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Daniel Marx (l.), Trainer der TSF Heuchelheim, und Kollege Bastian Panz von der FSG Wettenberg hoffen auf eine baldige Rückkehr zur Normalität. ARCHIVFOTO: FRO

Unausweichlich und nachvollziehbar

  • VonPeter Froese
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Die heimischen Teams in der Fußball-Gruppenliga haben die Entscheidung des Hessischen Fußball-Verbandes (HFV), die Spielzeit 2020/2021 abzubrechen, durchweg begrüßt. Es herrscht Klarheit - doch wie kann die neue Saison aussehen?

Ende März hat der Hessische Fußball-Verband entschieden, die Saison 2020/2021 aufgrund der Corona-Pandemie abzubrechen und die Spielzeit zu annullieren. Offen ist derzeit nur, wie man hinsichtlich eines möglichen Regionalliga-Aufstieges aus der Hessenliga verfährt. Zur Situation in den Vereinen und ihren Planungen für eine noch ungewisse Zukunft sprach diese Zeitung mit den heimischen Gruppenliga-Trainern.

Wie bewerten Sie die Entscheidung des HFV, die Saison abzubrechen?

Daniel Marx (TSF Heuchelheim): Sehr schade, aber letztlich unausweichlich und nachvollziehbar.

Frederik Weinecker (TSV Lang-Göns): Ich bin ein klarer Befürworter und halte die Entscheidung für absolut richtig. Die Verantwortung der Vereine wäre bei einer Fortsetzung der Saison zu groß gewesen. Ich hätte mir nicht den Schuh anziehen wollen, das Virus in den Verein gebracht zu haben. Wir haben viele Ehrenamtler, von denen wir uns wünschen, dass sie nicht ernsthaft erkranken. So macht Fußballspielen keinen Spaß.

Michael Delle (MTV 1846 Gießen): Das ist absolut nachvollziehbar, zumal jetzt alle auch Planungssicherheit haben.

Bastian Panz (FSG Wettenberg): Dies war die einzig richtige Entscheidung. Es wäre bei den steigenden Infektionszahlen utopisch gewesen, auch nur ansatzweise die Hinrunde fertig spielen zu wollen.

Dennis Frank (SG Kesselbach/Odenhausen/Allertshausen): Die Entscheidung ist absolut richtig. Unabhängig davon, ob wir Erster oder Letzter geworden wären.

Thomas Brunet (Spvgg. Leusel): Dies war eine zwangsläufige Entscheidung, die man bei dem, was in unserer Gesellschaft gerade passiert, nicht kommentieren, sondern akzeptieren muss.

Wie ist die Stimmungslage bei Ihren Spielern und im Verein?

Marx: Die Situation ist bedrückend. Die Spieler verarbeiten die Situation unterschiedlich. Insgesamt ist eine große Vorsicht bei den zeitweise mög- lichen Trainingseinheiten in Kleingruppen zu verspüren gewesen. Die Lust auf Normalität im Fußball ist riesig.

Weinecker: Im Verein sind wir uns einig, dass dies die einzig richtige Entscheidung sein konnte. Die Spieler hätten gerne weitergespielt, aber es ist auch schwierig, die Motivation über eine so lange Zeit der Pause hochzuhalten. Das nun ein klarer Schnitt gemacht wurde, macht es auch den Spielern leichter, sich auf die neue Runde zu konzentrieren.

Panz: Eine Saison zu bewerten ist schwierig, auch wenn die Tabelle gewisse Tendenzen zeigt. Wir sind nun zum zweiten Mal aufgrund der Corona-Pandemie von einem Abstieg verschont geblieben. Wir betrachten es als Geschenk, dass das Abenteuer Gruppenliga für uns noch nicht beendet ist. Die Spieler wollen wieder auf dem Platz stehen, trainieren und spielen, die Geselligkeit nach dem Spiel pflegen - und ihre Jugend ausleben.

Delle: Die Stimmung ist positiv, wir halten Kontakt, zumal wir auch viele junge Spieler haben.

Frank: Die Stimmung ist aufgeregt, weil es alle kaum erwarten können, dass es wieder los geht.

Brunet: Spieler, Trainer und Vereinsverantwortliche vermissen den Fußball gleichermaßen. Dies war und ist bei vielen eine Freizeitaktivität gewesen, die mit bis zu vier Einheiten pro Woche sehr ernst und intensiv ausgelebt wurde und nun fehlt.

Wie laufen nun die Personalplanungen für die neue Saison? Welche Probleme treten hierbei auf?

Marx: Unsere Kaderplanungen laufen gut. Wir haben bereits im November mit Spieler- gesprächen angefangen. Wir sind sehr zufrieden, dass wir bereits zu einem so frühen Zeitpunkt die meisten Spieler fixieren konnten.

Weinecker: Als Verein hat man nun ausreichend Zeit, die notwendigen Gespräche in Ruhe zu führen. Diese sind mit der Masse bereits gelaufen, der Rest erfolgt zeitnah. Allerdings ist vieles noch nicht klar: Wann wird die neue Runde starten? Wie laufen die Wechselfristen ab?

Delle: Wir versuchen, unsere Spieler zu halten, die in Gießen sind. Wir wollen mehr Nachhaltigkeit reinbekommen.

Panz: Bei uns gibt es kein Geld und wir werden weiterhin auf unsere eigenen Jugendspieler bauen. Das Scouting beschränkt sich daher auf die Frage, welchen Spieler wir in welche Elf bei den Aktiven einbauen können. Zudem stehen wir im Kontakt zu Spielern, die einen Bezug zu Wettenberg haben, weil sie hier wohnen oder in der Jugend bei uns gespielt haben.

Frank: Das sieht bei der SG gut aus. Ich habe meinen Vertrag verlängert, und auch der Kader bleibt zusammen.

Brunet: Bevor ich Anfang des Jahres meine Zusage für eine weitere Spielzeit gegeben habe, habe ich mir telefonisch die Rückmeldung meiner Spieler eingeholt, wie die Tendenz für die kommende Saison ist. Das Gros der Elf bleibt zusammen.

Gibt es bereits Zu- bzw. Abgänge?

Marx: Michael Rohde (Spvgg. Mücke), Luca Baier und Nils Schmidt (FSG Biebertal), Felix Lau (FC Gießen II), Nico Städele (TSG Dorlar), Pascal Remus (SC Waldgirmes II) und Niklas Schäfer (TSV Blasbach) werden zu uns stoßen. Leider werden wir mit Cam Stokes einen unserer wichtigsten Spieler verlieren. Ihn zieht es beruflich nach Hannover.

Weinecker: Bei uns kann ich derzeit weder Zu- noch Abgänge verzeichnen.

Panz: Michael Wagner, der aus Wettenberg stammt, wird vom SC Waldgirmes II zu uns wechseln. Andrée Heimer wird aus beruflichen Gründen pausieren.

Frank: Wir sind in Gesprächen mit Akteuren, aber spruchreif ist noch nichts.

Brunet: Winterneuzugang Marc Schlese vom SC Neukirchen/Röllshausen ist im Mittelfeld zentral und auf den Außen flexibel einsetzbar. David Steinbrecher von der SG Schwalmtal soll die Offensive verstärken.

Wie wurden/werden Neuzugänge/Talente aus Juniorenteams/unterklassigen Vereinen durch Sie gesichtet?

Marx: Yannik Pauly, der ab Sommer unser Trainerteam ergänzt, Dirk Leib als Sportlicher Leiter und ich sind seit November mehrmals wöchentlich im Austausch. Wir haben insgesamt einen sehr großen Pool an potenziellen Spielern, die wir teilweise schon seit Jahren beobachten. Dass man die Spieler aktuell nicht sichten kann, ist daher für uns nicht dramatisch.

Weinecker: Ein echtes Scouting ist in der derzeitigen Lage schwierig. Ich bin froh, dass ich über ein gutes Netzwerk verfüge und viele Leute kenne. Zudem stehe ich im Austausch mit Trainerkollegen, die mit mir auf einer Wellenlänge schwimmen.

Delle: Wir haben Zusagen aus der eigenen Jugend und auch viele aus dem aktuellen Kader, das macht für uns vieles leichter. Auch vom JFV Mittelhessen haben zwei A-Jugendliche zugesagt. Bei Spielern, die auch interessant sein könnten, ist es aufgrund der abgebrochenen Runde schwierig. Du konntest sie eigentlich nicht beobachten. Du kaufst die Katze im Sack.

Frank: Das ist natürlich schwierig, vieles geht über Mundpropaganda.

Brunet: Wir werden in der kommenden Saison wieder eine zweite Mannschaft melden und haben mit Gernot Stiebig einen Trainer, der die aus der eigenen Jugend kommenden Spieler an die erste Mannschaft heranführen soll.

Welche Gedanken haben Sie sich für die Vorbereitung auf die neue Saison gemacht?

Marx: Wir planen seit Beginn so, als ob es die Pandemie nicht gäbe, sodass wir gerüstet sind, wenn es wieder los geht. Ich hoffe, dass vor der Wiederaufnahme des Spielbetriebs ausreichend Zeit gegeben wird, um zu trainieren. Das Verletzungsrisiko ist nach einer so langen Pause sehr hoch. Wir planen daher mit acht Wochen Vorbereitung, die auch eine Pause beinhalten soll.

Weinecker: Konkrete Gedanken gibt es aufgrund der unklaren Terminlage noch nicht. Ich freue mich aber auf die Zeit, wenn es wieder losgeht. Die Vorbereitung wird ein bis zwei Wochen länger dauern müssen.

Panz: Die Spieler hatten in den letzten Wochen einen Trainingsplan an die Hand bekommen, den sie abarbeiten sollten. Auch ein grober Plan für die Vorbereitung auf die neue Saison ist da. Zunächst gilt es aber abzuwarten, wann wir überhaupt wieder trainieren dürfen.

Delle: Ich denke, dass wir für die Vorbereitung insgesamt ein, zwei Wochen mehr Zeit benötigen, Man muss auch sehen, dass nach der langen Pause, die jungen Spieler besser mit der Trainingsbelastung zurechtkommen, als die älteren Akteure.

Frank: Das ist schwierig, weil man nicht weiß, wann es wieder los gehen soll. Angepeilt ist der Start wohl Mitte Juli. Aber planen kann man erst, wenn man weiß, wann die Saison beginnen soll.

Brunet: Ich bin kein Freund von Video-Challenges, Cybertraining oder ähnlichem Star-Wars-Kram. Die Spieler wollen gegen den Ball treten und nicht ständig irgendwelche Steigerungsläufe machen. Es ist schwierig, über einen solch langen Zeitraum die Spannung hochzuhalten. Das Wettkampfverhalten, die Zweikämpfe und das Ballgefühl kann man sich aber erst holen, wenn klar ist, wann ein normaler Trainingsbetrieb wieder starten kann. Hierzu muss man mindestens sechs Wochen Vorbereitung einplanen.

Welche Schlüsse sollte man aus der Corona-Pandemie für den Amateurfußball ziehen?

Weinecker: Aus meiner Sicht sollte man die Gelegenheit nun zur Klärung einiger Fragen nutzen: Ist eine Neustrukturierung der Liga nötig, um eine kürzere Runde zu ermöglichen? Ist eine Zweiteilung der Spielzeit in eine Aufstiegs- und eine Abstiegsrunde sinnvoll? Man sollte Corona hier auch als Chance begreifen. Es gibt sicher spannende und interessante Ansätze. Man kann den Fußball ruhig etwas verändern und darf sich hier von anderen Sportarten gerne etwas - wie z.B. ein Final-Four-Turnier - abschauen.

Panz: Man sollte prüfen, ob man in der Satzung nicht die Möglichkeit, eine Verlängerung der Saison nach einer Unterbrechung zuzulassen, aufnehmen kann. Hierbei sind aber viele Aspekte, wie eine Regelung für die Wechselperioden, zu beachten.

Delle: Was uns die Corona-Pandemie gezeigt hat, ist auch, dass man virtuell einiges machen kann. Ich denke da vor allem an verletzte Spieler, die nach und nach wieder zurückkommen. Da gibt es mittlerweile gute Möglichkeiten, vor allem für jene, die zum Beispiel keine Krankengymnastik bekommen. Wir haben auch alle erkannt, wie wichtig der Sport ist, wenn wir ihn nicht ausüben können.

Frank: Erschreckend für mich ist, dass man für die Amateure und die Jugend innerhalb der letzten zwölf Monate keine Ideen entwickelt hat, wie es weitergehen könnte. Es ist die Aufgabe dieser Funktionäre, Konzepte zu entwickeln.

Trainer Dennis Frank hat seinen Vertrag bei der SG Kesselbach/Odenhausen/Allertshausen verlängert. ARCHIVFOTO: FRO
Frederik Weinecker, Trainer des TSV Lang-Göns, sieht die Pandemie auch als Möglichkeit zur Veränderung. FRO

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