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Bei Sidons Lebensgeschichte wird »Der letzte Bulle« weich

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Wie die Faust aufs Auge: Schauspieler Henning Baum (l.) stellt in der Reeperbahn-Kneipe »Ritze« das Buch »Knockout« vor und wählt die Lebensgeschichte von Andreas Sidon.
Wie die Faust aufs Auge: Schauspieler Henning Baum (l.) stellt in der Reeperbahn-Kneipe »Ritze« das Buch »Knockout« vor und wählt die Lebensgeschichte von Andreas Sidon. © Red

(mac) Die Lebensgeschichte von Andreas Sidon ist es, die Henning Baum auswählt. Auf der Reeperbahn liest der Schauspieler (»Der letzte Bulle«) aus »Knockout – Das Leben ist ein Kampf«. In dem Buch werden 20 Storys über die Seele des Boxens erzählt. Die des Pohlheimers Sidon ist eine davon.

Im Keller der »Ritze« muss Andreas Sidon weinen. In seinem dunklen Anzug sitzt er da – umringt von 150 Besuchern – und zupft nervös an seiner Krawatte. »Du musst stark sein«, hatte der Profi-Boxer aus Pohlheim gerade noch von sich gefordert, doch als er bemerkt, dass die Blicke der Zuhörer ihn umklammern, lässt er die Tränen laufen.

Die Kult-Kneipe »Ritze« auf der Hamburger Reeperbahn ist kein Ort zum Heulen. Im düsteren Keller ist ein Boxring aufgebaut. In den Ecken baumeln Sandsäcke, an den Wänden hängen Erinnerungsstücke an Muhammad Ali, George Foreman und Evander Holyfield. Der Ring ist beleuchtet, obwohl heute nicht geboxt wird. Heute wird gelesen.

»Meine Geschichte hat ihn bewegt«

»Nach Heikes Beerdigung fuhr Sidon mit den Kindern zur Kur. Ein Unfallgutachter hatte ihn von Schuld freigesprochen. Ein paar Tage überlegte er, wie er überleben solle ohne Heike. Dann hängte er einen Boxsack in eine Garage und schlug so lange darauf ein, bis er sich wieder spürte.

« Die Stimme kommt von Schauspieler Henning Baum. Die Worte schrieb Autor Takis Würger. Das Leben lebt Andreas Sidon. Den Schmerz spürt er auch.

Baum ist mit der erfolgreichen Sat.1-Serie »Der letzte Bulle« zu einem der populärsten deutschen TV-Schauspieler geworden. Dass er sich unter den 20 Kurzgeschichten, die in dem Buch »Knockout – Das Leben ist ein Kampf« zur Lesung ausgerechnet seine Story ausgesucht habe, sei eine große Ehre, sagt Sidon. Und es passt wie die Faust aufs Auge: Baum hat breite Schultern und kann Karate. Sein Serienheld Mick Brisgau ist ein Bulle alter Schule. Harte Schale, weicher Kern, ausgeprägter Gerechtigkeitssinn, er geht seinen Weg, auch wenn es wehtut. Für all das steht auch Sidon. »Die Lesung war überwältigend. Meine Geschichte hat Baum bewegt. Er hat Dramatik erzeugt. Das passt ja ganz gut zu meinem Leben«, sagt Sidon.

Der Text mit dem Titel »Letzte Runde« war vor genau zwei Jahren in einer Ausgabe des »Spiegel« erschienen. Autor Würger hatte den Boxer damals mehrere Wochen begleitet und unter anderem Szenen aus einem Trainingscamp in Las Vegas festgehalten sowie den erfolgreichen WM-Kampf gegen Sheldon Hinton in der Gießener Hessenhalle. Es ist ein eindrucksvolles Porträt des heute 52 Jahre alten Schwergewichts geworden. »Ich habe mich sehr geöffnet. Das mache ich selten«, sagt Sidon heute über die Zusammenarbeit.

Würger fungiert bei dem bei Ankerherz erschienen Buch als Herausgeber. Neben ihm haben renommierte Reporter wie Cordt Schnibben oder Holger Gertz ihre besten Geschichten über die Seele des Boxens beigetragen. Es ist aber nicht nur ein Buch über das Boxen geworden. Es ist ein Buch über das Kämpfen. Es ist ein Buch über das Leben. Und in solch einem Buch kann Sidon nicht fehlen. Würgers Text endet mit Sidons K.-o.-Sieg im Kampf gegen Hinton: »Er hat jeden umarmt, den er zu fassen bekam. Stunden später sagt er, was er dachte, als er vor dem Kampf aufs Knie sank. Es war nur ein Satz: Mama und Papa, danke, dass ich die Kraft habe, zu leben.« Auch seine Eltern hatte Sidon bei einem Verkehrsunfall verloren.

»Knockout – Das Leben ist ein Kampf«, Ankerherz Verlag, ISBN: 978-3940138941, Preis: 29,90 Euro.

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