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Der verlorene Sohn ist zurück: Dominik Mappes trägt wieder das Trikot des TV 05/07 Hüttenberg und soll das Team zum Klassenerhalt führen.

TVH macht aus Not eine Tugend

  • VonMarkus Röhrsheim
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Die finanziellen Möglichkeiten beim Handball-Zweitligisten TV 05/07 Hüttenberg sind begrenzt. Also geht der Traditionsklub mit einem erneut verjüngten Kader in die neue Saison - und mit Heimkehrer Dominik Mappes. Auf dem langen Weg zum Klassenerhalt wären Ausfälle von Leistungsträgern fatal.

Eine aufregende Saison unter Corona-Bedingungen hat der TV 05/07 Hüttenberg mit dem am drittletzten Spieltag eingetüten Klassenerhalt hinter sich. Doch nicht nur die weiter unsichere Pandemielage lässt vermuten, dass für die Handballer aus Hochelheim und Hörnsheim eine nicht weniger ereignisreiche Spielzeit bevorsteht. Denn die schon vorher existierenden engen finanziellen Grenzen hat die letzte Saison nicht erweitert. Daher macht der Traditionsverein weiter aus der Not eine Tugend und geht mit einem erneut verjüngten Team mit zahlreichen regionalen Kräften in eine fordernde Saison.

Kommen/Gehen: Bereits in der letzten Saison kamen die Nachwuchskräfte Philipp Opitz, Philipp Schwarz, Noel Höpfner, Tristan Kirschner und Patrick Jockel zu Einsätzen. Speziell beim Sieg der von Wohlrab liebevoll »Micky Mäuse« genannten Teenies in Ferndorf am vorletzten Spieltag deuteten diese an, dass hier Zukunftspotenzial heranwächst, das zum Teil durch Spielpraxis mit Ausleihen in die 3. Liga noch gestärkt werden soll. Speziell der Jüngste im Bunde, Junioren-Nationalspieler Niklas Theiß, konnte Duftmarken setzen. Zur neuen Saison steht mit dem dritten Torwart Finn Rüspeler ein weiteres Talent in den Startlöchern, um bald die große Lücke, die Torwart-Routinier Nikolai Weber hinterlassen hat, zu schließen. Nach über 20 Profi-Jahren wollen nun seine Nachfolger Dominik Plaue und Simon Böhne in die großen Fußstapfen treten.

Mit Merlin Fuß verließ eine weitere Stammkraft den Verein. Der U21-Nationalspieler wechselte zusammen mit Dieudonné Mubenzem zum vom Ex-Hüttenberger Alois Mraz trainierten HSC Coburg. Da Linkshänder im Handball ein rares Gut sind, werden diese beiden durch zwei Rechtshänder im Rückraum ersetzt. Und diese haben es in sich: Denn mit dem 20-jährigen Joel Ribeiro trägt in den nächsten beiden Jahren ein portugiesischer Allrounder das TVH-Trikot. »Um neue Impulse zu setzen, haben wir uns bewusst dazu entschieden, einen Spieler von außerhalb zu holen«, sagt Florian Laudt aus dem Sportlichen Leitungsduo über die Neuverpflichtung. Allerdings hat sich der 20-Jährige beim Linden-Cup eine Knieverletzung zugezogen, sodass sein Mitwirken zum Saisonstart unsicher ist.

Doch für noch mehr Aufsehen hat die Rückkehr des verlorenen Sohns Dominik Mappes gesorgt. Der waschechte Hüttenberger hat nach seinen Erstliga-Stationen in Erlangen und bei den Eulen Ludwigshafen zurück zu seinem Heimatverein gefunden, den er nach dem Erstliga-Abstieg 2018 verlassen hatte. Er hat gleich für vier Jahre unterschrieben. »Da ist uns ein Transfercoup gelungen«, freut sich sein Trainer Johannes Wohlrab: »Er will bei uns die Führungsrolle einnehmen. Aber man darf ihm nicht die alleinige Verantwortung aufladen.« Dem Verjüngungsprozess Platz machen musste Linksaußen Robin Hübscher, der aber auch nie an Christian Rompf vorbeigekommen ist und dessen Part nun Eigengewächs Philipp Schwarz einnimmt. Darüber hinaus ist Kreisläufer Marvin Lindenstruth, nach seiner spontanen, durch die Pandemie begünstigten Aushilfe in der letzten Saison zur HSG Dutenhofen/Münchholzhausen zurückgekehrt. Denn Moritz Zörb steht nach seiner im Auftaktspiel der Vorsaison erlittenen Schulterverletzung endlich wieder zur Verfügung. Wohlrab freut sich: »Moritz lebt wie kaum ein anderer die Hüttenberger Attribute. Er organsiert als Libero die Abwehr hervorragend.« Aufgrund der langen Pause muss man den Abwehrchef fast schon als Neuzugang einstufen.

Stärken/Schwächen: Die Personaldecke ist dünn. Zwar stehen einige junge Kräfte im Kader. Zu erwarten, dass diese langfristige Ausfälle von Stammkräften komplett ersetzen könnten, würde die Messlatte aber zu hochlegen. Das weiß auch Wohlrab, der schon in der Vorbereitung darauf hingewiesen hat, wie schwer die anstehende Saison wird. Doch vielleicht nutzt auch der eine oder andere die Möglichkeit, sich in den Vordergrund zu spielen. »Sie haben in den letzten Monaten schon große Fortschritte gemacht«, kann der TVH-Coach der Corona-Pandemie sogar etwas Positives abgewinnen, hatte er doch dadurch die Nachwuchskräfte vermehrt im Training. Gute Ansätze waren in der Vorbereitung zu sehen. Die Erfahrungen, die Weber und der nun nur noch als Co-Trainer und Stand-by-Spieler agierende Stefan Kneer einbrachten, könnten in kritischen Situationen fehlen. In wie weit die Situation, mit Niklas Theiß nur noch einen Linkshänder auf der rechten Rückraumposition zu haben, Problem oder Chance ist, muss die Runde zeigen. Auf alle Fälle sollte man von dem 18-jährigen Theiß keine Wunderdinge trotz seiner starken Debüt-Saison erwarten. »Wir halten natürlich weiter die Augen offen«, sagen die Verantwortlichen. Sie machen aber auch deutlich, dass man nur bei einer echten, auch finanzierbaren Verstärkung aktiv werden will. Zumal die Rechtshänder-Variante mit den drei gelernten Mittelmännern Hendrik Schreiber, Dominik Mappes und Ian Weber in der Vorbereitung gut funktionierte. »Das macht Spaß, wie sie den Ball laufen lassen. Die können Handball spielen. Und in der Variante sieben gegen sechs kommen wir nicht so viel in direkte Duelle, um zu guten Torchancen zu kommen«, sagt Wohlrab über Entwicklungen der Vorbereitung.

Mit der Rückkehr von Zörb hat man nicht nur einen von der Spielweise anderen Kreisläufer neben dem im letzten Jahr super eingeschlagenen Vit Reichl, sondern auch einen Abwehr-Stabilisator. Wichtig nach dem Abgang der Deckungsbank Fuß.

Trainer/Umfeld: Johannes Wohlrab wurde in der Vorrunde der letzten Saison vom Co- zum Cheftrainer befördert, nachdem ein Fehlstart Frederick Griesbach den Job gekostet hatte. Er hat das Team in die Spur gebracht und die jungen Spieler weiter entwickelt, steht aber nun vor der nächsten Herausforderung. Nachdem Sebastian Weber den 35-jährigen zuletzt zeitweise unterstützte, wird ab dieser Saison Ex-Nationalspieler Kneer, frischgebackener B-Lizenz-Inhaber, nun an seiner Seite agieren. »Der Erfahrungsschatz, den Stefan weitergeben kann, ist gerade für die jungen Spieler unbezahlbar. Andererseits kann er uns, speziell in der Deckung, auch sehr auf dem Feld helfen«, sagt Wohlrab. Die sportliche Leitung wurde bereits im Vorjahr mit den beiden langjährigen Leistungsträgern Andreas Scholz und Florian Laudt besetzt.

Zuschauer: Nachdem der TVH in der letzten Saison in der Rittal Arena in Wetzlar seine Heimspiele unter den zu dieser Zeit geltenden Auflagen absolvierte, kann der Zweitligist ins heimische Sportzentrum zurückkehren. »Natürlich waren wir froh, dort überhaupt spielen zu können. Aber schöner ist es, zu Hause vor der Haustür«, sagt Geschäftsführer Fabian Friedrich. Daher hat man dort einiges umgebaut und auch unter den Dauerkarten-Inhabern eine Umfrage gestartet. »Dort haben wir eine fast durchgängige Abdeckung mit Geimpften oder Genesenen.« Man steht weiter im Austausch mit den Behörden, ob über die 550 Dauerkartenbesitzer hinaus Tagestickets angeboten werden können.

Prognose: Natürlich lautet die realistische Zielsetzung wieder Klassenerhalt. Diesen frühstmöglich in trockene Tücher zu bekommen, wird ein Kraftakt. Bereits der Saisonauftakt hat es in sich, führen doch die ersten vier Auswärtsspiele zu Erstliga-Absteigern sowie dem aufstiegsambitionierten VfL Gummersbach. Schon in der Vorbereitung hatte Wohlrab auf den schmalen Kader hingewiesen. Ausfälle von Leistungsträgern wären fatal.

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