, und mein jetziger Agent Matej Mamic, der damals Sportdirektor von Cedevita Zagreb war, gratulierte ihm per Telefon. Dabei fragte er ihn, ob ich mal nach Zagreb zu einem Probetraining kommen könnte. Eine Woche später war ich da. Und nach den Gesprächen vor Ort mit den Verantwortlichen war für mich klar, dass ich Profi werden wollte.

Das war für Sie sicherlich keine leichte Zeit - als 17-Jähriger fern von der Heimat und Ihrer Familie. Wie haben Sie das gemanagt?

Das, was Mamic dort aufgestellt hatte, war einfach grandios. Wir Jungs haben alle in einem Haus gewohnt, die Sporthalle war nebenan. Einmal in der Woche kam einer und hat den Kühlschrank gefüllt, damit wir genügend zum Frühstücken hatten. Mittags und Abends aßen wir in einem angrenzenden Restaurant. Die frühe Selbstständigkeit hat mir in meinem Profisein - ich bin seit ich 17 bin von zu Hause weg - am meisten geholfen, aber nicht nur bei der Bewältigung alltäglicher Dinge, sondern auch die permanente Selbstmotivation.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare