Dagmar Rinn von der RV Gießen-Kleinlinden letzte Woche beim Intervalltraining auf dem legendären Anstieg von Sa Calobra auf Mallorca. Gemeinsames Training oder gar Wettkämpfe sind derzeit untersagt, also werden in den nächsten Wochen viele Radsportler - sofern keine neue Entwicklung eintritt - ihre Runden allein drehen müssen. FOTO: BF
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Dagmar Rinn von der RV Gießen-Kleinlinden letzte Woche beim Intervalltraining auf dem legendären Anstieg von Sa Calobra auf Mallorca. Gemeinsames Training oder gar Wettkämpfe sind derzeit untersagt, also werden in den nächsten Wochen viele Radsportler - sofern keine neue Entwicklung eintritt - ihre Runden allein drehen müssen. FOTO: BF

Radsport

Shutdown im Trainingsaufbau und vor Saisonbeginn

  • Ronny Herteux
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Aus und vorbei. Vielleicht nur vorerst. Viele Radsportler wurden jetzt während ihres Trainingslagers auf Mallorca kalt erwischt. In der Heimat sind die ersten Veranstaltungen gestrichen worden.

Auch wenn viele Radsportler ihrer Neigung außerhalb der inzwischen geschlossenen Sporthallen frönen, bleiben sie natürlich nicht von den Auswirkungen der Coronavirus-Pandemie verschont. "Viele Radfahrer drehen zwar allein oder in Kleinstgruppen ihre Runden, aber bei Veranstaltungen sitzen beispielsweise viele Personen an der Anmeldung, auch die dürfen keinen Gefahren ausgesetzt werden", hat Wolfgang Rinn, Vereinsvorsitzender der RV 1904/27 Gießen-Kleinlinden, die für Mitte April geplante Radtouristikfahrt (RTF) bereits zu den Akten gelegt. Denn wie in vielen anderen Vereinen auch, meistens sind es die "älteren Semester", die das Vereinsleben aufrechterhalten. Und besonders jene Altersgruppe gilt es besonders zu schonen und schützen.

Der Bund Deutscher Radfahrer und der Hessische Radfahrerverband haben natürlich reagiert. "Bis einschließlich 19. April 2020 finden keine nationalen BDR-Wettbewerbe statt. Dies betrifft alle Nachwuchs- und Eliteklassen", heißt es in einer Verbandsmitteilung, und die Hessen haben sich dieser Empfehlung angeschlossen. Die RTF-Veranstaltungen in Niederdorfelden und Ilbenstadt sowie die Frankfurter Bezirks-RTF fallen aus.

Auch die Mountainbiker können nicht in die Saison starten bzw. müssen diese unterbrechen wie beim bereits gestarteten Bulls-MTB-Cup. Der Hessencup sollte am kommenden Wochenende mit dem Athletik-Test beim RSC Grünberg eingeläutet werden, auch dies ist hinfällig. Genauso wie der Bundesliga-Auftakt am 22. März im südhessischen Einhausen. Über 600 Rennradfahrer wurden erwartet, so auch Christian Schmidt vom Team Pro-juventute powerd by Cannonman. Seit Wochen hat er sich mit intensivem Training auf die neue Saison vorbereitet, um als Masterfahrer in die Bundesliga-Saison zu starten und seinen Titel aus dem Vorjahr zu verteidigen. Als amtierender Hessenmeister im Einzelzeitfahren und Straßenrennen hatte er sich viel vorgenommen, doch der 51-Jährige vom Team delta-bike.de ist ausgebremst worden, zumindest wettkampfmäßig: "Als Radsportler möchte man ja wissen, wo man nach dem Wintertraining steht", empfindet der Lizenzfahrer die Absagen als "sehr schade". Wie geht es weiter? "Für mein Training bedeutet das, einfach weiter nach Plan und etwas angepasst an die nicht vorhandenen Rennen", steigt Schmidt nicht vom Rad. Und sollte es auch draußen nicht mehr möglich sein, "dann wird es mit Zwift weiter gehen", also Training auf der virtuellen Plattform. "Wir müssen abwarten und auf das Beste hoffen."

Kalt erwischt wurden auch viele Radsportler in ihrem Trainingsdomizil auf Mallorca. Der BDR hat am letzten Freitag kurzfristig ein Flugzeug gechartert und den 86 Personen starken Tross, der sich in Alcudia zu einem Lehrgang aufgehalten hatte, ausfliegen lassen. Tausende Radsportler, vom Bundesliga- bis hin zum Hobbyfahrer, hielten und halten sich noch immer auf der Mittelmeerinsel auf. Einige haben pünktlich vor Verhängung einer Ausgangssperre und dem Shutdown noch die Heimreise antreten können, andere hängen seit Tagen in ihren Hotelzimmern fest und haben sich bereits mit den Reiseveranstaltern auf eine frühere Abreise verständigt.

Pünktlich den Absprung von der Insel hat auch Dagmar Rinn von der RV Gießen-Kleinlinden geschafft, die dort über mehrere Tage Ausdauer-, aber auch Intervalleinheiten im Tramuntana-Gebirge absolviert hat. Seit Monaten trainiert sie auf die Jahreshöhepunkte hin, nun "passt mein Trainer meinen Trainingsplan den Gegebenheiten an. Im Moment ist alles auf die Anhebung der FTP-Schwelle (funktionelle Leistungsschwelle) ausgelegt. Bis ich allerdings das erste Mal unter Rennbedingungen richtig Gas geben kann, wird es wohl nun noch dauern." Zumal nicht davon auszugehen ist, dass das Rennen Rund um den Finanzplatz Frankfurt-Eschborn stattfinden wird, auch wenn auf der Homepage des Veranstalters noch der Hoffnung Ausdruck verliehen wird, dass sich am 1. Mai Tausende von Rennradfahrer auf den Weg durch den Taunus machen. "Für Frankfurt steht die Hoffnung, das gegebenenfalls der Termin umgelegt wird. Sehr schade, wollte ich gerade hier für die neuformierte Tour-der-Hoffnung-Sportmannschaft antreten, für die ich ebenfalls bei Rad am Ring sowie zur Deutschland-Tour antreten will." Auch wollte die RV-Fahrerin einen Angriff auf das Siegerpodest in ihrer Altersklasse starten. Ein weiteres Highlight, den Gran Fondo Stelvio in Italien, hat die Pohlheimerin gedanklich schon ad acta gelegt. Dagegen hofft sie noch auf das "Jahreshighlight mit der 40. Auflage des Ötztalers, der zum Glück noch in weiter Ferne liegt". Für den Klassiker am 30. August "braucht es eine lange Vorbereitung", und so hofft die 51-Jährige, dass ihr Trainingspensum nicht ganz umsonst gewesen sein soll.

Ganz besonders hart treffen die Hallenschließungen die Indoor-Radsportler wie Kunstradfahrer oder Radballer, die weder Wettkämpfe noch Trainingseinheiten in der gewohnten Form absolvieren können. Noch Anfang März war zum Beispiel der RSV Oppershofen Ausrichter der Hessenmeisterschaft der Jugend und Elite im Kunstradsport in der Rockenberger Wettertalhalle. Unter den fast 200 Sportlern waren auch viele aus dem Radbezirk Taunus-Wetterau dabei, haben sich für weiterführende Meisterschaften qualifiziert. Und nun? "Aktuell haben wir den Trainingsbetrieb der Kunstradsportler bis Ende der Osterferien erst mal eingestellt. Ein Training alleine ist bei dem von uns betriebenen Mannschaftsfahren leider nicht möglich, bei den meisten Übungen halten sich die Sportler an den Händen, da wird es auch mit dem empfohlenen Abstandhalten schwierig", berichtet Volker Weil als Fachwart Breitensport, der sich viel für diese Saison vorgenommen hatte. "Das übliche Ziel unserer Schüler- und Eliteteams ist die Teilnahme an der DM, für die es eine Reihe an Qualiwettkämpfen gibt", weiß Weil momentan natürlich nicht, ob es überhaupt zu nationalen Titelkämpfen kommen wird. Bereits für Mitte Mai sind bei den Schülern die "Hessischen" und Anfang Juni die DM geplant. "Durch die Einstellung des Sportbetriebs haben wir zumindest keine finanziellen Einbußen", allerdings verweist Weil auf die für den 1. Juni geplante RTF. Das wird wohl eine zeitliche Zitterpartie, zumal die Radtouristikfahrt "die Haupteinnahmequelle des Vereins ist". Keine Frage, dieses Thema wird viele Vereine aus den Bezirken Lahn und Taunus-Wetterau umtreiben: Wie geht es weiter, sportlich und finanziell?

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