Gießens Co-Trainer Marco Vollhardt sieht die Wiederaufnahme des Spielbetriebs skeptisch. FOTO: FRIEDRICH
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Gießens Co-Trainer Marco Vollhardt sieht die Wiederaufnahme des Spielbetriebs skeptisch. FOTO: FRIEDRICH

FC Gießen

Marco Vollhardt"Es ist ein Teufelskreis"

  • Michael Schüssler
    vonMichael Schüssler
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Es soll wieder losgehen in der Fußball-Regionalliga Südwest. 2020 warten auf den FC Gießen noch vier Partien. Doch sechs Klubs haben einen Antrag auf Erlass einer einstweiligen Verfügung gestellt.

Saisonstart, Corona-Pause, Teil-Lockdown, unklare Situation ob Profi- oder Amateurliga - die Fußballer der Regionalliga Südwest haben in der Spielzeit 2020/2021 bereits einiges durch. Nun soll ab dem 11. Dezember wieder der Ball rollen - die zuständige GbR mit Sitz in Karlsruhe hat am 1. Dezember entschieden, dass der Punktspielbetrieb fortgesetzt wird. So warten auf den Tabellenletzten FC Gießen in diesem Jahr noch vier Begegnungen, los geht es an diesem Samstag (14 Uhr) mit dem Gastspiel beim TSV Schott Mainz. Da allerdings insgesamt sechs Vereine - darunter auch der FC Gießen - einen Antrag auf Erlass einer einstweiligen Verfügung gestellt haben, ist offen, ob überhaupt in diesem Jahr noch einmal gespielt wird. Wie sich die aktuelle sportliche Situation beim FC Gießen darstellt, darüber haben wir mit Co-Trainer Marco Vollhardt gesprochen.

Herr Vollhardt, nun soll es wieder losgehen. In diesem Jahr hat Ihr FC noch vier Begegnungen zu absolvieren. Wie ist Ihre Gefühlslage?

Ich persönlich hatte nicht damit gerechnet, dass wir in diesem Jahr noch mal spielen werden und bin verwundert, dass die Entscheidung der Fortführung vom Spielbetrieb so getroffen wurde. Wir bereiten uns nun ein weiteres Mal auf die anstehenden Spiele vor, gefühlt ist es mittlerweile nach der offiziellen Sommervorbereitung und den Quarantänezeiten Ende September und Anfang November die dritte Vorbereitung. Auf der anderen Seite ist es schön, auf den Platz zu gehen, seiner Leidenschaft nachzugehen und zu trainieren. Aber, wenn man ehrlich ist, passt es einfach nicht zusammen und ist gegenüber vielen unserer Mitmenschen wenig bis gar nicht zu argumentieren! Wir haben aber erst mal keine andere Wahl und müssen uns bestmöglich auf die anstehenden vier Meisterschaftsspiele 2020 vorbereiten - und das tun wir gerade täglich!

In der Corona-Pause hieß es seitens der Regionalliga Südwest GbR, dass die Vereine eine zweiwöchige Vorlaufzeit erhalten würden, um sich gezielt vorbereiten zu können. Nun hat man in Karlsruhe am 1. Dezember grünes Licht gegeben, offiziell losgeht es aber schon am 11./12. Dezember. Das sind aber keine 14 Tage, wie ursprünglich angekündigt - fühlt man sich da nicht ein bisschen verschaukelt?

Wir müssen damit lernen, umzugehen! Auf der einen Seite hat man den Vereinen mitgeteilt, dass man mindestens 14 Tage Vorbereitungszeit für das nächste Meisterschaftsspiel hat, auf der anderen Seite befinden wir uns aktuell in einer Situation, in der sich Vorgaben, Regeln oder auch Absprachen innerhalb kürzester Zeit oder weniger Stunden verändern können. Ich persönlich finde die Nichteinhaltung der 14 Tage gar nicht so dramatisch, da alle Vereine die gleichen Voraussetzungen haben. Viel schlimmer finde ich, dass die Fortsetzung des Spielbetriebs der Regionalliga Südwest über die Probleme der Pandemie gestellt werden und man das Gefühl hat, dass es auf Biegen und Brechen durchgezogen werden soll - koste es, was es wolle! Die Einteilung in Nord- und Südstaffel vor der Runde hätte das Ganze sicherlich einfacher gemacht und den Terminplan etwas entzerrt, um mehr Spielraum für verlegte Spiele zu bekommen. Aber so wie die Verantwortlichen der Regionalliga sich das vorstellen, werden wir in den nächsten Monaten viele Wochen haben, in denen wir uns an den Drei-Tage-Rhythmus gewöhnen müssen. Generell bleibt die Frage: Muss man zu Corona-Zeiten vor Weihnachten Fußball spielen?

Das Wetter wird im Dezember und auch Januar, es soll am 9. Januar weitergehen, nicht wirklich besser. Ist die Entscheidung, noch in diesem Jahr wieder den Spielbetrieb aufzunehmen - angesichts der kurzen Vorlaufzeit - aus Ihrer Sicht überhaupt sinnvoll?

Man hat es ja bei unserem ersten Training Anfang Dezember schon gesehen. Es lagen zehn Zentimeter Schnee auf dem Kunstrasen, mit solchen Voraussetzungen hat das wenig mit einer adäquaten Vorbereitung zu tun, aber auch das Problem haben viele andere Mannschaften! Ich denke, es wird den einen oder anderen Tag geben, an dem das Wetter unser Training beeinflussen wird und wir nicht optimal trainieren können. Wenn das Wetter aber wie in den letzten Jahren im Dezember einigermaßen gut bleibt, spricht nichts gegen den Fußball im Dezember. Da wir auch auf Kunstrasenplätzen spielen dürfen, ist das Wetter aus meiner Sicht nicht das Problem, sondern das Virus!

Angesichts des straffen Programms, wie sieht die Trainingssteuerung aus? Die Belastung ist sehr hoch, was kann man tun, damit die Spieler vor allem keine muskulären Probleme erleiden - was kann man überhaupt angesichts der vielen Spiele in kurzer Zeit im Training machen?

Das mit der Trainingssteuerung ist eigentlich relativ simpel: Wir spielen, wir analysieren, wir regenerieren im Training und spielen schon wieder! In solch einer Zeit ist an normales Training und/oder an eine normale Trainingswoche nicht zu denken. Das haben wir ja im Oktober schon erlebt - sieben Spiele in 21 Tagen, dazu noch meist weite Auswärtsfahrten unter der Woche. Man lebt in dieser Zeit nur für den Fußball und kümmert sich neben den Spielen und den Trainingseinheiten nur um die Regeneration und Pflege, häufig auch in Form diverser Behandlungen. Aber auch trotz guter Behandlung und gezielter vorbeugender Maßnahmen, was Verletzungen betrifft, geht man irgendwann auf dem Zahnfleisch. Entweder man hat in dieser Zeit einen dünnen Kader oder man spielt mit Spielern, die nicht zu 100 Prozent fit sind. Ein Teufelskreis, mit dem wir sicher immer mal wieder in Zukunft konfrontiert werden.

Klubs, die über keine Rasenheizung verfügen, sollen bei Heimspielen auf einen Kunstrasenplatz ausweichen. Viele Vereine betrifft das, wo wird der FC Gießen seine Heimpartien bestreiten, sofern man nicht ins Waldstadion kann?

Die Klubs mit Rasenheizung kann man, denke ich, an einer Hand abzählen! Trotzdem sollte, wenn möglich, immer das Ziel sein, die Spiele auf Naturrasen im Waldstadion zu spielen. Sollte das witterungsbedingt nicht möglich sein, wovon man im Dezember und Januar ab und an ausgehen muss, könnten wir die Spiele auf unserem aktuellen Trainingsplatz, auf dem Kunstrasen an der Miller Hall in Gießen, austragen.

Es sind in der Regionalliga Südwest 22 Mannschaften am Start, für jeden Klub also 42 Spiele - ein Mammutprogramm. Hand aufs Herz: Glauben Sie, dass man die Saison angesichts der bisherigen Zwangspausen wie vorgesehen regulär bestreiten kann - und was würden Sie empfehlen?

Vorab, wir nehmen es wie es kommt. Groß beeinflussen können wir es so oder so nicht. Ich kann es mir aber aus verschiedenen Gründen nur sehr schwer vorstellen. Zum einen aufgrund der Pandemie und der damit verbundenen Gefahr für die Gesundheit aller und der Möglichkeit, wieder in Quarantäne zu müssen und somit zehn bis 14 Tage keinerlei Training oder Spiel zu bestreiten. Dazukommt das Wetter, was im Januar und auch noch Februar ein enorm hohes Risiko mit sich bringt, was unbespielbare Rasen- oder Kunstrasenplätze betrifft. Ich bin mir ziemlich sicher, wenn noch ein paar Spiele ausfallen, müssen die Verantwortlichen einen ausgearbeiteten, fixen Plan B in der Tasche haben. Mein Vorschlag wäre, die Hinrunde zu Ende zu bringen und danach eine Auf- und eine Abstiegsrunde ab Platz elf zu spielen. Die Punkte der Hinrunde werden mit in die Endrunde genommen, um die Absteiger und den Aufsteiger auszuspielen. Somit hat jeder Verein in 30 Spielen die Möglichkeit, seine Ziele zu erreichen, und man kann die Runde einigermaßen sportlich fair bis Juni nächstes Jahr beenden.

Sechs Vereine, darunter auch der FC Gießen, haben juristische Schritte wegen der Fortsetzung des Spielbetriebes gestellt. Wie stehen Sie zu den Maßnahmen?

Ich kann es nachvollziehen - und bin gespannt, wie das Tauziehen ausgeht.

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