+
Weltmeister Tyron Zeuge (links) dominiert den Kampf in der Rittal-Arena gegen den Briten Paul Smith und feiert am Ende einen einstimmigen Punktsieg. (Foto: Vogler)

Weltmeister

Tyron Zeuge begeistert in Wetzlar

Boxer Tyron Zeuge strotzte in der Nacht auf Sonntag vor Energie. Nachdem der Supermittelgewichtler in Wetzlar seinen WM-Titel verteidigt hatte, erschien er leichtfüßig zur Pressekonferenz.

Vor seiner zweiten Titelverteidigung hatte viel Druck auf dem Weltmeister des Verbandes World Boxing Association (WBA) gelastet. Tyron Zeuge, der derzeit einzige deutsche Boxweltmeister, sollte ein Statement abgeben. Er sollte zeigen, dass er das deutsche Berufsboxen aus seiner Krise führen kann. Er sollte beweisen, dass er das Zeug zum Helden hat. Zu einem Helden, den das deutsche Fernsehpublikum sehen will. Und das tat der charismatische Berliner in beeindruckender Manier. Die Punktrichter werteten deutlich (dreimal 119:108) für den nach 22 Kämpfen weiterhin ungeschlagenen Berliner, sahen ihn also in elf von zwölf Runden vorn. "Von einem deutschen Boxer auf diesem Niveau haben wir so eine Leistung lange nicht gesehen", schwärmte Manager Kalle Sauerland nach dem temporeichen Gefecht in der Rittal-Arena. "Tyron hat mich stolz gemacht. Wir haben gesehen, dass wir auf ihn bauen können."

Auch Lokalmatador Emir Ahmatovic erhielt für seine Leistung Lob, obwohl sich sein Gegner Ihar Karavaeu (Belarus) als "Fallobst" entpuppte. "Emir hat seine Aufgabe prima gelöst", lobte Trainer Ulli Wegner den Cruisergewichtler, der seinen Gegner bereits in der ersten Runde mit mehreren harten Schlägen in den Ringstaub schickte. "Ich hätte gerne zwei, drei Runden mehr geboxt, aber es macht ja keinen Sinn, den Gegner zu schonen", sagte der 30 Jahre alte Cruisergewichtler nach seinem dritten Profikampf, der ihn kaum ins Schwitzen brachte. Knapp 2000 Fans sahen Ahmatovics ersten Auftritt in der Heimat, empfingen ihn mit lautstarken Sprechchören. "Die Leute sind richtig abgegangen, das hat mir viel Energie gegeben", freute sich Ahmatovic, der in Wetzlar aufwuchs, mittlerweile aber in Berlin lebt. "Etwas nervös" sei er in den letzten Tagen gewesen, zumal er sich kurzfristig auf einen neuen Gegner einstellen musste. "Letztlich war das natürlich unnötig, aber daraus lerne ich", sagte der 30-Jährige, der in spätestens zwei Jahren um die Weltmeisterschaft im Cruisergewicht boxen will. Tyron Zeuge hatte in den vergangenen Tagen hingegen viel Lockerheit versprüht – und diese Lockerheit nahm er mit in den Ring.

Von Beginn an übernahm der 25-Jährige die Initiative, dominierte den Kampf mit seiner starken Führhand, boxte sehr variabel und setzte seinem Kontrahenten immer wieder mit präzisen Kombinationen zu. "Ich konnte alles umsetzen, was ich mir vorgenommen hatte", sagte Zeuge hinterher. Man hatte nicht den Eindruck, dass er mit einem Boxer im Ring stand, der Ex-Weltmeister Arthur Abraham zweimal (2014 und 2015) alles abverlangt hatte. Der 37-jährige Supermittelgewichtler verfolgte den Kampf von der ersten Reihe aus, war erstmals seit dem 23. September 2006 wieder in Wetzlar. Damals hatte sich Abraham eine legendäre Ringschlacht mit dem Kolumbianer Edison Miranda geliefert und trotz gebrochenem Kiefer die Oberhand behalten. "In Wetzlar ist meine Karriere richtig in Fahrt gekommen. Ich freue mich daher, mal wieder hier zu sein", sagte der gebürtige Armenier, der am Samstag rund eine Stunde vor dem Hauptkampf die Halle betrat und ein Blitzlichtgewitter über sich ergehen lassen musste.

Ab kurz nach 23 Uhr gehörte die ganze Aufmerksamkeit aber Newcomer Tyron Zeuge, dem Fernsehexperte Axel Schulz vorab einen schwierigen Kampf prognostiziert hatte. "Paul Smith ist ein harter Hund. Tyron muss ihn sehr früh unter Druck setzen, sonst boxt der seinen Stiefel durch." Der Mann aus Liverpool hatte vor dem Kampf nur so vor Selbstbewusstsein gestrotzt, hatte großspurig angekündigt, dass der Sonntag für das deutsche Berufsboxen "ein schwarzer Tag" werden würde. Nachdem er auch seinen dritten WM-Kampf verloren hatte, gab sich der 34-Jährige aber wortkarg. Der Pressekonferenz blieb er fern, ließ stattdessen im Krankenhaus einen Cut an der Augenbraue untersuchen. Smith hatte alles probiert, hatte sogar vereinzelt harte Treffer gelandet, doch Zeuge lieferte stets die passende Antwort. Mit herausragenden Kontern zermürbte er den Briten, der bereits mit zahlreichen Weltklasseboxern im Ring gestanden hatte. Trotz seiner komfortablen Führung erhöhte Zeuge in den letzten beiden Runden noch einmal den Druck und schickte den zähen Smith in der zwölften Runde sogar kurzzeitig zu Boden. "Ich hatte hinten raus viel Kraft", begründete der Weltmeister seine Schlussoffensive, die die begeisterten Zuschauer von ihren Sitzen riss.

Große Kämpfe winken

Nach Zeuges Triumph sickerte durch, dass der Kampfabend auf der Kippe stand. Vor zwei Wochen hatte der Weltverband WBA die Titelverteidigung gegen Smith sogar zwischenzeitlich abgesagt und stattdessen einen Rückkampf gegen den Nigerianer Isaac Ekpo angeordnet, der Zeuge Ende März mit seinem unsauberen Stil zugesetzt hatte. Wie es für den Newcomer nun weitergeht, steht noch nicht fest. "Wir prüfen alles", sagte Sauerland. Im Raum steht eine Teilnahme an einem weltweiten Turnier um die Muhammad-Ali-Trophy, an der die besten acht Supermittelgewichtler der Welt teilnehmen sollen. Tyron Zeuge wollte sich in der Nacht seines bislang wohl besten Kampfes nicht äußern. "Erst einmal trinke ich jetzt ein Bierchen", sagte der Newcomer mit einem schelmischen Grinsen. Und am Montag oder Dienstag will er sich dann eine Currywurst gönnen. Danach geht sein Boxerleben weiter. Ein Leben, das sich nach der Leistung in Wetzlar verändern dürfte. (Foto: Vogler)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare