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Das geht in die Beine: 46ers-Basketballer Brandon Thomas macht Kniebeugen mit Tochter Quinn als Gewicht. FOTO: PRIVAT

Kreatives Training

Wie die Spieler der heimischen Topklubs in Zeiten von Corona trainieren

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Das Training bei den heimischen Topklubs ist auf ein Minimum reduziert. Handballer, Fußballer und Basketballer wollen irgendwie fit bleiben, falls doch noch gespielt wird. Kreativität ist gefragt.

Maxi Holst hebt in diesen Tagen mehr Wasserkisten als gewöhnlich. Nicht etwa, weil der Linksaußen der HSG Wetzlar übermäßig viel Flüssigkeit zu sich nimmt oder sich gar an Hamsterkäufen beteiligt. Nein, er nutzt den Kasten als Gewichteersatz beim individuellen Krafttraining. Die Sportler der heimischen Topklubs sind derzeit weitgehend auf sich gestellt und müssen hier und da improvisieren. Das gilt vor allem für die Handballer aus Wetzlar und Hüttenberg, die Basketballer der Gießen 46ers und die Fußballer des FC Gießen. So grotesk die aktuelle Situation auch erscheinen mag: Wenn der Spielbetrieb wieder anlaufen sollte, ist der im Vorteil, der die ungeplante Pause am besten genutzt hat.

Holst bekommt seinen Trainingsplan von HSG-Athletikcoach Jonas Rath und steht auch diesbezüglich mit diesem in Kontakt. "Vieles läuft im Freien ab", erzählt der 30-Jährige, der am Mittwoch bei Frühlingswetter Ausdauerläufe absolvierte. Was so idyllisch klingt, ist tatsächlich der bisher so noch nie dagewesene Stresstest für Spieler und Vereine. Im Kraftbereich wird es schon schwieriger in Sachen Trainingssteuerung. "Nicht jeder hat eine Langhantel bei sich zu Hause", sagt Holst. "Als Profisportler weiß man sich aber durchaus zu helfen." Neben der Wasserkiste dienen ihm natürliche bzw. zweckentfremdete Gewichte als Trainingsutensilien. Oder er schnappt sich ein Theraband. Rumpfübungen, Übungen für die Beweglichkeit und die Mobilisation beherrschen die Bundesliga-Handballer ohnehin aus dem Effeff.

Beim FC Gießen steuert man die konditionellen Einheiten der Akteure sogar über eine Lauf-App. Damit haben Daniyel Cimen und seine assistierenden Coaches Zugang zu den Daten, die die Trainingsleistung der Mannschaft abbilden. Die Pläne stellt Cimen den Spielern über die Whatsapp-Gruppe des FC zur Verfügung. "Auch Kraft- und Koordinationsübungen sind darin enthalten, nicht nur die zu absolvierenden Laufeinheiten." Ein Zirkel zur Stabilisation soll beispielsweise der Kräftigung dienen. Das listet Cimen detailliert auf. Wenn es so weitergeht, wird er regelmäßig eine PDF-Datei mit der überarbeiteten Version des Plans in die Chat-Gruppe posten. So richtig kontrollieren kann er das nicht, hat aber diesbezüglich großes Vertrauen in seine Kicker. "Die Spieler haben schon in der Winterpause gut gearbeitet." Freilich sind die Übungen der Situation angepasst. Schließlich sollen sie nicht nur konditionell das Niveau anheben, so wie es in den Vorbereitungsphasen einer Saison üblich ist, sondern eher das erreichte Fitnesslevel sichern.

Handball-Spieler entscheiden selbst

Diese Ambitionen hat der TV Hüttenberg derweil nicht mehr. Seit Dienstag ist selbst der individuelle Trainingsbetrieb beim Handball-Zweitligisten eingestellt, wie Athletiktrainer Jonas Meissner zu verstehen gab. "Seit dem Wochenende müssen wir uns alle zwei bis drei Stunden kurzschließen, um die Lage neu zu bewerten und eine Entscheidung zu treffen", blickt Meissner zurück. Zunächst ging man beim TVH noch davon aus, eine Sondergenehmigung für die Nutzung der Sporthalle in Hüttenberg zu erhalten. Dort verfügt man über einen kleinen Kraftraum und hätte in kleinen Gruppen trainieren können. Diese Genehmigung blieb aber aus. So entschieden sich Meissner und Co. für Laufeinheiten. "Wir haben den Spielern ein kleines Fahrtspiel verordnet. Das war das Programm fürs Wochenende", erzählt der Athletiktrainer. Ein Fahrtspiel ist eine Trainingsform, bei der das Tempo während eines Dauerlaufes mehrfach gesteigert und verringert wird. Am Montag stand lockere Grundlagenausdauer auf der Agenda. "Wir haben dann überlegt, wie sinnvoll das ganze ist, und uns dazu entschieden, komplett frei zu geben." Jeder kann also für sich entscheiden, ob er trainieren möchte oder nicht. Meissner selbst glaubt ohnehin nicht an eine Fortsetzung der Saison. "Aber das ist nur meine persönliche Meinung."

Mini-Gruppen als Übergangslösung

Wenig Sinn sieht indes Lukas Lai in Laufeinheiten - zumindest für Basketballer. Der 35-Jährige hat eine Praxis für Physiotherapie und ist Athletiktrainer bei den Gießen 46ers. Auch er muss sich zusammen mit Headcoach Ingo Freyer und "Co" Steven Wriedt Gedanken darüber machen, wie man die Spieler im "Homeoffice" beschäftigt. Am Mittwoch konnten die Bundesliga-Basketballer noch eingeschränkt in der Osthalle trainieren. Eine entsprechende Sondergenehmigung lag vor. So arbeiteten Freyer, Wriedt und Lai mit drei Zweier-Gruppen. Der Athletiktrainer kümmerte sich um die Kräftigung, während die anderen Gruppen unter den Körben übten. Am Donnerstag kam der Trainingsbetrieb völlig zum Erliegen.

Von typischen Laufeinheiten, dich sich als individuelles Training anbieten, hält Lai allerdings wenig. "Wir machen gewöhnlich explosive Sachen mit dem Medizinball oder Sprünge auf den Kasten", berichtet er. "Wenn ich einen Zwei-Meter-Mann stundenlang durch den Wald laufen lasse, sind am nächsten Tag die Knie kaputt." Wie Pressesprecher Daniel Rohm zu verstehen gab, sind die 46ers-Akteure sehr kreativ bei ihren privaten Einheiten, die sie ohnehin absolvieren. "Der eine oder andere macht immer dann seine Übungen, wenn er an der Playstation verloren hat." Brandon Thomas setzt sich seine kleine Tochter auf die Schultern und macht Kniebeugen.

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