Eishockey

SpradeTV: Aus Wangen ins Wohnzimmer

In Wangen im Allgäu wird Eishockey gespielt - aber nur in einer Hobbyliga. Dennoch ist das Städtchen von Bedeutung für das professionelle Eishockey in Deutschland. Dass die DEL2 und die beiden Oberligen in Süd und Nord am Freitag in ihre Punktspielrunden gegangen sind, während die große DEL noch zögert, haben sie einer Firma aus Wangen zu verdanken: der Sports Trade GmbH. Zieht man die Wörter "Sports" und "Trade" zusammen und lässt in der Mitte ein paar Buchstaben weg, kommt man auf "Sprade". Ein Kunstwort, das die Fans von Clubs wie Bad Tölz, Bad Nauheim, Frankfurt, Landshut, Füssen, Riessersee, Peiting kennen. "Sprade TV" ist Medienpartner von DEL2 und Oberliga.

Christian Müller ist neben Ex-Eishockey-Profi Marcel Linke (Weißwasser, Dresden) einer der beiden Geschäftsführer. Er erzählt, dass die ursprüngliche Intention seiner Firma eine völlig andere als das Streaming von Spielen war. "Wir wollten, als wir 2009 anfingen, eine Datenbank mit Eishockeyspielern erstellen. Nach dem Prinzip von etwa Autoscout24."

Clubs hätten darin gezielt nach Cracks suchen können, Kriterien wie "Hat in zwei Ländern gespielt", "Ist unter 25" oder "Kommt mit Hund" (dann muss die Wohnung entsprechend vorbereitet sein, die der Verein stellt) hätte man einstellen können. "Wir hatten die Seite fertig", so Müller.

Doch dann ergab sich die andere Geschichte: Zwei Teams aus der damaligen 2. Liga suchten nach jemandem, der ihnen helfen könnte, ihre Spiele live zu übertragen. "Wir konnten denen die IT, die Serverlandschaft und die Paywall abnehmen", sagt Müller, "2013 ging es los, das wuchs allmählich, wir haben nach und nach die DEL2-Teams eingesammelt und jetzt auch die Oberliga." Sogar einige Bayernligisten sind dabei - allerdings: Sie müssen, da als Amateure deklariert, im November in den Lockdown. Spielverbot.

DEL2 trifft aus dem Schatten heraus

"Es bleibt Geld liegen bei den Teams", erklärt Christian Müller. Denn das Modell funktioniert so: Sprade TV finanziert das technische Equipment vor, stellt die Plattform, garantiert den technischen Support. Für die Produktionsmannschaft ist der jeweilige Heimverein zuständig. Er muss auch den Kommentator stellen. "Den Großteil der Einnahmen", so Müller, bekommen die Clubs. Es sollen 80 Prozent sein.

Anders als die Telekom mit ihrer Plattform Magenta Sport, auf der für knapp zehn Euro im Monat alle DEL-Spiele gesehen werden können, verkauft Sprade TV die Partien einzeln. Pay-per-View-Verfahren also - was mal eine (nie realisierte) Vision der Fußball-Bundesliga, vor allem der Großen wie dem FC Bayern, war.

Für den Fan, der sich ein Eishockey-Match der DEL2 und Oberliga holt, ist das teurer als das Magenta-Angebot. 9,90 Euro kostet ein DEL2-Spiel, 8,00 die Oberliga Süd (Nord 9,99), 7,00 die Bayernliga. "Wir könnten es auch so günstig wie Magenta anbieten", sagt Christian Müller, "aber das ginge zu Lasten der Teams." Der Fan tue seinem Club also etwas Gutes - und jetzt, wo Zuschauer ausgeschlossen sind, ist der Stream die einzige Möglichkeit, dabei zu sein. Die Vereine können also einen Teil der Einnahmeverluste abfangen. Bisher lagen die Buchungen für ein Spiel zwischen 500 und "dem mittleren vierstelligen Bereich", so Müller. In der DEL2 erlösen manche Clubs aus dem Pay-per-View-Verfahren pro Saison über 100 000 Euro. Zum Vergleich: Die DEL kassiert pro Verein aus dem Magenta-Vertrag um die 200 000 Euro - sie hat normal aber auch das Zweieinhalbfache des Publikums im Stadion. Und die deutlich höheren Personalkosten als die DEL2.

Für mindestens einen Monat wird die DEL2 die höchste im Spielbetrieb befindliche Eishockeyliga in Deutschland sein. Sie tritt aus dem Schatten, obwohl sie da gar nicht stehen müsste. In Deutschland ist sie nach der 2. Fußball-Bundesliga das Unterhaus mit dem größten Zuschauerzuspruch (2855 in der Saison 2019/20), im europäischen Eishockey schlägt sie die zweiten Ligen in Schweden (2606), Schweiz (1799), Russland (1568).

Konkurrenzlos ist Sprade.TV aber nicht. Einige Bayernligisten streamen gratis über die Spiele-Plattform Twitch oder über Youtube und Facebook - und der große Anbieter Magenta Sport greift nach den Filetstücken auf dem DEL2-Teller. Der Auftaktschlager Frankfurt - Kassel am Freitag wurde auch von der Telekom gezeigt. Sie braucht Inhalt. Dringend.

Günter Klein

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare