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30. Todestag: Stefan Bellof, das Supertalent

1. September 1985. Es ist, als wäre es gestern gewesen, allerdings sind inzwischen 30 Jahre vergangen. Es ist ein Sonntagnachmittag, als eine erste Schreckensmeldung die Redaktion erreicht: "Stefan Bellof schwer verunglückt." Alles Hoffen, alles Bangen und alles Daumendrücken wird sich an diesem Tag als vergeblich erweisen, am frühen Abend wird aus der größten Befürchtung Gewissheit: Stefan Bellof, der 27-jährige Rennfahrer aus Gießen, ist tot. Unser Redakteur Ronny Th. Herteux erinnert sich.

In einer Zeit, in der das Internet allenfalls in Science-Fiction-Filmen angedeutet wurde und es natürlich auch noch keine Smartphones gab, liefen die Informationsflüsse noch extrem langsam und spärlich. Der ARD-Sportschau ist der Tod Stefan Bellofs nur eine Randnotiz zum Ende der Sendung wert. Später zu Hause angekommen, ein Gespräch mit dem ebenfalls betroffenen Bruder, ein kurzer Blick ins informationsfreie Fernsehen, mit relativ wenig Wissen, aber einer unumstößlichen Wahrheit, die sich quälend durch alle Gehirnwindungen wühlt, wälzt man sich im Bett hin und her und fragt immer wieder: Warum?

Erst sechs Wochen zuvor, beim 1000-km-Rennen in Hockenheim, hat mich Stefan Bellof in sein riesiges Wohnmobil eingeladen und die Fragen des aufgeregten Jungjournalisten beantwortet. Stefan Bellof war kein normaler Gesprächspartner, er war auf irgendeine Art und Weise einer von uns. Er schrieb noch seinen Namen unter die mitgebrachten Fotos und verabschiedete einen mit freundlichen Worten: "Klopfe ruhig wieder bei mir an, wenn du das nächste Mal zu einem Rennen kommst.

" Schüchtern sage ich: "Das mache ich." Es wird allerdings nie mehr dazu kommen.

+++ Mehr Fotos von Stefan Bellof in der Bildergalerie

Es waren damals andere Zeiten. Es waren Zeiten, in denen nicht jeder scheinbar auf den Boden starrend durch die Gegend schlurfte. Deutschland hatte seine Fußball-Helden, Deutschland hatte aber auch eine Menge Motorsport-Anhänger. Die belagerten den Nürburgring von Mittwoch bis Sonntag auf dem Zeltplatz und freuten sich das ganze Jahr darauf, mit Kumpels zu einem der damals noch zahlreichen Rennen fahren zu können. Hockenheim, Le Mans, Nürnberg, der Eifelkurs, Zandvoort oder Spa, der Terminkalender war im Sommer eng gestrickt. Und im Gegensatz zu heutigen Zeiten, in denen sich selbst vor Ort kaum noch jemand für die Formel 1 interessiert, waren damals Tourenwagenrennen extrem populär. Stefan Bellof übrigens war 1984 Internationaler Deutscher Rennsportmeister, dem Vorgänger der heutigen DTM. Und als Langstrecken-Champion der erste deutsche Weltmeister auf der Rundstrecke.

"Wenn ich ängstlich wäre oder Angst hätte, könnte ich mit Sicherheit gar nicht Gas geben", der Gießener war unerschrocken und mutig. An diesem 1. September 1985 vielleicht einen Tick zu mutig, als sich die beiden 1000 PS starke Boliden beim 1000-km-Langstreckenrennen in Spa-Francorchamps berühren. Jacky Ickx und Stefan Bellof fahren an der Boxengasse vorbei und stürzen sich bergab in Richtung Eau Rouge, der wohl damals schnellsten Links-Rechts-Kombination im weltweiten Motorsport. Es ist die 78. Runde, kurz zuvor hatte Bellof das Auto von Thierry Boutsen übernommen, Ickx jenes von Jochen Mass. Den Rückstand hat der Gießener im Brun-Porsche gegenüber dem Werksauto schnell aufgeholt, und so treibt das Supertalent aus Deutschland den alternden Star aus Belgien über den Ardennen-Kurs. Mit dem bekannten wie schrecklichen Ende: Vor der Eau Rouge schwenkt ein Streckenposten die blaue Flagge, Ickx fährt einen Tick versetzt rechts, Bellof interpretiert dies wohl als Einladung oder Chance zum Überholen, setzt an ... sein Todesurteil an diesem 1. September 1985. Mit Tempo 250 kracht der Gießener in die Leitplanke und ist nach späterer Auskunft der Ärzte sofort tot.

Pervers: Nur 50 Zentimeter hinter der Leitplanke grenzen Betonpfeiler die Rennstrecke von den Zuschauerplätzen ab – und dies in einer der gefürchtesten Kurve der Welt. Reifenstapel? Fehlanzeige!

Was heute unmöglich erscheint, ist eventuell auch unmöglich. Zumindest ist die Eau Rouge, die erst vor zwei Wochen Sebastian Vettel und Nico Rosberg mit ihren Formel-1-Boliden relativ gefahrlos durchfahren haben, entschärft und hat mit der von damals nicht mehr viel gemein. Für Stefan Bellof allerdings zu spät.

Natürlich wurde immer und immer wieder die Schuldfrage gestellt – restlos geklärt wird sie wohl nie. Der inzwischen 70-jährige Ickx sagte dazu in einem 2011 geführten Interview: "Stefan Bellof war der mit Abstand talentierteste deutsche Fahrer seiner Generation, unglaublich gut. Besonders auf nasser Fahrbahn. Dass ich in den Unfall verwickelt war, bei dem er zu Tode kam, das war schrecklich. Es war ein dummer, völlig unnötiger Unfall. Aber die Folgen für ihn waren grausam. Das sind Dinge, die du niemals vergisst. Niemals. Man kann es nicht rückgängig machen."

Stefan Bellof hatte eine große Anhängerschaft. In Deutschland, aber ganz besonders in und um Gießen. Er ist immer ein Gießener geblieben und hat sich stets zu seiner Heimat bekannt. Und so fieberten die Mittelhessen Wochenende für Wochenende mit ihrem Stefan, ob zu Beginn seiner Laufbahn auf der Kartbahn in Oppenrod, ob später in den nationalen Formel-Meisterschaften oder ab 1982 bei der Formel-2-EM, in der er die beiden Auftaktrennen sensationell gewann. Ab 1983 war er für das Porsche-Werksteam im Sportwagen aktiv und fuhr regelmäßig seine Teamkollegen in Grund und Boden. Die Rundenzeit von 6:25,91 Minuten für die Nürburgring-Nordschleife ist nicht nur legendär, sondern bis heute unerreicht.

1984 hatte Jacky Ickx schon einmal Stefan Bellof im Weg gestanden. Es war die Saison der Debütanten in der Formel 1, der Gießener und ein junger Brasilianer namens Ayrton Senna setzten mit unterlegenem Material die arrivierten Fahrer besonders bei widrigsten Regenbedingungen regelmäßig unter Druck. Beim Großen Preis von Monaco startet Stefan Bellof vom letzten Startplatz aus und kassiert im strömenden Regen einen Gegner nach dem anderen.

In der 27. Runde bremst der Gießener den Ferrari-Piloten Rene Arnoux mit einem sensationellen Fahrmanöver aus und nimmt als Dritter die Verfolgung von Senna und Alain Prost auf. Die beiden Youngster kommen dem Franzosen immer näher, allerdings beendet Rennleiter Ickx das Rennen aus Sicherheitsgründen vorzeitig, erspart dem McLaren-Star damit eine drohende Demütigung.

1985 schrieb der Gießener Schlagzeilen, als er beim Großen Preis der USA im hoffnungslos unterlegenen Tyrrell als vorläufig letzter Fahrer mit einem Saugmotor als Vierter in die Punkteränge fuhr. Nach seinem Weltmeistertitel bei der Endurance-WM geht der Gießener, der für 1986 einen Vorvertrag mit Ferrari in der Tasche gehabt haben soll, in seinem Todesjahr nur noch sporadisch bei Langstreckenrennen für das private Brun-Team an den Start, Vorrang hat die Formel 1. Dass es dem Hessen Freude bereitete, seinen Ex-Kollegen "um die Ohren zu fahren", lag in seinem Naturell.

Es waren jene Zeiten, als der motorsportinteressierte Mittelhesse regelmäßig am Dienstag zum Gießener Bahnhof eilte, um sich mit der druckfrischen Ausgabe der "msa" ("motorsport aktuell") zu versorgen. Der einzigen Quelle, um sich aktuell über die Ereignisse der zahlreichen Formel- oder Tourenwagen-Rennen sowie der Rallyes und Moto-Cross-Rennen zu informieren.

Heute ist alles anders. Heute ist Stefan Bellof nur wenige Klicks von uns entfernt. Jederzeit abrufbar auf Youtube sind Rennen, Dokumentationen oder Interviews von damals zu sehen. Und natürlich sein letzter Zweikampf auf der Strecke. Man mag sich an noch so viele Rennen erinnern, und doch endet alles an jenem 1. September 1985. Im Fernseh-Interview beschreibt Stefan Bellof noch kurz vor seinem Tod die Charakteristik der Eau Rouge: "Manche bremsen, manche gehen nur vom Gas." Immer wieder, wenn man sich die Bilder von einst anschaut, möchte man ihm zurufen: "Mensch, Stefan, du packst ihn eine Runde später, brems doch endlich ..."

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