Es geht wieder los auf den heimischen Leichtathletik-Bahnen. FOTO: RAS
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Es geht wieder los auf den heimischen Leichtathletik-Bahnen. FOTO: RAS

Ein verlorenes Jahr

  • vonRainer Schmidt
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Corona hat die komplette Leichtathletik-Szene lahmgelegt. Für die Athleten aus der Region Mittelhessen ist es ein verlorenes Jahr. Auf allen Wettkampfebenen.

Aus heimischer Sicht startete der erste Freiluftwettkampf des Corona-Jahres am Samstag mit einem Einladungstestwettkampf des TV Wetzlar (Bericht auf dieser Seite). Eingeladen war der HLV-Kader aus den Bereichen Sprint, Kurz- und Langhürde. So gaben auch Michael Pohl, der 100-m-Meister von 2019 und Elias Goer aus Wieseck, 200-m-DM-Dritter des Vorjahres, in Wetzlar ihren Saisoneinstand. Einzig Kevin Kranz, der durch das Pfeiferische Drüsenfieber im letzten halben Jahr gehandicapt war, wird erst in der Hallensaison wieder Wettkämpfe bestreiten.

Ebenfalls auf Wettkämpfe freuen sich Lisa Mayer und Rebecca Haase, die sich wie ihre Mannschaftskameraden Pohl und Goer im Bundesleistungszentrum Kienbaum in einem einwöchigen Trainingslager ihren letzten Schliff für die verkürzte Saison holten. Lisa Mayer, eineinhalb Jahren lang durch Verletzungen und Infekte gebeutelt, war bei der Hallen-DM mit Platz drei über die 60 m sensationell stark in die deutsche Spitze zurückgekehrt. Für Mayer war es wichtig, mit dem allgemein als anspruchsvoll empfundenem Training in Brandenburg wieder raus zu kommen und die Mädels wieder zu treffen. "Ich bin gesund, schmerzfrei und fit", betonte die 24-jährige gebürtige Niederkleenerin. Haase startete bereits am Freitagabend bei der 27. Charlottenburger Mittsommernacht im Berliner Mommsenstadion (Bericht nebenstehend).

Leichtathletik 2020 - Alles ist anders

Normalerweise beginnt die Freiluftsaison der Leichtathletik im April. Kreis-, Regions- und Landesmeisterschaften sind bis Ende Juni abgeschlossen und die Besten haben sich bereits für deutsche Titelkämpfe in ihren Altersgruppen qualifiziert. Aber in 2020 ist alles anders.

Denn alle deutschen und hessischen Meisterschaften, die bis August stattfinden sollten, fallen der Pandemie zum Opfer. Ob die für September angesetzten hessischen Straßen- und Berglaufmeisterschaften durchgeführt werden, ist ebenfalls mehr als fraglich. Untergeordnete Titelkämpfe wurden generell verworfen.

Zwar soll die DM der Aktiven in Braunschweig wie ursprünglich geplant im August durchgeführt werden. Dazu hat der DLV ein umfangreiches, 45-seitiges Durchführungs- und Hygiene-Konzept entwickelt Aber die Voraussetzung zur Teilnahme, also die Qualifikation über Zeiten und Weiten, ist nicht gegeben. So wird die DM zu einem Einladungswettkampf der Kaderathleten. Zwar werden die Fernsehzuschauer voll auf ihre Kosten kommen, Leidtragende sind jedoch alle, welche die Kriterien für die Teilnahme erfüllen könnten, so aber keine Chance haben, auf sich aufmerksam zu machen.

Das trifft auch Dreispringerin Svenja Rühl von den TSF Heuchelheim. Im Februar sprang die 25-jährige für die TH Mittelhessen bei den deutschen Hochschulmeisterschaften mit 12,38 m auf den Silberrang. "Ich habe seit Februar trotz Lockdown viermal die Woche trainiert, bin phasenweise nur im Feld gelaufen oder habe Bergläufe gemacht." Derzeit gelingen Rühl aus halbem Anlauf rund 12,5 m, so dass eine Qualifikationsweite von 12,75 m wie in 2019 locker erreichbar scheint. Dazu Rühl: "Für die Athleten, welche die Hallensaison nur als Übergang benutzt haben, gibt es nun keine Chance sich zu beweisen und für die DM zu qualifizieren. Es werden nur die ersten Acht aus der Halle nominiert, plus die Kader- oder Olympiaathleten, die nachnominiert werden können. Es ist schade, das hätte mein Jahr werden können".

Für jüngere Altersklassen keine Wettbewerbe in Sicht

Als Wettkampfwart des Kreises Wetzlar bedauert Rainer Finkernagel vor allem, dass für die Altersgruppe der 12- und 13-Jährigen derzeit überhaupt noch keine Wettkämpfe geplant sind. Als Trainer der LG Langgöns-Oberkleen weist Finkernagel darauf hin, dass die Aktiven und Jugendlichen des Vereins, die bis dahin in Kleingruppen trainiert haben, ihre Leistungen gerne in Wettkämpfen bestätigen würden. So hoffen auch die 15- und 16-jährigen Jugendlichen der TSF Heuchelheim, wenigstens zu Saisonende bei einem Wettkampf antreten zu können.

Gerade erst wagte der LAV Dietzhölztal als erster Verein der Region mit einem Sprintertag den Wettkampfeinstieg. Frank Rademacher zog als Veranstaltungsleiter ein positives Fazit: Zwar hätte sich der Verein über mehr Starter gefreut, aber auf den relativ kurzfristig angesetzten Wettkampf konnte sich wohl nicht jeder Läufer einstellen. Da der HLV gerade erst in der Vorwoche die Nutzung nebeneinander liegender Bahnen erlaubte, waren Sprints mit gewohntem Wettbewerbscharakter möglich. Besonders erfreulich empfand Rademacher das Auftreten der Aktiven, bei denen die drei Monate unter Corona-Bedingungen sich deutlich im Abstandsverhalten zeigte.

Konzept für Veranstaltungen

Auf Basis der Landesverordnungen und Empfehlungen des DLV hat auch der HLV ein Konzept erstellt, um Rahmenbedingungen für einen Wettkampfbetrieb zu Corona-Zeiten zu schaffen. Dieses Konzept wird nahezu wöchentlich den aktuellsten Bedingungen angepasst.

Schon die Zulassungsvoraussetzungen zu Meisterschaften oder Wettkämpfen müssen dadurch neu definiert werden, da maximal 100 Teilnehmer zugelassen sind und höchstens zehn Personen pro Disziplin antreten sollen. Abgesehen von nicht zugelassenen Zuschauern, gibt es in dem Konzept reihenweise Verhaltensregeln. Selbst die Altersstruktur der Helfer im Sinne der Risikogruppen findet Berücksichtigung.

Insgesamt wird von den Organisatoren und Helfern viel Einsatz gefordert, um der Situation gerecht zu werden. So dürfen im Stabhochsprung und bei den Wurfwettbewerben ausschließlich nur eigene Geräte verwendet werden. Auch sind die Startblöcke nach jeder Nutzung zu desinfizieren und beispielsweise ist bei den Wurfwettbewerben ein zusätzlicher Helfer einzuplanen, der für die Desinfektion der nur von einer Person pro Wettbewerb einsetzbaren Wurfgeräte sorgt.

Internationale Veranstaltungen abgesagt

Selbst große Leichtathletik-Veranstaltungen wurden vom Leichtathletik-Weltverband verständlicherweise abgesagt. So sind die Diamond League-Meetings in Paris (Frankreich) und Eugene (USA) wie zuvor schon in London (Großbritannien) und Rabat (Marokko) in diesem Jahr entfallen. Welche der Ein-Tages-Meetings der Premium-Serie wirklich stattfinden werden, steht in den Sternen. Auch das Finale in Zürich (Schweiz) ist wegen der Corona-Krise gestrichen worden. Stattdessen wird es am 9. Juli die "Inspiration Games" geben. 30 Top-Athleten sollen dazu in acht Disziplinen jeweils in sieben verschiedenen Stadien zeitgleich gegeneinander antreten.

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