In Fußball-Hessen hat es am letzten Wochenende viele Absagen gegeben, der Fußballkreis Gießen dagegen hat an seinem Spielbetrieb festgehalten. Wie es letztlich weitergeht, wird in den nächsten Tagen entschieden. SYMBOLFOTO: FRO
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In Fußball-Hessen hat es am letzten Wochenende viele Absagen gegeben, der Fußballkreis Gießen dagegen hat an seinem Spielbetrieb festgehalten. Wie es letztlich weitergeht, wird in den nächsten Tagen entschieden. SYMBOLFOTO: FRO

Fußball

Vertrauen und Unverständnis

  • Christoph Sommerfeld
    vonChristoph Sommerfeld
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Keiner will den nächsten Lockdown. Dennoch ist das Szenario des Stillstands nach den Absagen am Wochenende nicht unrealistischer geworden. Ein Stimmungsbild aus den heimischen Fußballkreisen.

In den Köpfen der Kicker spukt das Déjà-vu herum. Die letzten Tage erinnern stark an die Einstellung des Spielbetriebs im März. In Mittelhessen kommen die Einschläge näher. Immer mehr Vereine melden positive Corona-Tests oder Verdachtsfälle. In fünf von sieben Fußballkreisen der Region Gießen/Marburg ist der Spielbetrieb bis 8. November ausgesetzt. In Gießen und Alsfeld sind die Zahlen (noch) nicht ganz so hoch. Die Hoffnung lebt.

Bei der FSG Grünberg/Lehnheim/Stangenrod steht man der Lage mit gemischten Gefühlen gegenüber. "Wir waren zusammen mit Lollar/Staufenberg als Erste im Kreis betroffen", erinnert Pressesprecher und Reserve-Trainer Stephan Hahn an das Testspiel im August. "Die Kommunikation mit dem Gesundheitsamt und den Behörden war gut. Das hat Vertrauen geschaffen." Hahn sagt aber auch: "Wenn man sieht, dass gesellschaftlich vieles zurückgefahren wird, ist es schon schwer, weiter Fußball zu spielen."

Bei der Kreisoberliga-Partie der Grünberger am Sonntag reiste die TSG Leihgestern schon komplett in Trikots an. Geduscht wurde später zu Hause. Dieses Vorgehen als Neuerung im HFV-Hygieneplan hält Hahn für durchaus denkbar und könnte sich auch einen Totalausschluss der Zuschauer vorstellen. "Im unteren Amateurbereich könnten die Klubs womöglich damit leben. Dort, wo Geld gezahlt wird, vermutlich nicht."

Ähnlich wie der Grünberger Vereinsvertreter sieht es Benjamin Seim. Der Spielertrainer von A-Ligist TV/VfR Groß-Felda hat in diesen Tagen regen Kontakt mit dem Vorstand. "So lange es irgendwie möglich ist, sollten wir weiterspielen", plädiert er und könnte sich dabei auch verschärfte Maßnahmen hinsichtlich Nutzung von Kabinen und Duschen vorstellen. "Soweit ich das als Laie beurteilen kann, geht doch vom Fußballspiel per se kaum Gefahr aus. Ich habe noch nichts gehört von einer Ansteckung während des Spiels. Gefährlich sind meines Erachtens viel mehr die Begleiterscheinungen, das Vorher und Nachher", meint Seim, der den Weg der Verantwortlichen in den Kreisen Alsfeld und Gießen für richtig hält. Er hat eine klare Meinung zu den Absagen, die am Sonntag in der A-Liga für Wirbel gesorgt hatten (diese Zeitung berichtete). "Ich kann die Vereine nicht verstehen, die Druck aufbauen auf den Kreisfußballwart", sagt Seim.

Die Feldataler, deren Verdachtsfall nach Trainerangaben mittlerweile negativ ist, könnten am Sonntag wieder ins Spielgeschehen einsteigen. "Ich würde es von jedem meiner Spieler akzeptieren, wenn er sagt: ›Ich möchte das derzeit nicht.‹ Aber ein Großteil meiner Mannschaft will spielen", erklärt der Coach, der sich als Freund einer vernünftigen Differenzierung zu erkennen gibt und - bei den Zahlen in der Nachbarschaft - auch Verständnis für den Spielstopp in Marburg, Biedenkopf, Frankenberg, Dillenburg und Wetzlar aufbringt.

Ganz anders sieht es Matthias Richter. Der ist Vorstand Sport beim JFV Mittelhessen Fernwald und trainiert die U12. Für das vergangene Wochenende hatte Kreisjugendwart Klaus-Jürgen Schretzlmaier die Begegnungen für den heimischen Nachwuchs abgesagt. "Ich hätte mir hessenweit eine klare Vorgabe vom Verband gewünscht. So spielen einige weiter, andere nicht. Und wenn ich dann sehe, dass manche Vereine bei ausgesetztem Punktspielbetrieb am Wochenende trotzdem Freundschaftsspiele bestreiten, verstehe ich gar nichts mehr", kritisiert Richter.

Beim Gruppenligisten SG Kesselbach/Odenhausen/Allertshausen, der Corona-bedingt nun schon drei Partien pausieren musste, kann der Trainingsbetrieb heute wieder aufgenommen werden. Die Rabenauer sind nach den jüngsten Abgängen von Trainer Stefan Hassler, Steffen Spotka und der Auszeit von Heinz Stehle personell arg gebeutelt. "Wir haben noch 17 Spieler im Kader, davon ist ein Torhüter verletzt", erklärt der Sportlicher Leiter Helmut Nachtigall. Einen Totalausschluss von Zuschauern zur Krisenbewältigung hält er für problematisch. "Den Vereinen würden alle Einnahmen wegbrechen - Eintritt und Verkauf." Außerdem bringt Nachtigall den Aspekt der praktischen Umsetzung ins Spiel. "Wie soll das funktionieren, wenn man keinen eingezäunten Platz hat? Da müsste man Ordner rumschicken, die die Leute auffordern, wieder zu gehen."

Im Fußballkreis Gießen wurde am Wochenende gespielt, gestern Abend tagte der Kreisfußballausschuss Gießen, um über ein weiteres Vorgehen zu diskutieren. Stand heute: Es wird (vorerst) weiter gespielt. "Wir werden keine Alleingänge unternehmen", sagt Kreisfußballwart Henry Mohr, der auf das Treffen des Hessischen Fußball-Verbandes am Donnerstag verweist. "Wir streben eine einheitliche Lösung an", so Mohr weiter. Klar ist aber auch: "Die Gesundheit geht immer vor", sagt Mohr. Man ist aber bestrebt, die Runde so lange wie möglich fortzusetzen. MS

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