Stefan Neumann macht sich während der Partie zu jedem Spieler Notizen.	(Foto: sno)
+
Stefan Neumann macht sich während der Partie zu jedem Spieler Notizen. (Foto: sno)

Stefan Neumann - Berater bis zur Erschöpfung

Der Mittelhesse Stefan Neumann ist ein gutmütiger Mensch im harten Beratergeschäft. Quasi rund um die Uhr ist er für seine Fußballer da. Vieles macht seine Arbeit anders – und doch hat er den gleichen Wunsch wie alle Berater: Den Spieler finden, der ihn für den großen Aufwand eines Tages entlohnt.

(sno) Zigtausende Kilometer im Jahr, kein freier Tag in der Woche und ständige Erreichbarkeit – Stefan Neumann ist ein Fußballverrückter, ein Mann, der für das runde Leder lebt. Erst als Spieler und Jugendtrainer, dann als Scout, jetzt als Berater. Der 36-Jährige kommt aus Ulfa, sieht seine Heimat aber nur selten. Meistens ist er unterwegs, um Talente zu sichten oder für seine Spieler da zu sein. Damit gefährdet Neumann seine Gesundheit. »Ich weiß das, aber es fällt mir schwer, weniger zu tun«, sagt der Mann, der acht Spieler, die bei Fußball-Regionalligist Teutonia Watzenborn-Steinberg unter Vertrag stehen, berät. Und mit ehrlicher, harter Arbeit seit Jahren den einen Spieler sucht, der ihn eines Tages für den großen Aufwand entlohnt.

Der gelernte Dachdecker hat schon einige Berufe ausgeübt. Neben seinem späterer Tätigkeit als Außenhandelskaufmann arbeitete der gebürtige Licher auf Minijobbasis als Scout für Zweitligist Dynamo Dresden. »Nach und nach haben mir die Profivereine dann gesagt: Du hast ein gutes Auge, mach dein eigenes Ding. Lass dich nicht von irgendwelchen Agenturen ausnutzen. Wir würden gerne mit dir arbeiten, haben in den unteren Ligen aber keine Scouts.«

Für Neumann eine willkommene Nachricht. Schon immer war er dem Fußball verbunden, früher spielte er beim VfR Ulfa, höher als in die Gruppenliga schaffte er es nicht. Mit 18 Jahren bereits wurde er Jugendtrainer. Vor etwa drei Jahren dann »konnte ich mich dazu überwinden, den Schritt zu wagen und mit dem Fußball mein Geld zu verdienen. Am Anfang ist es mir schwergefallen, meinen Job dafür aufzugeben. Aber irgendwann hatte ich nicht mehr die Scheu, alleine zu stehen.« Mit Steffen Menze, einem ehemaligen Profispieler, der heute 47 Jahre alt ist, gründete der Mittelhesse die Berateragentur SNM Sportsmanagement.

Wie arbeitet eine Berateragentur? Neumann schaut in der Woche zwischen fünf und zehn Fußballspiele – live, vor Ort, das ganze Jahr über. Der Schwerpunkt liegt zwischen dritter und fünfter Liga. »Wir wollen keine Spieler ansprechen, die schon einen Berater haben – und wir wollen etwas aufbauen mit Spielern, die man selbst entdeckt hat.«

Der Großteil der rund 40 betreuten Spieler ist 20 Jahre oder jünger. Nachwuchsspieler stehen auch bei Schalke 04 oder dem Hamburger SV unter Vertrag, erfahrene Akteure unter anderem bei Waldhof Mannheim. »Wir versuchen, Jungs zu scouten und das Potenzial zu erkennen. Dafür muss man Spieler mehrmals beobachten. Ich fahre ihnen sozusagen hinterher, das machen die wenigsten.« Dann findet ein Treffen statt, »man muss Fragen beantworten wie: Ist der Spieler vom Kopf her überhaupt für eine Karriere geeignet? Wie ist seine Mentalität? Wenn all das, auch sein Umfeld, stimmt, kann man sagen: Für ihn lohnt es sich, Zeit zu investieren«.

Neumann hat die aus seiner Sicht relevanten Vereine über eine App zusammengetragen und so Woche für Woche seinen eigenen Spielplan. Meistens erstellt er sich am Montag eine Excel-Tabelle mit Spielen, die er dann während der Woche abarbeitet. Häufig nimmt sich der 36-Jährige Spielern an, die sich in einer Sackgasse befinden. Ilias Azaouaghi stand »vor dem Nichts«, nachdem sein Vertrag bei der U19 von Eintracht Frankfurt auslief und kein Anschlusskontrakt folgte.

Neumann brachte ihn bei der Teutonia unter. Marco Komenda ist ein 19-jähriger Verteidiger, der 2015 bei Darmstadt 98 keinen Anschlussvertrag bekam. Neumann nahm ihn auf, mittlerweile ist er Stammspieler in der U23 von Borussia Mönchengladbach.

Der Spielerberater ist für »seine Jungs« da – ob es um Verhandlungen über einen Schuhvertrag geht, die Wohnungssuche oder die Rolle in der Mannschaft. Einen typischen Tag gebe es nicht. »Typisch ist, dass ich quasi jeden Tag auf dem Fußballplatz stehe. Ich stecke da seit Jahren viel Zeit, Energie und eigenes Kapital rein.«

Nicht selten übernimmt sich Neumann dabei – und weiß das selbst. Sein häufigster Satz lautet: »Weiter geht’s.« Manchmal geht es aber nicht weiter, wenn man Woche für Woche 14-Stunden-Tage abspult. »Ich hatte deswegen gesundheitliche Probleme«, räumt Neumann ein. Er landete im Krankenhaus. »Mir wurde gesagt, dass ich zu viel arbeite. Aber es fällt mir schwer, weniger zu tun.

« Er möchte seine zwei Söhne (acht und neun Jahre alt) und seine Frau nicht vernachlässigen. »Aber ich kann nicht sagen: Jetzt habe ich meine acht Stunden rum, Handy aus, Feierabend. Bei mir ist es oftmals so, dass die Spieler bis elf oder zwölf Uhr abends Probleme haben. Und ich möchte ihnen das Gefühl geben, da zu sein.«

Neumann ist ein gutmütiger Mensch. Mal wird ihm sein Einsatz gedankt, mal nicht. Ein Geschäftsführer eines Regionalligisten bat ihn um Hilfe für einen jüngeren Cousin, der bei den Sportfreunden Siegen unter Vertrag stand. »Er fragte mich, ob ich seinen Cousin bei einem besseren Verein unterbringen könnte.« Der Spielerberater organisierte ein Probetraining und brachte ihn so in Nürnberg unter. Von diesem Moment an übernahm der Geschäftsführer die Beratertätigkeit und ließ Neumann links liegen. »Fußball ist oft ein Drecksgeschäft. Aber diese Erfahrungen muss man machen.«

Geld verdient er durch die Provision vom Verein. Wenn einer seiner Spieler vor der großen Karriere steht, »müssen wir hoffen. Denn, wenn die Spieler erst einmal im Nachwuchsleistungszentrum sind, sitzen die Berater draußen und sprechen die Jungs an. Sie schauen sich eben nicht in der fünften oder sechsten Liga um, sondern warten, bis die Spieler in Hamburg oder Bremen sind«. Hat Stefan Neumann trotzdem die Hoffnung, dass es einer seiner Spieler ins Profigeschäft schafft? »Wenn ich diese Hoffnung nicht hätte, könnte ich es sein lassen.« Just an diesem Mittwoch nun unterschrieb einer seiner Schützlinge, Elias Huth, 19-jähriger Stürmer, einen zweijährigen Profivertrag bei Hannover 96. Neumann: »Auf solche Dinge haben wir jahrelang hingearbeitet. Ich hoffe, das ist erst der Anfang.«

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare