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Historischer Moment: Monika Ludmilova, überwätligt und mit Freudnetränen, reckt am 3. Juni 2001 den DHB-Pokal in die Höhe.

Triumph für die Ewigkeit

  • VonMarc Steinert
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Der 3. Juni 2001 ist nicht nur beim TV 05 Mainzlar in die Klubgeschichte eingegangen. Mit dem Triumph im DHB-Pokal unterstrich das Team um die Ausnahmespielerin Monika Ludmilova, dass die Region Mittelhessen Anfang des Jahrtausends Deutschlands Hochburg Frauenhandball war.

In den 1990ern und zu Beginn der 00er-Jahre wanderten die Blicke in der Frauenhandball-Szene immer wieder nach Mittelhessen. Während der TV Gießen-Lützellinden für reichlich Furore sorgte und zahlreiche nationale wie internationale Titel aneinanderreihte, hatte »Nachbar« TV 05 Mainzlar, der immerhin von 1990 bis 2005 ununterbrochen in der 1. Bundesliga spielte, 2001 historischen Höhepunkt. Im sächsischen Riesa sicherte das Team von Trainer Dirk Leun am Pfingstwochenende den DHB-Pokalsieg und feierte damit den größten Erfolg der bis dato 96-jährigen Vereinsgeschichte. Zum 20. Mal jährte sich der denkwürdige Finalerfolg gegen Bayer Leverkusen am Donnerstag. Denkwürdig gleich aus mehreren Gründen, weshalb wir die Zeit noch einmal zurückdrehen:

Zweimal im Endspiel

Zu Beginn des neuen Jahrtausends war der DHB-Pokal so etwas wie das Steckenpferd der Lumdatalerinnen. Obwohl die Spielzeiten 1999/2000 und 2000/01 auf den Plätzen sechs und sieben abgeschlossen wurden, schafften die Mittelhessen zweimal in Folge den Sprung in das »Final Four-Turnier« der besten vier Mannschaften. Im Jahr 2000 gelang den Leun-Schützlingen dabei bereits der überraschende Finaleinzug, nachdem Kontrahent TV Lützellinden sensationell mit 31:27 bezwungen werden konnte. Im Finale war der HC Leipzig (25:30) aber doch eine Nummer zu groß.

Im Jahr darauf wurde das Finalticket erneut gelöst, Borussia Dortmund um Ex-TVM-Trainer Dr. Thomas Kutka wurde überraschend deutlich mit 31:23 bezwungen. »Dieser Sieg hat uns nochmal enormes Selbstvertrauen für das Endspiel gegeben«, sagt Leun rückblickend.

Und doch waren die Mainzlarerinnen wie im Jahr zuvor im Finale nur Außenseiter. Überraschenderweise aber nicht gegen den Deutschen Meister aus Lützellinden, sondern gegen Bayer Leverkusen, das ein rein mittelhessisches Finale dank eines 34:29-Halbfinalerfolges verhindert hatte. Und auch in der Bundesliga hatte das Team von Trainerin und EX-TVL-Kreisläuferin Renate Wolf deutlich besser abgeschnitten als der TVM und war auf Rang vier ins Ziel gekommen. Dass die Leun-Sieben zudem praktisch nur zu siebt das Endspiel bestritt, machte die Sache nicht leichter. »Wir hatten doch mit großen personellen Problemen zu kämpfen, unter anderem konnte Emilia Luca nach ihrer Meniskusverletzung nicht spielen. Ich hatte praktisch keine Wechselmöglichkeiten, was den Erfolg im Nachhinein betrachtet natürlich umso wertvoller macht«, erinnert sich Leun zurück.

Ludmilova trifft 44 Mal

Unentschieden - ein Wort, das Handballer überhaupt nicht mögen, prägte den 3. Juni 2001 und ließ die Partie zwischen den Mainzlarer und den Leverkusener Damen letztlich zu einer epischen Schlacht werden, die erst nach über zweieinhalb Stunden ihr Ende finden sollte. 15:15 zur Pause, 27:27 nach 60 Minuten, 31:31 nach der ersten Verlängerung, 35:35 nach der zweiten. Was im Handballsport wirklich nur äußerst selten eintritt, passierte an diesem historischen Tag in Sachsen: Es kam zum Siebenmeterwerfen. »Ich kann mich rückblickend nur noch erinnern, dass es wirklich ein Wechselbad der Gefühle war. Ab und an hatten wir den Sieg in der eigenen Hand, wesentlich öfter schien aber Leverkusen den Erfolg einzufahren. Vieles spielte sich irgendwann im Kopf ab, die 80 Minuten hatten nicht nur physisch, sondern auch psychisch ihre Spuren hinterlassen. In dieser Partie bin ich um mehrere Jahre gealtert«, berichtet Leun, wissend um den Ausgang natürlich mit einem Lachen.

Die Arbeit des mittlerweile 57-Jährigen, der schon seit 2008 die Geschicke des Handball-Bundesligisten Buxtehuder SV leitet, war mit dem Abpfiff der Verlängerung aber noch nicht getan, es galt Schützinnen für das Siebenmeterwerfen zu finden. Doch hier war für den Journalisten keine große Überzeugungsarbeit nötig. »Der Kader war ja ohnehin schmal, alle, die auf dem Feld standen, wollten einfach diesen Titel gewinnen. Da musste ich keine Spielerin bestimmen«, betont Leun. Dass es der Außenseiter aber überhaupt soweit geschafft hatte, lag neben der Kampfkraft und dem unbändigen Willen vor allen Dingen an Monika Ludmilova. Waren Mainzlars Goalgetterin bereits im Halbfinale 17 Treffer gelungen, steigerte sie ihre Ausbeute im Finale bis zum Ende der Verlängerungen auf unglaubliche 24 Treffer. Dass »Molly« auch im Siebenmeterwerfen antrat und dort fehlerlos blieb, ließ sie an diesem Tage endgültig zu einer TVM-Legende werden. 44 Tore bei einem »Final Four-Turnier« dürften zudem eine Marke sein, die wohl nie mehr geknackt werden wird.

Siebenmeter-Krimi

Mit Ludmilova, Jarmila Majickova, Elisabeth Rebber, Peggy Treek und Kerstin Grölz waren dann die fünf Werferinnen gefunden, die sich den Bayer-Torfrauen Debbie Klijn und Silvia Harlander, die im Übrigen eine Mainzlarer Vergangenheit aufwies, gegenüberstellten. Doch zehn Würfe später waren alle im Riesaer Sportzentrum so schlau wie zuvor. Rebber und Majickova hatten ihren Ball nicht im Gehäuse unterbringen können, Hekman und Ex-TVM Spielerin Petra Cumplova auf der Gegenseite. »Vom Siebenmeterwerfen blieb mir vor allem in Erinnerung, dass Leverkusen mit allen legalen und grenzwertigen Psychotricks versucht hat, vor allem unsere jungen Schützinnen wie Lisa Rebber zu verunsichern«, erinnert sich Leun. Nach dem 38:38-Zwischenstand ging es dann weiter, und welch Glanzleistung mentaler Natur beide Teams an diesem Sonntag ablieferten, davon zeugt die Tatsache, dass alle Schützinnen des zweiten Siebenmeterwerfens die Nerven behielten und ihren Wurf verwandeln konnten - 43:43.

Dass sich ein episches Duell dann doch dem Ende entgegen neigte, dafür sorgte die Tatsache, dass es nun im »Sudden Death«-Modus weiterging. Ein Treffer hier, ein Fehlwurf auf der Gegenseite und über die Pokalvergabe wäre entschieden. Disselhoff und Ludmilova verwandelten jeweils, dann tritt Yvonne Karrasch an die Siebenmeterlinie. Doch die erst 19-jährige Torhüterin Sabine Englert, im Jahr zuvor von der TGS Walldorf nach Mainzlar gewechselt, parierte und brachte den TVM in eine glänzende Ausgangsposition. Für Englert selbst war dies der Startschuss zu einer Weltkarriere, in der sie nicht nur über 200 Spiele für die Deutsche Nationalmannschaft bestritt, sondern auch mit Final-Konkurrent Bayer Leverkusen und vor allem mit dem dänischen Verein FC Midtjylland Håndbold/Herning-Ikast, für den sie heute noch am Ball ist, zahlreiche nationale wie internationale Titel errang.

Einen verwandelten Siebenmeter waren die TVM-Damen nach Englerts Parade nun noch vom Pokalsieg entfernt, und mit Kerstin Grölz trat eine Schützin an die Linie, die schon bis zu diesem Wurf ihre eigene Pokalgeschichte zu erzählen hatte. Bei Eintracht Radeberg - nur rund 70 Kilometer von Riesa entfernt - hatte Grölz noch als Kerstin Todt ihre Karriere begonnen, war als Zweiliga-Torschützenkönigin vom SV Meißen zum TV Mainzlar gewechselt, wo sie auch ihr privates Glück in Form von Ehemann Christian fand. Sportlich war aber vor allem das »Final-Four-Turnier« im Jahr zuvor eine große Enttäuschung gewesen. Obwohl Teile der Familie und Freunde anwesend waren, spielte sie im Finale gegen Leipzig nicht. Im Jahr darauf folgte die Geburt von Tochter Ann-Kristin, sodass die körperliche Fitness zum Saisonhighlight naturgemäß zu wünschen übrig ließ. »Ich war erst wenige Wochen im Training und war überhaupt nicht fit. Ich bin dann einfach aus der psychisch starken Situation der Geburt eines Kindes aufgestanden und habe zu Dirk gesagt: Du, ich werfe jetzt den Siebenmeter! Er hat gesagt: Dann mach mal. Seitdem ist unsere Welt wieder in Ordnung«, erinnert sich Grölz zurück und natürlich auch daran, wie weh ihr es getan hatte, im Vorjahr nicht eingesetzt worden zu sein.

Doch an diesem Pfingstsonntag im Jahr 2001 fand die Geschichte der damals 30-Jährigen und ihrer gesamten Mannschaft ihr Happy End. Grölz sah sich Klijn gegenüber, setzte den Ball aber nervenstark unter die Latte und damit auch den letzten Treffer in einem gefühlt nie enden wollenden Finale. Mit 45:44 (!) hatte der TV Mainzlar im torreichsten DHB-Pokalfinale der Geschichte die Oberhand behalten und seinen ersten und einzigen nationalen Titel errungen.

Große Sause

Der Jubel kannte bei allen, die es mit dem TVM hielten, keine Grenzen, im rund 2000 Seelen-Dörfchen läuteten am Abend sogar die Kirchenglocken. Einer großen Party in Sachsen folgte am Pfingstmontag eine noch größere Sause mit aberhunderten Fans in der Staufenberger Stadthalle, bei der auch der damalige Innenminister Volker Bouffier, Landrat Willi Marx und dessen Vorgänger Rüdiger Veit zur Gratulantenschar gehörten.

»Matchwinnerin« Kerstin Grölz war bei den Feierlichkeiten übrigens nicht dabei, sondern mit Mann und Töchterchen noch bei der Familie in Sachsen geblieben. Ihren Frieden mit dem »Final Four« und ihrem Trainer Dirk Leun hatte sie aber ohnehin schon gemacht und war auch so zu einer von vielen kleinen Heldinnen geworden, die dafür gesorgt hatten, dass der 3. Juni 2001 für den TV 05 Mainzlar für immer zu einem denkwürdigen Tag geworden war.

DHB-Pokalsiger 2001: TV 05 Mainzlar.

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