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Gymnastik

Auf der Suche nach Ideen

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Wenn Christel Hanitsch von ihrem Sport spricht, leuchten ihre Augen. Die 80-Jährige hat schon 1952 Gymnastik beim TSV Allendorf/Lahn getrieben.

Christel Hanitsch deutet mit dem Finger auf ein altes Foto und sagt: "Da habe ich keine Zöpfe mehr - da muss ich entweder zwölf oder 13 Jahre alt sein." Auf dem Bild (siehe oben) führen junge Mädchen auf dem alten Allendorfer Sportplatz Übungen vor - im Hintergrund auf einer Anhöhe bestaunen Zuschauer den Auftritt.

Christel Hanitsch ist eine Zeitzeugin. Als Kind trieb sie Sport im TSV Allendorf/Lahn, und seit 1977 engagiert sie sich ununterbrochen für ihren Verein. Ob als Trainerin, Beisitzerin im Vorstand oder als Integrationsfigur und Vorbild für Aktivität bis ins hohe Alter. Seit 1979 leitet sie als Übungsleiterin verschiedene Gruppen in der Frauengymnastik. Ihre S-Lizenz im Bereich Seniorensport erwarb sie 1987. Seitdem ist sie vor allem im Bereich Gesundheitssport im Alter tätig. Zudem hat sie viele Gruppen auf nationale und internationale Großereignisse wie das deutsche Turnfest oder die Weltgymnaestrada vorbereitet - und dabei immer selbst mitgemacht. Zum letzten Mal trat sie mit ihrer Gruppe öffentlich bei der Landesgartenschau 2014 in Gießen auf.

Für ihr außergewöhnliches Engagement wurde sie kürzlich von der Volksbank Mittelhessen als eine "Heimliche Heldin" gekürt. Außerdem erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen für ihre herausragenden Dienste im Ehrenamt. Sie diente ferner als Vorbild für ihre drei Töchter Heike, Andrea und Claudia, die allesamt entweder als Übungsleiterinnen in verschiedenen Vereinen oder als Vorstandsmitglieder tätig sind.

1952 habe es langsam mit einer organisierten weiblichen Gymnastik beim TSV Allendorf/Lahn angefangen, erinnert sich Hanitsch. Eine reine Frauen-Gymnastik-Gruppe wurde offiziell aber erst 1965 ins Leben gerufen. Natürlich reichen dafür die Wurzeln zurück bis zur Anfangszeit des Vereins (1905), als Turnerinnen am Reigen teilnahmen. Schon in frühen Zeiten wurde mit Handgeräten vorgeführt, was sich bis heute erhalten hat. Einen Aufschwung erlebte die Turnabteilung, als 1963 Helga Appel und Ernst Niessner, der heute noch in den Sparten Turnen und Gymnastik aktiv ist, zum TSV Allendorf/Lahn stießen.

"Sport hat mir immer Spaß gemacht. Als Jugendliche habe ich Leichtathletik, Turnen und Handball gemacht. Als ich dann schwanger wurde, ging das nicht mehr. Und mein Mann wollte das auch nicht, dass ich Sport treibe", erklärt Hanitsch. Letztlich setzte sie sich aber durch.

Die Männer standen zu dieser Zeit dem Sport von Frauen skeptisch gegenüber. Deutlich wird das auch durch den Jahresbericht 1967 von Milli Schimmel (nachzulesen in der "Festschrift" 100 Jahre TSV Allendorf/Lahn), die für das "Hausfrauenturnen" in den Vorstand gewählt wurde und damals in der Gymnastikstunde im Schnitt 20 Frauen begrüßte: "...Es kämen sicher noch mehr Frauen, wenn sie nicht durch falsche Scham oder sogar von der Familie abgehalten würden. Oft wird einer Mutter aus Egoismus keine Zeit von der Familie für diese Stunde der Entspannung gelassen..." Ihren ersten öffentlichen Auftritt hatte die Hausfrauengymnastik-Gruppe 1969 beim Ortssporttag in Allendorf mit einer Ballvorführung und Tanz.

Für Hanitsch nahmen in ihrer Tätigkeit die Vorbereitungen mit ihrer Gruppe für die Gau-Gymnastikschau eine bedeutende Rolle ein. "Das habe ich sehr gerne getan, darauf habe ich mich gefreut", erzählt sie mit einem Lächeln im Gesicht. Das positive Feedback, was sie damals von vielen Zuschauern erhielt, spornte für die darauffolgende Veranstaltung noch einmal mehr an. Ausgerechnet im letzten Jahr, als Hanitsch ihren 80. Geburtstag feierte, fiel die Traditionsshow für die mittelhessischen Vereine aus. "Meine Töchter hatten mit ihren Gruppen für meinen Geburtstag extra etwas Besonderes einstudiert", sagt Hanitsch.

Sie ist immer auf der Suche nach neuen Ideen. Die Musik inspiriert sie noch heute. Hört sie ein Stück, das sie besonders anspricht, versucht sie das, in ihre Gymnastikstunden einzubauen. "Bei meinen Choreographien war es wichtig, dass ich immer erst die Musik haben musste. Dann ist mir immer was eingefallen", so Hanitsch zu ihrer ausgeprägten Neigung zum Rhythmus und der Kreativität.

Auf die wöchentliche Stunde mit ihrer Seniorinnen-Gruppe Gymnastik bereitet sich die 80-Jährige akribisch vor. Die Jüngste aus der 20-köpfigen Truppe ist Ende 60, die älteste 84 Jahre. Zum Aufwärmen serviert Hanitsch Musik. Wenn es ans Eingemachte geht, korrigiert sie gerne, damit die Übungen korrekt ausgeführt werden. Kleinere Aufgaben gibt sie ihren Teilnehmerinnen auch mit nach Hause. Hanitsch verrät, dass sie auch in ihrer Wohnung Gymnastik macht - meistens aber erst nach dem TV-Talk "Markus Lanz". "Dann denke ich immer, jetzt hast du stundenlang vor der Kiste gesessen, jetzt musst du noch was machen."

Den neuen Geräten wie Schwingstäben steht sie offen gegenüber, die klassischen wie Seil, Reifen, Ball, Keule und Band kommen in ihrer Gruppe auch zum Einsatz, sagt Hanitsch. Aber auch ein einfacher Stuhl. Mit ihm könne man viele Kräftigungsübungen machen - das täte ihrer Gruppe gut. Typisch für Christel Hanitsch - in ihr steckt die stetige Freude am Tun.

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