Schmerzmittel und Adrenalin: Wetzlars Weber überragend

(mac) Die Feldspieler wussten, bei wem sie sich zu bedanken hatten. Direkt nach dem Schlusspfiff liefen sie auf Nikolai Weber zu und herzten ihren Keeper, der gestern beim 24:18 (13:12)-Heimsieg gegen den TV Großwallstadt der überragende Akteur der HSG Wetzlar gewesen war. Allein vier Siebenmeter entschärfte der Schlussmann und vereitelte zahlreiche weitere Chancen der Mainfranken, obwohl er stark angeschlagen in die Partie gegangen war.

(mac) Die Feldspieler wussten, bei wem sie sich zu bedanken hatten. Direkt nach dem Schlusspfiff liefen sie auf Nikolai Weber zu und herzten ihren Keeper, der gestern beim 24:18 (13:12)-Heimsieg gegen den TV Großwallstadt der überragende Akteur der HSG Wetzlar gewesen war. Allein vier Siebenmeter entschärfte der Schlussmann und vereitelte zahlreiche weitere Chancen der Mainfranken, obwohl er stark angeschlagen in die Partie gegangen war. "Ich habe einen Bänderriss in der Schulter und vor dem Spiel fünf Schmerztabletten genommen. Geholfen haben sie aber nicht", erklärte der Torhüter augenzwinkernd, den einzig das Adrenalin, das nach seinen Großtaten durch seinen Körper strömte, durch die Partie brachte. "Die Einstellung hat zu 100 Prozent gestimmt. Von der ersten Sekunde an", jubelte Philipp Müller, der bei seiner Mannschaft eine "starke Abwehrleistung und einen überragenden Keeper" gesehen hatte und im Anschluss an die umkämpfte Partie erleichtert darüber war, dass die HSG nach den zuletzt eher dürftigen Auftritten im letzten Spiel vor der WM-Pause eine sehr ordentliche Leistung geboten hatte.

"Wir leben noch, und das ist gut so. Die Mannschaft hat eine Reaktion gezeigt und war von Anfang an präsent. Es hat gut getan, zu sehen, wie die Jungs um diese Punkte gekämpf haben", erklärte HSG-Coach Gennadij Chalepo.

Der zukünftige Geschäftsführer Björn Seipp war in seinem letzten Heimspiel als Hallensprecher noch einmal in Hochform und peitschte Mannschaft und Fans schon vor der Partie ordentlich ein. Aber auch auf dem Spielfeld waren etliche Grün-Weiße zu Beginn in bester Verfassung. Die beiden Halben, Philipp Müller und Lars Friedrich, sorgten für die ersten sechs Treffer zur 6:3-Führung (13.) und brannten ein Feuerwerk ab, das von Nikolai Weber in der zweiten Minute mit dem ersten gehaltenen Siebenmeter gezündet wurde. Sein Pulver hatte der HSG-Keeper damit aber lange nicht verschossen. Denn gerade als die Großwallstädter - welch Wunder - mit der Umstellung auf eine 5:1-Abwehr Mitte der ersten Hälfte versuchten, Sand ins Getriebe der Wetzlarer zu streuen, hielt Weber seiner Truppe mit zahlreichen Paraden den Rücken frei und merzte damit auch aus, dass Peter Jungwirth in der ersten Viertelstunde gleich zwei beste Chancen verdaddelt hatte.

Die erste Vier-Tore-Führung der Hausherren besorgte Alois Mraz (7:3/14.), der auf der Spielmacherposition den Vorzug vor Timo Salzer erhalten hatte, und auch der auf Linksaußen in die Stammformation gerutschte Christian Rompf trug seinen Teil zum guten Start der Wetzlarer bei. Das Eigengewächs traf zum 8:4 (17.). Nun aber hatte Wetzlar einen Durchhänger. In nur fünf Minuten konnten die Mainfranken den Rückstand egalisieren, als Felix Kossler eine von nun zu vielen Gegenstoßmöglichkeiten der Gäste zum 9:9 (22.) verwandelte. Die erste Führung gelang dem TVG wenig später, als Oliver Köhrmann mit einem Schlagwurf aus dem Lauf zum 10:9 traf (23.).

Die Euphorie in den Gesichtern der 3854 Zuschauern in der Rittal-Arena war verschwunden, und auf dem Parkett entwickelte sich das erwartete Duell - emotionsgeladen, spannnend und mit einigen Fehlern auf beiden Seiten.

Ungeachtet der Unzulänglichkeiten - im Besonderen leistete sich die HSG zu viele aussichtslose Kreisläuferanspiele - holten sich die Chalepo-Schützlinge die Führung bis zur Pause zurück, als Jungwirth endlich seinen ersten Wurf verwandelte (13:12/30.). Zuvor hatte Salzer mit einem wuchtigen Schlagwurf bereits zum 12:11 für Wetzlar getroffen. Diese Führung hatte Jens Tiedtke aber noch ausgleichen können.

Dass dieses 12:12 der letzte Gleichstand der Partie bleiben sollte, darauf hätte zunächst wohl kaum jemand gewettet, obwohl die Wetzlarer einiges dafür taten. Müller hatte seine Mannschaft in der 35. Minute mit 15:12 in Führung gebracht, Keeper Weber im Anschluss den dritten von letztlich vier Strafwürfen entschärft und phasenweise schaffte es auch die Abwehr des Chalepo-Teams, die Gäste sogar in deren Überzahl in Zeitspielnot zu bringen. Die Folge: Nach einem herrlichen Einläufer traf Rompf vom Kreis und stellte beim 17:14 (42.) wieder eine Drei-Tore-Führung her.

Als HSG-Kreisläufer Georgios Chalkidis nach seiner dritten Zeitstrafe in der 47. Minute vom Feld musste und die Wetzlarer in doppelter Unterzahl dastanden, drohte die Partie aber doch zu kippen. Köhrmann stellte für die Gäste, die ohne ihren etatmäßigen Halblinken Stefan Kneer auskommen mussten, den 17:18-Anschluss her (50.). TVG-Coach Peter David, der nach dem Abschied von Michael Roth bei der HSG als möglicher Nachfolger gehandelt worden war, hatte Hoffnung, zumal die HSG nun mehrmals nur von der Latte vor dem drohenden Ausgleich gerettet wurde. Doch seine Mannschaft, der neben Kneer auch Linkshänder Moritz Schäpsmeier fehlte, machte nun zu viele Fehler. Der erkrankte Rückraumspieler war derart geschwächt, dass er während des Spiels sogar im Mannschaftsbus bleiben musste.

"Wir konnten die Ausfälle dann nicht mehr kompensieren", sagte TVG-Spielmacher Köhrmann mit Blick auf die nun beginnende Endphase. "Wetzlar hat die Schlussphase beherrscht. In der zweiten Hälfte waren wir nicht klug genug und haben zu viele Chancen ausgelassen. Das ging auf die Substanz. Wetzlar hat das gnadenlos bestraft und verdient gewonnen", erklärte Coach David, der in den letzten Minuten keine Handhabe mehr hatte, als sich die Wetzlarer vom 19:18-Zwischenstand bis zum 24:18-Endstand sehr souverän absetzten.

"Der Schlüssel zum Erfolg war, dass wir die Flensburg-Niederlage schon am Montag mit vielen Gesprächen abgehakt haben. Wir waren heiß auf das Spiel und auf jeden einzelnen Zweikampf", sagte Kapitän Salzer, der mit seinem Treffer zum 22:18 die Entscheidung besorgt hatte. Bedanken mussten er und seine Mitspieler sich aber bei einem anderen.

HSG Wetzlar: Weber, Hacko (n.e.); Schmidt, Müller (3), Fäth (n.e), Salzer (3), Mraz (1), Valo (2), Friedrich (8/3), Jungwirth (4), Chalkidis, Kristjansson (1), Rompf (2).

TV Großwallstadt: Andersson, Rominger; Spatz, Weinhold (4), Tiedtke (5), Larsson (1), Jakobsson, Kunz (1), Reuter, Köhrmann (4/1), Szücs, Kossler (1), Liebald (2).

Im Stenogramm: Schiedsrichter: Damian/ Wenz (Bingen/Mainz). - Zuschauer: 3854. - Zeitstrafen: 10:4 Minuten. - Rot: Chalkidis (3x2/47.). - Siebenmeter. 3/4:1/5.

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