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Stolz auf Eigenständigkeit

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Von: Markus Konle

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Der SV Nieder-Ofleiden liegt ihnen am Herzen (v. l.): Frank Heller, Claudia Vaupel, Karl-Hans Dörr, Ben Heilmann und Stefan Weber. © Markus Konle

770 Menschen leben in Nieder-Ofleiden. 400 Mitglieder hat der Sportverein aus dem Homberger Stadtteil, der im vergangenen Jahr 100 Jahre alt wurde. Die Fußballer und Tischtennis-Teams sind über die Grenzen des Vogelsbergkreises bekannt. Der Klub, der sich seine Eigenständigkeit bewahrt hat, ist für den Ort weit mehr als ein Anbieter von Sportangeboten.

Ein Mehr-Generationen-Gespräch über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Im Kamin lodert ein Feuer und verbreitet an diesem kalten Wintertag im Sportheim des SV Nieder-Ofleiden gemütliche Wärme. Hier im Gastraum schlägt das Herz des SV 1921 Viktoria Nieder-Ofleiden. In dem Homberger Stadtteil im Drei-Kreise-Eck Vogelsberg/Gießen/Marburg-Biedenkopf spielt der Sportverein eine wichtige Rolle. »Wir sind der Treiber im Ort«, sagt Stefan Weber, der 1. Vorsitzende.

Der Klub ist einer der wenigen kleineren Vereine in der Region, der im Fußball seine Eigenständigkeit gewahrt hat. Darauf sind sie stolz beim SV Nieder-Ofleiden, der es auch mit seiner 50-köpfigen Tischtennis-Abteilung zu einigen Erfolgen gebracht hat - die Frauen spielen seit vielen Jahren auf Landesebene und sind aktuell in der Verbandsliga Mitte vertreten, die Jugend-Abteilung erfreut sich zudem großem Zulauf.

»Wir sind insgesamt recht gut aufgestellt, wenn man bedenkt, dass wir nur etwas über 700 Einwohner haben«, meint Weber (56) und verweist auch auf das Breitensport-Angebot. Mit ihm, Claudia Vaupel, Karl-Hans Dörr (81), Frank Heller (52) und dem zwölfjährigen Ben Heilmann sind wir zu einem Mehr-Generationen-Gespräch über den Sportverein im 101. Jahr seines Bestehens verabredet.

Doch was macht den SV Nieder-Ofleiden aus? »Geselligkeit und Kameradschaft«, sagt Claudia Vaupel spontan. »Für mich sind es Fußball und Tischtennis, weil ich beides spiele. Und auch die Veranstaltungen machen immer viel Spaß«, sagt Ben Heilmann. »Der Zusammenhalt ist sehr, sehr wichtig. Dass man im Dorf eine Einheit bildet, dass nicht alles auseinanderdriftet«, meint Senior Karl-Hans Dörr, der 1963 als damals 22-Jähriger zum Vorsitzenden gewählt wurde und auch nach seiner Zeit an der Spitze (1967) viel für den Verein getan hat.

Nur »dreieinhalb« Auswärtige

Und für den Zusammenhalt im Ort engagiert sich der SV. Das Sportheim ist quasi die einzige verbliebene Kneipe im Ort. Außerdem werden in Nicht-Pandemie-Zeiten über das ganze Jahr verteilt Veranstaltungen für die Bevölkerung angeboten - vom Knutfest im Januar, über Fasching, Oktoberfest bis zum Würfelabend. »Dass das nun alles ausgefallen ist und ausfällt, tut uns richtig weh«, sagt Weber. Denn mit den Einnahmen aus diesen Festen wird auch der Sportbetrieb finanziert. Sorgen müssen sich die Mitglieder aber keine machen: »Finanziell ist alles im grünen Bereich«, erklärt der Vorsitzende.

Am bekanntesten in der Region sind die Fußballer des SVN - die Senioren sind eine feste Größe in der Kreisliga A Alsfeld/Gießen und haben dort mit Ausnahme einer Zeit in der Bezirks- bzw. Kreisoberliga und einem kurzen Abstecher in der B-Liga ihre sportliche Heimat. Der Großteil der Spieler aus 1. und 2. Mannschaft ist im Ort verwurzelt. »Das war auch schon in den letzten Jahren nicht viel anders. Die Einheimischen haben immer gute Leistungen gebracht und sind vorangegangen«, sagt Frank Heller, der Alsfelder Kreisfußballwart, der viele Jahre Fußball-Abteilungsleiter des SVN war und sich im Dorf u. a. als Ortsvorsteher engagiert. Spielertrainer Luis Viegas und nur drei weitere Spieler sind derzeit die Einzigen in der 1. und 2. Mannschaft, die keine Wurzeln in Nieder-Ofleiden haben. »Eigentlich sind es nur dreieinhalb Auswärtige«, lacht Weber: »Einer hat eine Lebenspartnerin von hier und baut gerade ein Haus in Nieder-Ofleiden.« Der Vorsitzende betont dabei, dass mit Ausnahme des Trainers niemand Geld bekomme. »Die Auswärtigen nehmen nicht einmal die Kilometerpauschale von 30 Cent in Anspruch.«

Keine Partner - weniger Probleme

Bemerkenswert ist, dass der SV Nieder-Ofleiden nach wie vor ohne Partner den Senioren-Spielbetrieb stemmen kann - und dabei erfolgreich ist. Als Vierter hat die »Erste« in dieser Saison die Aufstiegsrunde erreicht. »Unsere Eigenständigkeit war und ist uns immer noch wichtig. Gerade auch, weil wir die Probleme sehen, die es bei den Spielgemeinschaften rundherum gibt«, meint Weber, der aber auch weiß: »Irgendwann wird eine Spielgemeinschaft bestimmt kommen. Aber solange wir zwei Mannschaften noch gut laufen haben… « So habe es vor einigen Jahren auch schon einmal Gespräche mit den benachbarten Klubs aus Homberg und Ober-Ofleiden über einen Zusammenschluss gegeben, letztlich aber ergebnislos.

Für Ben Heilmann ist der gemeinsame Spielbetrieb mit Kindern und Jugendlichen anderer Klubs längst Realität. Er kickt in der D-Jugend für den JFV Ohmtal Homberg, in dem der Nachwuchs aus Homberg, Ober- und Nieder-Ofleiden, Niederklein, Schweinsberg, Appenrod und Maulbach zusammenspielt. »Jetzt möchte der TSV Burg-/Nieder-Gemünden noch dazukommen«, erzählt Heller. »Wir betreuen zurzeit 276 Kinder und haben alle Altersklassen besetzt.« Das große Plus des JFV Ohmtal sei, dass in allen Altersklassen genügend Trainer zur Verfügung stünden, die zum Teil auch sehr gut ausgebildet seien. Denn meist hätten die Vereine im Jugendfußball grundsätzlich zwei Probleme: »Erstens haben sie zu wenige Kinder und zweitens fehlen die Betreuer, das ist das weitaus größere Problem«, berichtet der Fußballfunktionär.

Jugendliche blitzen beim Vorstand ab

»Ich würde sagen, der Sportverein hat sich positiv verändert, in dem mehrere Abteilungen dazugekommen sind. Die Möglichkeiten für die Kinder sind größer geworden«, vergleicht Karl-Hans Dörr die Zeiten - und erinnert daran, wie er mit seinen Kumpels in den frühen 50er Jahren den damaligen Vorsitzenden darum gebeten hatte, eine Schülermannschaft für den Spielbetrieb anzumelden - und mit seinem Anliegen abgeblitzt war. »Obwohl wir die Kosten selbstverständlich übernommen hätten«.

An Mutter-Kind-Turnen oder Damen-Gymnastik war damals nicht zu denken - heute unterbreitet der SV Nieder-Ofleiden seinen Mitgliedern diese Angebote, auch wenn es nicht immer leicht ist. »Über das Kinderturnen und Tischtennis brauchen wir uns keine Sorgen zu machen. Wir haben aber ansonsten ein Riesenproblem, Übungsleiter zu finden«, sagt Claudia Vaupel, die stellvertretende Abteilungsleiterin Damen-Gymnastik.

»Aber wir sind da dran, dass wir uns breiter aufstellen wollen. Wir haben uns für ein Projekt mit dem Hessischen Turnverband beworben, in dem es darum geht, Mitglieder zu akquirieren oder nichtaktive Mitglieder ins Vereinsleben miteinzubeziehen.« Vaupel verweist auch auf die gute Infrastruktur mit der Turnhalle direkt über dem Sportheim - inklusive Sauna, die donnerstags von den im Verein sehr rührigen Alt-Herren-Fußballer angeheizt wird. Es sind zuletzt aber auch Angebote weggebrochen. So gab es bis vor einiger Zeit einen Lauftreff, das Alt-Herren-Turnen mit vielen 80-plus-Teilnehmern musste eingestellt werden, nachdem der Vorturner verstorben ist.

Mehr Einwohner, weniger Mitglieder

Menschen für den Verein zu motivieren, ist aber auch beim SV Nieder-Ofleiden nicht immer leicht. »Ich denke, Motivation ist grundsätzlich ein gesellschaftliches Problem. Früher was das anders, da war man gerne im Verein und hat gerne auch etwas für andere gemacht. Heute ist es eher so, dass die Menschen aus dem Verein austreten, wenn es kein Angebot gibt. Wir haben dieses Problem im Bereich der Damen-Gymnastik«, schildert Vaupel.

Aber auf die meisten Mitglieder sei Verlass, sagt Weber, der nach 16 Jahren an der Spitze seinen Rückzug bekannt gegeben hat. »Wenn es im Vorstand läuft, wie bei uns, dann kann man auch die Leute motivieren zum Mitmachen. Du musst sie aber immer wieder ansprechen.« Arbeit gibt es auch rund um die Sportangebote genug, die Anlagen müssen in Schuss gehalten werden, es gibt viel zu organisieren und auch die Veranstaltungen zum 100-jährigen Bestehen sind noch nicht abgeschlossen.

Aber der Vorstand findet meist fleißige Hände - auch in der eigenen Familie. »Man muss betonen, dass die Frauen alle gut mitarbeiten und den Vorstand unterstützen«, wirft Senior Dörr ein. Weber nickt: »Ohne die Frauen geht hier gar nichts.« Und auch der Nachwuchs packt schon mit Kräften an. »Ich mache das gerne«, sagt Ben Heilmann.

Was den Verein schmerzt: Die mangelnde Präsenz durch beispielsweise den Ausfall vieler Veranstaltungen. »Du kannst ja durch Corona gar keinen Bezug zu den Leuten aufbauen«, sagt Heller. Obwohl der Ort in den letzten Jahren durch die Ausweisung von Neubaugebieten wächst, ist beim SVN - wie bei so vielen Vereinen - die Mitgliederzahl zurückgegangen. Das soll sich in den nächsten Monaten ändern. Gerade unter den Neubürgern will der kleine Verein mit dem großen Zusammenhalt werben.

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Am Rand des Dorfs liegt in Nieder-Ofleiden der Sportplatz mit Turnhalle und Sportheim. © Oliver Vogler

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