Ein Bild, das es so schnell wohl nicht geben wird: Grundschüler verschiedener Klassen treten in einer Sporthalle gegeneinander an. (FOTO: HENDRIK SCHMIDT/DPA)

Coronakrise

Schule ohne Sport

  • Ralf Waldschmidt
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Nach und nach haben die Schulen in Hessen ihren Betrieb wieder aufgenommen. Ein Fach scheint in den Plänen kaum eine Rolle zu spielen: der Sport.

Sportplätze und -hallen sind wieder geöffnet, ganz vorsichtig beginnt der Vereinssport nach und nach und unter Anwendung der Corona-Regeln wieder den Betrieb hochzufahren. Und die Schulen? Auch wenn die meisten Klassen wieder Unterricht haben, spielt der Sport hier noch keine Rolle. Die Gründe liegen auf der Hand: Umkleiden und Duschen dürfen nicht benutzt werden, die tägliche Reinigung erfordert zusätzlichen Personalbedarf, weshalb nicht alle Sportstätten sofort wieder geöffnet werden können, die Lehrerkapazitäten sind wegen der Risikogruppen beschränkt. Das könnte mittelfristig zum Problem werden, denn niemand weiß, ob der Normalbetrieb nach den Sommerferien wieder weitergeht.

Das Hessische Kultusministerium hat mit den Schreiben vom 8. Mai für die jeweiligen Schulformen darauf hingewiesen, dass der Unterricht in den Hauptfächern prioritär sichergestellt werden soll. Daneben soll die Notbetreuung gewährleistet werden. Soweit darüber hinaus weitere Kapazitäten vorhanden sind oder Kolleginnen und Kollegen nur in bestimmten Fächern eingesetzt werden dürfen, können die Fächer Sport, Musik und Darstellendes Spiel unter den besonderen hygienischen Bedingungen unterrichtet werden. In der Praxis bedeutet dies, der Sportunterricht liegt am unteren Ende der Prioritätenskala.

"Sport und körperliche Bewegung haben für Kinder und Jugendliche eine hohe Bedeutung. Bewegung und sportliche Aktivitäten können das Lernen positiv beeinflussen, fördern Konzentration und Ausdauer und haben insbesondere eine wichtige Ausgleichsfunktion", bekräftigt Gießens Stadträtin Astrid Eibelshäuser, "vor diesem Hintergrund ist es sehr zu begrüßen, dass auch der Sportunterricht wieder möglich ist."

Kreisschul- und Sportdezernentin Dr. Christiane Schmahl verleiht im nebenstehenden Interview ihrem Standpunkt Nachdruck: "Es ist schlecht, dass Schulsport ausfällt. Die Kinder müssen sich bewegen, gerade wenn sie auf 1,5 m Abstand im Klassenraum gesetzt werden und möglichst nicht durch den Raum laufen sollen. Sport hilft ja auch, Stress abzubauen - und den haben auch Kinder."

Burkhard Schuldt, der kommissarische Leiter des Staatliches Schulamtes, kann Einwände, Befürchtungen und Kritik verstehen. "Natürlich ist die Situation unbefriedigend. Ich bin selbst Sportler und weiß, welche Auswirkungen diese Einschränkungen haben", bittet der Breidenbacher um Verständnis, "wir sind uns der Probleme bewusst und arbeiten mit Hochdruck daran, den Notbetrieb Schritt für Schritt lockern zu können." In seinen Amtsbereich fallen aktuell fünf Schulträger und drei Gesundheitsämter, dazu kommt das heterogene Schulsystem von der Grundschule bis zur Oberstufe. Man habe bereits eine Konzeptgruppe ins Leben gerufen, so Schuldt, sodass er davon ausgehe, "dass sich im neuen Schuljahr die Prioritäten wieder verschieben". Klärungsbedarf sieht der kommissarische Schulamtsleiter an vielen Stellen, hält aber auch fest, dass vom Kultusministerium beim Präsenzunterricht den Kernfächern Vorrang eingeräumt werde. "Die Bedeutung des Sportes steht dennoch völlig außer Frage. An der Lösung der Probleme und der Umsetzung wird mit Hochdruck gearbeitet", versichert Schuldt.

Prof. Dr. Gudrun Doll-Tepper, Vizepräsidentin für Bildung und Olympische Erziehung im Deutschen Olympischen Sportbund, stellt fest: "Gerade für unsere Kinder und Jugendlichen waren die letzten Wochen dramatisch. Sie wurden nicht nur in ihrem natürlichen Drang nach Bewegung stark eingeschränkt, sondern mussten immer wieder hören, was sie alles nicht dürfen: Keine Kita, keine Schule, kein Training im Verein, kein Spielplatz, kein Schwimmbad und sogar Freunde zum gemeinsamen Toben und Spielen durften nicht getroffen werden. Es ist daher unerlässlich, dass auch der Sportunterricht und Bewegungsangebote für alle Kinder und Jugendlichen wieder stattfinden."

Der Deutsche Sportlehrerverband (DSLV) hat in einem Positionspapier drei Ideen aufgezählt, wie dies im Freien auf dem Sportplatz, der Laufbahn im Park, auf dem Schulhof und weiteren Bewegungsräumen aussehen könnte: Laufen, Springen, Werfen. Leichtathletik, der Erwerb des Sportabzeichens, aber auch Badminton, Speedminton, Inlineskaten, Radfahren und kontaktlose Spiele ohne Partner und Gegnereinwirkung etc. sind dort genannt. Ergänzend könnten "kleine Aufgaben für zu Hause oder für die Freizeit eine Perspektive für Bewegung im Alltag eröffnen und Reflexionsprozesse bieten".

Mit dem aktuellen Hygieneplan Corona für die Schulen in Hessen vom 26. Mai 2020 sind auch Sportunterricht und außerunterrichtliche Sport- und Bewegungsangebote während der Corona-Pandemie möglich. Für den Gießener Sportkreis-Vorsitzenden Prof. Dr. Heinz Zielinski ist dies zwar eine erfreuliche Nachricht, "vor allem für die Kinder und Jugendlichen, die schon sehr lange ihr so beliebtes Schulfach vermissen müssen. Ich hoffe nur, dass die Schulen diese Vorlage des Kultusministeriums nutzen und von dieser öffnenden Regelung redlich Gebrauch machen. Allerdings", moniert der Lindener, "sind dem Sportkreis Gießen - in Hessen insgesamt dürfte es ähnlich sein - noch keine Beispiele bekannt, in denen Schulsport wieder stattfindet, ob nun unterrichtlich oder außerunterrichtlich. Klar, es ist nicht leicht, die entsprechenden Vorschriften sofort praktisch umzusetzen. Daher bin ich skeptisch, dass Schulsport in diesem Schuljahr überhaupt noch stattfindet, so wünschenswert dies auch ist. Gerade angesichts der aktuellen Situation müssen wir den Blick auf das nächste Schuljahr werfen. Der Sportunterricht darf und kann nicht zum Verlierer der Corona-Pandemie werden. Wir wissen, Sport und Bewegung sind für die Gesundheit - körperlich und mental - von essentieller Bedeutung. Daher tritt der organisierte Sport mit Nachdruck dafür ein: Macht den Schulsport zu einem wichtigen Bestandteil der Unterrichtplanung im nächsten Schuljahr."

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