Ruder-Tradition

Städte-Achter zwischen Gießen und Wetzlar mit bewegter Geschichte

  • schließen

Zum Ende der Rudersaison hält der RC Hassia ein Schmankerl bereit. Am Sonntag steigt der Städte-Achter. Seinen Ursprung hat das Rennen zwischen Gießen und Wetzlar im Jahr 1926. Ein Rückblick.

Am Sonntag steht – erstmals seit 2014 wieder – der Städte-Achter zwischen Gießen und Wetzlar auf dem Programm. Ausrichter des Vergleichs ist der Gießener RC Hassia. Die Gießener Ruderclubs sind durch den Gießen-Achter vertreten und kämpfen gegen den Domstadt-Achter aus Wetzlar/Limburg um den Titel des schnellsten Boots auf der Lahn. Beginn der Rennen ist 14 Uhr. Zuvor startet beim RC Hassia um 11 Uhr schon das Abrudern.

Die Distanz beim Städte-Rennen beträgt 375 Meter, die Sprintstrecke der Gießener Pfingstregatta. Allerdings wird ein einziger Sieg nicht reichen. Um den Wettbewerb noch spannender zu machen, gibt es ein "best of three". Es gilt also, mindestens zwei Rennen zu gewinnen.

Das Städte-Achterrennen hat sicherlich etwas mit der seit vielen Generationen zwischen den beiden Nachbarstädten bestehenden (sportlichen) Rivalität zu tun. Die Entstehung des Rennens fußt auf der Idee der beiden damaligen Stadtoberhäupter Dr. Karl Keller aus Gießen und Dr. Heinrich Kühn aus Wetzlar.

Am Sonntag der Gießener Ruderregatta des Jahres 1926 saßen auf der Bootshausveranda der Gießener Rudergesellschaft (GRG) die beiden Rathauschefs beisammen. Die angeregte Unterhaltung wurde plötzlich durch die Kommandos von Steuerleuten unterbrochen: 200 m vor dem Ziel, das sich damals wegen der Renndistanz von 2000 m noch in Höhe der alten Eiche am GRG-Bootshaus befand, setzten gerade zwei Achtermannschaften zum Endspurt an, wie er schöner nicht hätte sein können. Da packte das Rennfieber die beiden hohen Herren.

Aufgeregt eilten beide zum Ufer hinab. Keinen Blick wandten sie ab von den beiden Booten, die – von wuchtigen Schlägen getrieben – unter dem Beifall der Zuschauer dem Ziel entgegenjagten. Als die Sieger, ausgepumpt und erschöpft, aber strahlend voller Stolz zur Ehrung am Steg anlegten, kam plötzlich einem der beiden Bürgermeister – keiner weiß wem – die Idee eines jährlich wiederkehrenden Achterrennens zwischen Gießen und Wetzlar. Die beste Mannschaft aus Wetzlar sollte gegen eine entsprechende Crew aus Gießen fahren. Man kam überein, dieses Rennen nicht in das Programm der Gießener Ruderregatta zu integrieren, sondern als Regatta des Deutschen Ruderverbandes mit nur einem Rennen offiziell auszuschreiben und zu einem gesonderten Termin im Herbst eines jeden Jahres auf der Lahn-Regattastrecke zwischen dem Felsen und Mühlenwehr zu veranstalten.

Beide Städte stifteten als Wanderpreis eine 60 cm hohe Statue aus Bronze. Das erste Städte-Rennen wurde auf den 5. September 1926 festgesetzt. In drei Vereinen nahm man sofort das Training auf. In Gießen bewarben sich die GRG und der Klub Rudersport Gießen für den Wettkampf; in der Nachbarschaft der Wetzlarer Ruderclub. Der Gießener RC Hassia und der WSV Hellas Gießen hatten keine Meldungen abgegeben. Den Regularien entsprechend sollten die jeweils schnellsten Boote der beiden Nachbarstädte gegeneinander rudern. Somit hatten die Gießener untereinander tags zuvor ein Ausscheidungsrennen auszutragen. Im Vorrennen des Jahres 1926 schlug die GRG den Rudersport-Achter. Und auch im Hauptrennen ging der Gießener Achter als Erster durchs Ziel. Jubel ohne Ende wartete auf die siegreiche Mannschaft mit L. Klaus, A. Wallenfels, H. Mohr, W. Müller, W. Müller, W. Becker, W. Michel, C. Georgi und Steuermann W. Roloff. Die Germania, der Siegerpreis, wanderte für ein Jahr in das GRG-Bootshaus.

Trophäe durch Krieg vernichtet

Im nächsten Jahr holte sich Wetzlar die Statue. Von 1928 bis zum Zweiten Weltkrieg siegte wiederum Gießen, zunächst 1928 und 1929 mit den Mannschaften des Rudersport, anschließend mit den Teams der GRG. Die ab 1933 von Regierungsseite verordnete Konzentration von Vereinen mit gleichen Sportarten brachte 1934 GRG und Rudersport wieder zusammen. In den Jahren des Zweiten Weltkriegs fand die Tradition keine Fortsetzung. Beim verheerenden Bombenangriff auf Gießen wurde die Germania im GRG-Bootshaus vernichtet, der Wille zur Erneuerung des Städte-Achterrennens aber war ungebrochen.

Strecke immer kürzer

Nur die Bootshäuser des Wetzlarer Rudervereins in der Garbenheimer Straße und des RC Hassia in Gießen blieben von den Kriegsereignissen weitgehend verschont. Trotz größter Not kam bei diesen Vereinen bereits 1946 der Ruderbetrieb wieder in Gang. Zu ihrem 40-jährigen Bestehen richtete die Hassia bereits 1946 eine der ersten Nachkriegsregatten Deutschlands aus. Was lag also näher, als im Herbst 1947 wieder ein Städte-Achterrennen auszurichten…

Die Städte stifteten einen neuen Wanderpreis, ein kunstvoll gearbeitetes Modell einer Kogge mit Namen "Peter von Danzig". Erster Nachkriegssieger wurde im September 1947 überlegen der Hassia-Achter mit H. Rosenbecker, K. Schneider, W. Schwarz, H. Schmidt, H. Körner, K. H. Dewald, H. Loh, F. Schüßler und Steuermann E. Noll.

Auf Initiative von Ernst Leitz III entstand 1948 aus dem Wetzlarer RV, dem Wetzlarer RC und dem Kanuklub Wetzlar die Rudergesellschaft Wetzlar (RGW). 1949 stemmte der neue Verein die Neugründung des Deutschen Ruderverbandes, der 1934 in den von den Nationalsozialisten geschaffenen Reichsbund für Leibesübungen aufgegangen war. Fortan wurden bis 1957 wieder regelmäßig Städte-Achterrennen durchgeführt.

Da ab 1953 die Gießener Pfingstregatta über 1500 Meter lief, passte man auch für das Städte-Achterrennen die Streckenlänge an. Um 1955 verzichtete der Deutsche Ruderverband auf die kostspielige Ausschreibung solcher Rennen im Verbandsorgan. Von da an lief der Städte-Vergleich als frei vereinbarte Wettfahrt.

Zunehmend wurde das Rennen jedoch Opfer des Spitzensports. Obgleich die RGW ab 1965 hervorragende Einzelruderer herausbrachte, die in Renngemeinschaften zu Olympiasiegen, Weltmeisterschaften und deutschen Titeln kamen, war Wetzlar nicht in der Lage, Achterteams zu stellen, die es mit den Gießenern aufnehmen wollten. Es entstand eine Pause, die durch stadtinterne Gießener Rennen überbrückt wurde.

1991 stifteten dann die Städte Gießen und Wetzlar einen neuen Wanderpokal, und das Traditionsrennen fand seine Fortsetzung. Die Renndistanz wurde auf 1000 Meter verkürzt und die Rudervereine Gießens durften untereinander Renngemeinschaften bilden. Doch die Orientierung einzelner Ruderer beider Städte zu höheren Weihen ließ auch in der jüngeren Vergangenheit nicht jedes Jahr ein Städte-Rennen zustande kommen.

Um den modernen Trends im breitensportlich orientierten Leistungsrudern zu entsprechen, vereinbarte man 2009 eine Streckenlänge von nur noch 500 Metern. Heuer sind es nur noch 375.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare