Handball-WM

So viel Mittelhessen steckt in der Handball-WM

  • Ralf Waldschmidt
    vonRalf Waldschmidt
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Handball-Hochburg Mittelhessen: Ihrem Namen macht die Region bei der WM auch im organisatorischen Bereich alle Ehre. Ein Überblick.

Seit 2002 bilden Hans-Dieter Klein vom TSV Klein-Linden und Tobias Weyrauch vom der HSG Hungen/Lich als Sekretär und Zeitnehmer ein Gespann. Klein und Weyrauch sind von Kindesbeinen an Handballer mit Leib und Seele, haben sich seit den 80ern bereits als Schiedsrichter verschrien, dort bis hoch in der Regionalliga gepfiffen und haben dazu im Verein und Verband unzählige Ehrenämter bekleidet. Die Handball-WM 2019 in Deutschland und Dänemark ist nach der Heim-WM 2007 ein neuerlicher Höhepunkte in ihrer Laufbahn, es gibt kaum einen mittelhessischen Handballer, der die beiden nicht kennt; es gibt Dutzende, die deren Wirken auf Facebook kommentieren oder mit einem »Gefällt mir« würdigen.

»2007 die WM-Vorrunde in Wetzlar, das war noch ziemlich familiär«, blickt Hans-Dieter Klein, der beruflich als Vertriebler im Außendienst tätig ist, zurück, »aber das hier in Köln mit 20 000 begeisterten Zuschauern ist der Knaller.« Seit 1980 als Schiedsrichter aktiv, lange Jahre Bezirksschiedsrichterwart und noch heute Schiedsrichterbeobachter des Hessischen Handball-Verbandes, war Klein mittlerweile als Zeitnehmer auch dreimal beim Champions League-Finale in Köln im Einsatz. »Da ist die Halle praktisch in vier Fanzonen unterteilt, hier bei der WM sind es aber 20 000, die allein das deutsche Team nach vorne peitschen. Das ist schon mega, da läuft es auch mir unten am Zeitnehmertisch eiskalt den Rücken runter.« Von Emotionen ganz befreien kann sich der 62-Jährige auch nicht, dafür schlägt sein Handball-Herz ebenso wie das seiner Frau Christiane ein Leben lang zu stark. »Das ist alles hochprofessionell. Wenn dann aber beim Champions League-Finale 16 bis 18 Millionen europaweit vor dem Fernsehen sitzen oder jetzt hier 20 000 die Halle in ein Tollhaus verwandeln, dann kommst du schon mal ins Schwitzen, wenn die Uhr nicht funktioniert oder die Software versagt«, weiß der Kleinlindener zu erzählen. » Das Ganze wird zwar tagtäglich gecheckt, aber solche Situationen gibt es immer mal wieder.« Bewältigt hat er sie alle.

Handball-WM: Der Mann der Zahlen aus Mittelhessen

Das gleiche gilt für Tobias Weyrauch, dessen Handball-Vita ellenlang ist und der allein im Bezirks Gießen als Schiedsrichter- und Spielwart sowie als Vorsitzender tätig war. Im Gespann mit Hans-Dieter Klein arbeitet der 62-jährige Selbstständige seit 2002 national und international, bei der WM in Köln sind die beiden Mittelhessen seit vergangenen Samstag im Einsatz, u. a. bei der Partie Deutschland gegen Island. »Ich bin für alle Daten rund um das Spiel verantwortlich«, beschreibt Weyrauch seien Tätigkeit als Sekretär, »ich habe Tore, Zeitstrafen, gelbe Karten, Siebenmeter usw. zu notieren.«

Im September/Oktober vergangenen Jahres kam die Anfrage vom Internationalen Handball-Verband, vor Weihnachten die Bestätigung. Zum Briefing und der Entgegennahme der Akkreditierung reisten Klein/Weyrauch bereits vergangenen Freitag an, seitdem sind sie an allen Spieltagen im Einsatz. Tobias Weyrauch erlebte als Handball-Fan die Vorrunde in Berlin komplett vor Ort.

Handball-WM: Gießener Lehrer als IHF-Analyst im Einsatz

In der Reihe hinter den Sekretären hat Jochen Beppler seinen Platz, der Ur-Langgönser, einst Jugendstützpunktleiter beim Handball-Bundesligisten HSG Wetzlar und Co-Trainer von Michael Roth und Ghennadij Chalepo. Der 39-Jährige ist seit 1. Dezember 2017 Chef-Bundestrainer Nachwuchs, hat sich dafür vom Schuldienst befreien lassen und gehört mittlerweile auch zum Lektoren-Stab des Internationalen Handball-Verbandes IHF. Weshalb der ehemalige Sport- und Englischlehrer an der Herder- und Liebigschule Gießen bei der WM vom ersten Tag in offizieller IHF-Funktion tätig ist und dort zusammen mit einem Franzosen und Spanier dem Education-Center angehört.

»In der ersten Woche war ich in München, jetzt gehöre ich in Köln zum Stab der IHF-Analysten«, erklärt Beppler, »Donnerstag geht es nach Hamburg.« Beppler beschäftigt sich mit taktischen Spielanalysen, ist am Schiedsrichter-Briefing beteiligt und achtet darauf, wie von Trainern und Unparteiischen die Regeln angewandt werden. Überdies zählt der Langgönser zu der Kommision, die den »Man of the Match« bestimmt.

Als Referent in der Trainerausbildung ist Beppler mittlerweile auch in anderen, meist englischsprachigen Ländern unterwegs. »Unser Lektorenstab umfasst 40 bis 50 Personen, die hier je nach sprachlichen Voraussetzungen eingesetzt werden.«

Seinen Einstieg beim Deutschen Handball-Bund 2014 hat Jochen Beppler nicht bereut. »Ich habe jetzt schon zwei große Turniere hautnah miterlebt. Der DHB wird immer professioneller, der Personalbestand ständig angepasst.« Beppler ist begeistert davon, wie Deutschland den Handballsport während der WM im eigenen Land präsentiert. »In München war die Olympiahalle auch ohne deutsche Beteiligung drei-, viermal ausverkauft – und das in Köln hier ist der absolute Wahnsinn.« Bepplers Vertrag beim DHB läuft noch bis 30. Juni diesen Jahres, geplant ist eine entfristete Verlängerung, endgültig entschieden aber noch nichts. »Ich denke, wir haben mit der WM im eigenen Land eine Chance bekommen und diese auch genutzt«, sagt Beppler, »vor diesem Hintergrund und den sich daraus ergebenden Perspektiven würde ich natürlich gerne weitermachen.«

Zunächst aber einmal freut er sich auf den KölnArena-Abschluss mit den Partien Brasilien gegen Island, Frankreich gegen Kroatien und Deutschland gegen Spanien, ohne aber verhehlen zu wollen, ein wenig bereits dem Halbfinale von Hamburg entgegenzufiebern. Schließlich sitzt auch der 39-jährige Langgönser trotz Analyse-Tätigkeit nicht vollkommen emotionslos in seiner Reihe.

Handball-WM: Dänemark im Halbfinale ideal

Für den weiteren Turnierverlauf haben Tobias Weyrauch und Jochen Beppler die gleiche Ansicht. »Ein Halbfinale gegen Dänemark wäre ideal«, erklären die beiden Mittelhessen unisono. »In Hamburg vor eigenem Publikum sind unsere Chancen größer als in Herning«, sagt Weyrauch, »in einem Finale in Dänemark gegen Dänemark wären wir aus meiner Sicht klarer Außenseiter.«

Fast schon zum Inventar bei nationalen und internationalen Handball-Events gehört Berndt Dugall (Mainzlar), der sich als mittlerweile Siebzigjähriger mit dieser WM von seiner Funktionärstätigkeit verabschiedet. Von 1958 als Schüler, Aktiver, Trainer, Schiedsrichter, Bundesliga-Manager, Vorsitzender der Frauen-Bundesliga, DHB-Präsidiums-Mitglied und bei der Europäischen (EHF) und Internationalen Handball-Förderation (IHF) aktiv, war er vor einem Jahr Cheforganisator der Frauen-WM im eigenen Land und ist nunmehr bei der Männer-WM 2019 von der IHF als Spielort-Manager für München und Ham,burg beauftragt. »Alles Organisatorische rund um den Spielort hatte ich zu verantworten«, sagt Dugall, »vom Aufbau über TV-Positionierung, dem exakten Spielablauf mit Einlaufkids und Hymne bis zur »Spieler des Tages«-Wahl.«

Handball-WM: Mainzlarer feiert Abschied

Vom 8. bis 18. Januar war Dugall, zusammen mit Bernd Bierau einst das Management-Gesicht des Frauenbundesligisten TV 05 Mainzlar, von morgens bis abends in München tätig. Die Hauptrunden-Tage von Köln verbrachte der 70-Jährige zu Hause, heute fährt er - wie immer - mit dem Zug nach Hamburg und übernimmt für den deutschen Halbfinal-Ort die Cheforganisation. Was hat ihn am meisten beeindruckt in der Nicht-Handballmetropole München? »Das Interesse der Zuschauer und die Begeisterung für unseren Sport. Ich hätte nicht gedacht, dass wir die Halle an drei Tagen ausverkauft bekommen und die Stimmung so riesig sein würde.« Auch in der Stadt sei die Handball-Weltmeisterschaft präsent gewesen und selbst die Bayern-Stars Niko Kovac und Javier Martinez hätten zweimal ihr kroatisches und spanische Team in der Halle unterstützt.

Last but not least ist auch der Gießener Reinhold Roth bei der Handball-WM wieder als Physiotherapeut des DHB-Teams im Einsatz. Nach über zweijähriger Pause betreut der 63-Jährige die Gensheimer und Co. erneut, ist Tag (und falls nötig) Nacht im Einsatz - nicht nur dann, wenn die TV-Kameras ihn auf dem Spielfeld einfangen. So wie in den 80er Jahren, als die Bundestrainer noch Horst Bredemeier und Arno Ehret hießen. Reinhold Roth ist neben Teammanager Oliver Roggisch aus dem 2007er Weltmeisterteam verblieben.

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