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DerJugendsport und Corona

Verlorene Generation?

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Es sind schwierige Zeiten für Sportdeutschland."Bitte bleibt mit uns zusammen aktiv", hat Alfons Hörmann, der Präsident des Deutschen Olympischen Sport-Bundes (DOSB) dieser Tage gesagt.

Viele fragen sich: Wie soll das in einer Jahreszeit gehen, in denen die Tage kürzer, die Witterungsbedingungen schlechter werden, wenn Sportanlagen, Fußballplätze, Turnhallen und Schwimmbäder für den Vereinssport geschlossen sind. Manche nicken zwar verständnisvoll, aber viele schütteln auch entgeistert den Kopf. Niemand will die Pandemie negieren und erst recht nicht die Notwendigkeit zu einschneidenden Maßnahmen, heißt es in der Dach- organisation des deutschen Sports auch mit einigen Tagen Abstand, aber gerade im Hinblick auf die Präventions- arbeit bei Kindern und Jugendlichen bittet man viel stärker um eine differenzierte Betrachtungsweise.

"Seit Mittwoch vergangener Woche übertönen die Hilferufe aus den knapp 90 000 Sportvereinen alles." So steht es im wöchentlichen DOSB-Newsletter, der an rund 5000 Multiplikatoren versandt wird.

Eigentlich hätte das Editorial Petra Tzschoppe, die DOSB-Vizepräsidentin Frauen und Gleichstellung, zum Thema "Sexuelle Gewalt im Sport" schreiben sollen, doch schnell dämmerte es allen, dass gerade ein anderes Thema viel dringender ist. Michael Schirp, der stellvertretende Leiter Kommunikation, hat deswegen für die erkrankte Ulrike Spitz einen bemerkenswerten Kommentar verfasst, der am pauschalen Bannstrahl der Politik kein gutes Haar lässt. Die Politiker wüssten schon, "vom Ortsbürgermeister bis zur Bundeskanzlerin, was der Sport beiträgt zu unserem Gemeinwesen, wie er Staat macht. Dass er Kleinkinder beweglich und testosterongesteuerte Jugendliche halbwegs sozialverträglich macht, Rentner*innen in Gang hält und Migranten, Menschen mit Behinderung, Jüngere, Ältere, Frauen und Männer integriert. Und, wenn es gut läuft, an Regeln gewöhnt, von Rauschmitteln entwöhnt, die Seele verwöhnt." Und sie würden es ja auch sagen, schreibt Schirp, an hohen Festtagen, dann werden die Vereine als "soziale Tankstellen" in den Himmel gehoben. "Aber jetzt ist die Corona-Lage so ernst, dass sich die Politik nicht anders zu helfen weiß und den Breitensport, der in der Pandemie mit all seinen gesundheitlichen und psychosozialen Heilkräften Teil der Lösung und nicht Problem ist, mechanisch einordnet und wegsperrt." Im Beschluss des Bundes und der Länder aufgelistet zwischen "Bordellen und Spaßbädern", hält Schirp fast sarkastisch fest.

Der 61-Jährige, der selbst zwei fußballbegeisterte Söhne erzogen hat, drückt zugespitzt aus, was viele Eltern und vor allem Übungsleiter denken, die nach dem ersten Lockdown in mühevoller Kleinarbeit erst dafür sorgten, dass ein ohnehin an Bewegungsmangel leidendes Land im Frühjahr wieder in Bewegung kam. Dem DOSB geht es ausdrücklich jetzt nicht um die Profiligen in Handball, Basketball oder Eishockey, auch nicht die Kaderathleten, die sich auf die Olympischen Spiele vorbereiten, und schon mal gar nicht um den Profifußball - es geht, wie Schirp es in seinem Meinungsbeitrag formuliert hat, "ans Eingemachte". Er fürchtet "Ermüdungsbrüche im Vereinsleben vor allem für Kinder und Jugendliche".

Der Autor will nicht in die falsche Ecke geraten: "Der DOSB ist kein Wutbürger, ein Drittel der Bevölkerung ist hier versammelt, alle gemeinsam tragen und übernehmen Verantwortung. Dazu zählen auch die Hygieneregeln, die überzeugend entwickelt und gelebt wurden und dazu beigetragen haben, dass der Sport bis zu dem Zeitpunkt, an dem die Gesundheitsämter bundesweit die Nachverfolgung nicht mehr gewährleisten konnten, nicht als Pandemietreiber und Superspreader aufgefallen war."

Es verstärken sich Hinweise, dass der zweite Lockdown die Vereine wesentlich härter trifft. Denn es besteht die große Sorge, dass etliche der acht Millionen Ehrenamtliche sich ernüchtert abwenden. 750 000 davon arbeiten auf Vorstandsebene, 950 000 sind zudem als Übungsleiter oder Platzwarte aktiv. Ohne ihr Engagement würde im deutschen Sport wenig laufen.

Das Thema wühlt auf. "Übungsleiterinnen würden Klagen fordern, Trainer auf die Niederlande oder die Schweiz verweisen, wo zumindest Kinder und Jugendliche weiter trainieren können", so Schirp. Tatsächlich haben die Niederlande zwar seit 13. Oktober den Amateursport verboten, aber Ausnahmen für Jugendliche bis zur U18 selbst für Teamsportarten erlassen. Die Schweiz hat seit dem 28. Oktober alle Kontaktsportarten im Amateurbereich zwar verboten, aber das gilt nicht für Jugendliche unter 16 Jahren - hier fallen lediglich die Wettkämpfe aus, Training bleibt erlaubt.

In diese Richtung würde auch der DOSB gerne gehen. Bei der Überprüfung des Bund-Länder-Beschlusse nach zwei Wochen bittet man um kleine Spielräume, wie sie Berlin für Kinder unter zwölf Jahren erlassen hat, die im Freien trainieren dürfen. Man hofft dann auf einen generellen Paradigmenwechsel.

Kinder und Jugendliche leiden

Bei näherem Hinsehen zeigt sich, dass vier von fünf Kindern und Jugendlichen in Deutschland die von der Weltgesundheitsorganisation empfohlene Bewegung von mindestens 60 Minuten täglich nicht erreichen. Die erste Lockdown-Phase hatte bereits fatale Folgen: Dadurch, dass den allermeisten Kindern feste Strukturen verlustig ginge, stellte sich eine gefährliche körperliche Inaktivität ein. Medienkonsum statt Sporttreiben - ein Automatismus, dem nicht mal gebildete Schichten einen Riegel vorschieben können.

Wer vermehrt an der Playstation zockt - und dabei oft genug Fastfood konsumiert - legt an Gewicht zu. Dabei litten schon vor Corona 15 Prozent der Kinder aufgrund von Übergewicht an Insulinresistenzen, Depressionen oder Angsterkrankungen. Wenn die Eltern wegen der ständigen Arbeit im Homeoffice nun selbst gereizt sind, übertragen sich die Spannungen auf die Kinder. Ein Teufelskreis, wenn allen ohne Sport das vielleicht wichtigste Ventil fehlt. Was macht das langfristig? Diese unsichtbaren Corona-Schäden sind bislang nur zu erahnen.

Bis dahin gelte es an die vielen kreativen Ideen aus dem Frühjahr anzuknüpfen. In einem Positionspapier mit dem DOSB werden aktive Alternativen empfohlen. Gefragt seien die Schulen: mit digitalen Bewegungsangeboten, Bewegungshausaufgaben oder bewegten Pausen. Hehre Vorschläge, gewiss, aber inwieweit nun die Schulen, an denen der Sportunterricht schon vor der Corona-Krise teils nur noch rudimentären Charakter hatte, die Funktion der Vereine übernehmen, ist doch mehr als fraglich. FOTO: IMAGO

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