Schaffartziks Dreier tun 46ers richtig weh

Ein bisschen mehr Dankbarkeit hätten die LTi Gießen 46ers schon verdient. Immerhin avancierte Heiko Schaffartzik in der vergangenen Saison im Trikot des mittelhessischen Basketball-Erstligisten zum deutschen Nationalspieler. Doch der 26-Jährige kannte keine Gnade mit seinem früheren Arbeitgeber. An seiner ehemaligen Arbeitsstätte verpasste der Spielmacher der New York Phantoms Braunschweig den Gießenern den entscheidenden Niederschlag: Seine beiden Dreier in der Schlussminute besiegelten schließlich die 65:71 (31:37)-Niederlage der weiterhin stark abstiegsbedrohten 46ers.

Zugegeben: Ihm wurden die Würfe auch sehr leicht gemacht. Vor allem der für die Gastgeber zum genickbrechenden 64:67 25 Sekunden vor der Schlusssirene, als der nur 1,83 m große Schaffartzik den zwei Köpfe größeren Kevin Johnson mit einer einfachen Täuschung wie einen Anfänger aussehen ließ und anschließend noch die Kaltschnäuzigkeit besaß, in aller Seelenruhe einen Schritt nach hinten zu setzen, um den Schuss von jenseits der 6,25-m-Linie abzufeuern. Zwar tanzte der Ball auf dem Ring, fand aber letztlich den Weg durch das Netz.

Ein typischer Schaffartzik, der in der Osthalle vor 3260 bedienten Zuschauern - ausgenommen der lautstarke Anhang der Niedersachsen - zum Matchwinner avancierte. Der Spieler mit der Nummer acht auf dem Rücken traf sieben seiner zehn Dreier, erzielte damit alle seine 21 Punkte und zeigte seinen Gegenspielern, meist Osvaldo Jeanty, so ganz nebenbei, mit welcher Intensität über einen längeren Zeitraum im Mann-gegen-Mann-Vergleich verteidigt werden kann.

Die Unbekümmertheit und teilweise Gleichgültigkeit, die die 46ers beim Verhindern von Körben an den Tag gelegt hatten, dürften dem 46ers-Headcoach Vladimir Bogojevic gar nicht geschmeckt haben. Fassungslos stand er an der Seitenlinie beim wohl siegbringenden Schaffartzik-Dreier. Er konnte es einfach nicht glauben, wie dilettantisch sich sein Powerforward Johnson in dieser spielentscheidenden Situation verhalten hatte. Anstatt sich vor dem Schützen aufzustellen, groß zu machen und dabei eine Hand in Richtung Wurfhand zu strecken - zumindest so bekommen es Anfänger gelehrt -, stürmte der heranfliegende 2,00-m-Mann dem Schützen entgegen und wollte ihn spektakulär blocken. So hatte der gewiefte Schaffartzik natürlich leichtes Spiel.

Überhaupt dürfte "Vladi" die Basketballwelt am Samstagabend nicht verstanden haben. In der Vorbereitung auf die so eminent wichtige Heimpartie - mit einem Sieg hätten die 46ers gegenüber den ein Spiel im Rückstand, aber im direkten Vergleich besser stehenden Hagenern nach Siegen vorlegen und sich zudem vom Tabellenvorletzten Paderborn absetzen können - hatte er immer wieder auf die außergewöhnlichen Wurffähigkeiten eines Schaffartziks hingewiesen.

Wie letztlich aber seine Mannschaft mit der Vorgabe umgegangen ist, dürfte für ihn ein Schlag ins Gesicht gewesen sein. "Dass Heiko nach zwei seiner Treffer dann aber weiter offene Dreier nehmen kann, hat mich verwundert", konstatierte Bogojevic. Sein Gegenüber Sebastian Machowski freute sich natürlich über die Leistung seines Go-to-guys: "Heiko hat uns mit seinen Dreiern das Spiel gewonnen, wenn nicht, zumindest aber den Weg zum Sieg geebnet."

Die Braunschweiger suchten von Beginn an ihr Heil im Eins-gegen-Eins, meist aus einem Block heraus, der ungefähr in der Mitte Höhe Zonenrand und Dreipunktelinie gesetzt wurde. Die meist einen Schritt zu langsam agierenden 46ers, ob direkter Gegenspieler oder der zur Hilfe eilende Akteur, sahen so gegen die geistig und körperlich frischer wirkenden Gäste kaum Land. Die 24:18-Führung der Machowski-Truppe war die Folge daraus, wobei vor allem Maurice Jeffers mit sieben Punkten die 46ers in diesem Abschnitt im Spiel hielt.

Bis zur Hälfte des zweiten Viertels sah das nicht gerade vor Begeisterung überschäumende Osthallen-Publikum das gleiche Bild: Die Gießener blieben in ihrer Mann-Mann-Verteidigung, hatten enorme Schwierigkeiten, Körbe zu erzielen, und die Niedersachsen wichen nicht von ihrem erfolgreichen Konzept ab. In der 15. Minute stellte Bogojevic seinen Abwehrverband um und ordnete eine 2-3-Zonenverteidigung an. Die Maßnahme fruchtete schnell. Die meist mit vier US-Amerikanern spielenden Braunschweiger gerieten völlig aus dem Tritt. Auf einmal war kein Platz mehr zum Ziehen vorhanden. Die 46ers holten auf, und der leidenschaftich kämpfende Powerforward Joe Werner markierte nach einem geholten Offensivrebound das 26:33 (16.). Letztlich ging der Gastgeber mit einem Sechs-Punkte-Rückstand (31:37) in die Pause. Die Gäste waren angeschlagen, die 46ers legten in Person von Elvir Ovcina nach. Und dem in der Defense schwachen Osvaldo Jeanty, der Schaffartzik nie in den Griff bekam, war es vorbehalten, mit seinen einzigen Punkten (Dreier) den ersten Ausgleich zu erzielen (45.

45., 26.). Anstatt konzentriert weiterzuspielen, unterliefen den Gießenern Fehler (Jakovic und Ovcina), die die eigentlich geschockten Braunschweiger wieder aufbauten, die aufgrund von zwei Dunkings (Thomas und Cain) und einem Schaffartzik-Dreier mit 52:45 in Front lagen und den Vorsprung bis zum Viertelende auf 58:48 ausbauten.

Doch die Mittelhessen kämpften sich zurück. Vor allem die nun zum zweiten Mal praktizierte 2-3-Ball-Raum-Verteidigung zeigte Wirkung. Die Niedersachsen kamen völlig aus dem Konzept und leisteten sich im finalen Durchgang zehn Ballverluste (insgesamt 19). Die nutzten die Gießener zur Aufholjagd und lagen nach einem Tip-in von Johnson erstmals in Führung (63:61, 39.). Aber anstatt nach einem Ballverlust der Gäste (Hamilton dribbelte Thomas auf den Fuß) wegzuziehen, klaute Cain dem erfahrenen Ovcina den Ball. Anschließend traf Schaffartzik per Dreier (64:63), und Jeffers wie Williams versemmelten jeweils einen ihrer beiden Freiwürfe, sodass die fünfte Heimniederlage der 46ers in Folge nicht mehr zu vermeiden war.

Trotz des erneuten Scheiterns stellte sich 46ers-Geschäftsführer Christoph Syring demonstrativ hinter Coach Bogojevic: "Es gibt keine Trainerdiskussion. Wir haben kein Motivationsproblem in der Mannschaft. Es gibt einfach Spieler, die Anweisungen nicht beachten. Das ist nicht die Schuld des Trainers." Wolfgang Gärtner

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