16 Profivereine aus ganz Hessen haben sich zur Interessengemeinschaft "Teamsport Hessen" zusammengeschlossen. Dort geht es vor allem um Informationsaustausch. GRAFIK: PV/FOTOS: PV/NIC
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16 Profivereine aus ganz Hessen haben sich zur Interessengemeinschaft "Teamsport Hessen" zusammengeschlossen. Dort geht es vor allem um Informationsaustausch. GRAFIK: PV/FOTOS: PV/NIC

Solidarität in der Krise

  • Erik Scharf
    vonErik Scharf
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Außergewöhnliche Situationen erfordern außergewöhnliche Maßnahmen - auch wenn dieser Satz wirklich ein alter Hut ist, er ist wohl kaum so oft genutzt wie aktuell in der Corona-Krise. Nun haben die hessischen Profi-Klubs etwas noch nie Dagewesenes auf die Beine gestellt - und dessen Ursprung liegt im Herzen Mittelhessens.

Die Aussetzung des Spielbetriebs in vielen Sportarten aufgrund der Coronavirus-Pandemie geht hoch bis in die Profi-Ligen - und dort wird gezittert und gebangt. Wann geht es weiter? Wie sieht es finanziell aus? Was bringt die Zukunft? Um all diese Fragen und noch viel mehr möchte sich nun eine einzigartige Koalition aus 16 hessischen Profivereinen kümmern. Die Interessengemeinschaft "Teamsport Hessen" will ein Netzwerk sein für Fragen und Antworten, für Ideen und Anregungen und für Solidarität und Unterstützung in Zeiten der Krise. Aus Mittelhessen mit dabei sind die HSG Wetzlar, der RSV Lahn-Dill und die Gießen 46ers, bei denen alles seinen Anfang nahm, aber auch der TV 05/07 Hüttenberg und der EC Bad Nauheim.

HSG Wetzlar:Initiator Björn Seipp warf die Idee einer Vernetzung der hessischen Profivereine in den Raum - und hat längst mehr als ein Dutzend Mitstreiter gefunden. Die Idee dazu hatte er von seinem Geschäftsführerkollegen Karsten Günther von Ligakonkurrent SC DHfK Leipzig, denn in Sachsen gibt es einen solchen Zusammenschluss schon. "Das war für mich ein gutes Beispiel", sagt der Geschäftsführer der HSG Wetzlar. "Und das Feedback ist bislang auch bei uns durchweg positiv."

Gemeinsam mit dem Geschäftsführer der Gießen 46ers, Philipp Reuner, sei inzwischen ein Online-Portal entstanden, auf dem die Klubs sich austauschen, Dokumente teilen oder Videokonferenzen abhalten können. "Hier kann sich wirklich jeder Verein aus dem Spitzensport beteiligen", sagt Seipp. "Es ist ein hohes Maß an Solidarität und Unterstützung zu spüren - alleine schon mental, weil man selbst weiß, dass andere dieselbe Fragen oder Probleme haben." Bislang seien vor allem die Themen Kurzarbeit, der Umgang mit Berufsgenossenschaft oder Versicherungen sowie die Kommunikation mit der Politik bezüglich Landeshilfen thematisiert worden, bei der die Vereine "mit einer Stimme" sprechen wollen. Sein Fazit bisher: "Wir wären blöd, wenn wir das Know-how von den einzelnen Klubs und deren eigenen Netzwerken nicht nutzen würden, deshalb kann man nur jeden Klub dazu aufrufen, sich ebenfalls zu beteiligen. Für mich ist es vor allem ein tolles Signal, dass in solchen Zeiten auch im Sport, wo normalerweise alle um dieselben Töpfe kämpfen, Solidarität gezeigt wird."

Am Ende kommt es auf die Infos an

Gießen 46ers:"Wir tauschen uns bereits seit einigen Wochen mit verschiedenen Profi-Klubs in Mittelhessen eng aus. Hieraus haben sich bereits viele positive Effekte ergeben, sodass aus diesem Kreis die Idee entstanden ist, weitere hessische Vereine mit einzubeziehen", beschreibt 46ers-Geschäftsführer Reu- ner die Hintergründe des Zusammenschlusses. Das Ziel liegt klar auf der Hand: Möglichst viel Wissen untereinander zu teilen und Themen, die jeden betreffen, zu bündeln, um Herausforderungen gemeinsam zu bewältigen. "Ich bin fest davon überzeugt, dass dieser Austausch allen Klubs dabei helfen wird", sagt Reuner. Als eine "tolle Sache" beschreibt auch Michael Koch die Interessengemeinschaft. Der zweite Geschäftsführer der Gießen 46ers, der erst seit knapp über einem Monat im Amt und zudem noch Sportdirektor bei den Bundesliga-Basketballern ist, würdigt die Solidarität und den gegenseitigen Austausch. "Das ist für uns enorm wichtig, denn man kann nicht alle Themen so einfach abdecken", erklärt der 54-Jährige. Das alles sei hilfreich, um Dinge richtig auf den Weg zu bringen. Eine gute Informationspolitik ist damit gegeben. Und es ist eine Plattform vorhanden, auf der alle Infos gespeichert sind. "Das ist eine perfekte Lösung", meint Koch. Den sportlichen Bereich bei den 46ers hat er bereits mit Kurzarbeit abgewickelt. "Wir sind auf jeden zugegangen - und alle haben sich solidarisch verhalten und sind uns entgegengekommen", sagt Koch. Für ihn steht nun "extreme Sponsorenpflege" auf der Agenda. "Wir müssen auf jeden zugehen, Gespräche führen. Das geht im Augenblick ausschließlich über Videokonferenzen oder per Telefon. Wir dürfen uns nicht verstecken. Das ist das Allerwichtigste. Wir müssen uns zeigen und präsent sein, um uns für die Zukunft aufzustellen."

RSV Lahn-Dill:"Diese Initiative ist einzigartig und zeigt die große Solidarität unter den hessischen Profi-Mannschaften", sagt RSV-Geschäftsführer Andreas Joneck, der mit den Wetzlarer Rollis wie seine Kollegen im gesamten Bundesland vor den gleichen Herausforderungen der Corona-Pandemie steht. "Wir wollten eine Basis haben, wo wir uns mit Informationen updaten, sodass alle auf dem gleichen Stand sind und darauf zurückgreifen können. Und natürlich wollten wir mit einer Stimme nach außen hin auftreten. Wenn wir irgendwo vorstellig werden, egal ob das bei der Politik oder sonst wo sein sollte, nützt das nichts, wenn die Skyliners und die Huskies oder der RSV oder die 46ers alle einzeln dort aufschlagen. Und daraus ist das entstanden. Es läuft bombig gut", sagt Joneck. Er hofft, dass das gemeinsame Agieren und das Netzwerk auch nach der Krise Bestand haben. Der RSV konnte unter anderem wertvolle Tipps bei der Beantragung von Kurzarbeit geben. RSV-Rolli-Legende Dirk Köhler sitzt bei der Agentur für Arbeit. "Er verfügt logischerweise über viel Know-how. Er hat die 46ers, die HSG und uns beraten, was zu tun ist", erklärt Joneck.

Modell mit Perspektive?

TV 05/07 Hüttenberg:"Ich bin total begeistert, dass wir einen solchen sportartenübergreifenden Zusammenschluss haben", sagt Fabian Friedrich. Denn natürlich hat auch der Geschäftsführer des Handball-Zweitligisten TV 05/07 Hüttenberg im Moment viele Baustellen: "Die Lage bedeutet maximalen Stress, weil wir Themen bearbeiten, die wir vorher noch nie auf dem Tisch hatten", sagt er. "Der unternehmerische Lerneffekt dadurch ist aber riesig, weshalb auch das Netzwerk eine absolute Bereicherung darstellt. Denn letztlich sind wir als Profiklubs alle Wirtschaftsunternehmen." Er lobt vor allem das harmonische Miteinander der eigentlichen Konkurrenten in Hessen und schätzt den Ideenreichtum sowie die Vielzahl von Informationen, die die Vereine wie selbstverständlich untereinander teilten. Eine davon stammt sogar aus dem "Handkäsedorf": Das Nachbarschaftshilfe-Projekt des TVH, das sich vor allem um Einkäufe und Erledigungen von Betroffenen oder Angehörigen der Risikogruppe kümmert, haben inzwischen auch die "Nachbarn" der Gießen 46ers und des RSV Lahn-Dill übernommen - und vielleicht findet es mithilfe von "Teamsport Hessen" noch weitere Nachahmer. "Vielleicht ist dieses Netzwerk auch eine Sache, die man über die Pandemie hinaus behalten kann", sagt Friedrich, der auf diese Weise der Krise auch etwas Positives abgewinnt.

EC Bad Nauheim:"Es geht nicht darum, die Politik um Hilfe zu bitten", betont Andreas Ortwein, Geschäftsführer des EC Bad Nauheim. Vielmehr gehe es darum, frühzeitig die Perspektiven des Profisports aufzuzeigen, sollte sich die Lage in den kommenden Monaten nicht entspannen. "Man darf nicht vergessen, dass viele Vereine Ankermieter ihrer Hallen sind, mittlerweile viele Arbeitsplätze daran hängen und auch die Nachwuchsarbeit ein wesentlicher Faktor ist", sagt Ortwein. Den Austausch mit anderen hessischen Profivereinen gebe es schon sehr lange, nun rücke man noch enger zusammen. Sein Appell: "Wir haben in den letzten Jahren viel aufgebaut und müssen aufpassen, dass nicht alles innerhalb weniger Monate zusammenbricht."

Weitere Vereine:Zehn weitere hessische Vereine komplettieren die Vereinigung. Kassel Huskies (Deutsche Eishockey-Liga 2), MT Melsungen und HSG Bad Wildungen Vipers (1. und 2. Handball-Bundesliga), Frankfurt Skyliners (Basketball-Bundesliga), Frankfurt Universe (German Football League), SG 1909 Kirchhof (2. Handball-Bundesliga Damen), United Volleys Frankfurt und VC Wiesbaden (beide Volleyball-Bundesliga), BC Marburg (Basketball Bundesliga Damen) sowie Rhine-River Rhinos Wiesbaden (Rollstuhl-Basketball-Bundesliga).

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