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Auch Roger Derichs kann die Niederlage nicht verhindern. (Foto: Friedrich)

Schach-Komödie der Irrungen und Wirrungen

(fjd) Nach dem dritten Spieltag nimmt die Tabelle der Schach-Hessenliga allmählich Konturen an. Im direkten Vergleich zweier zuvor verlustpunktfreien Mannschaften setzte sich der SV Griesheim II mit 4,5:3,5 beim SK Bad Homburg durch und übernahm somit Platz eins. SK Gießen bleibt Tabellenletzter.

Aber auch die beiden direkten Verfolger SK Gernsheim (6,5:1,5 gegen Sfr. Dettingen) und SC Bad Nauheim (4,5:3,5 beim SK Gießen) konnten doppelt punkten. Hingegen bleibt der Traditionsverein SK 1858 Gießen, der sich vor der Saison freiwillig von der Oberliga Ost in die Hessenliga hat zurückstufen lassen, auch in neuer sportlicher Umgebung ohne Erfolgserlebnis. Durch die unnötige Heimniederlage gegen Bad Nauheim ziert der SK 1858 nunmehr mit 0:6 Zählern den letzten Tabellenplatz und bleibt somit stark abstiegsgefährdet.

Nach den beiden Auftaktpleiten gegen Gernsheim und den SV Griesheim II war für den mittelhessischen Traditionsverein die Ausgangsposition ausgesprochen günstig, um am dritten Spieltag die Trendwende einzuleiten. Während bei Gießen erstmalig in dieser Saison die beiden Fide-Meister Roger Derichs und Dr. Stefan Klingelhöfer mitwirken konnten, mussten die Gäste aus Bad Nauheim mit Patrick Will, Jochen Rothenbacher und Arthur Handstein auf gleich drei Stammkräfte verzichten und ließen obendrein das Spitzenbrett unbesetzt.

Gewinnbringend nutzen konnten dies die Hausherren allerdings nicht. In einem zwar spannenden, zugleich aber niveauarmen Wettkampf mit groben Schnitzern auf beiden Seiten ließ sich Gießen nach der Zeitkontrolle noch die Butter vom Brot nehmen und stand nach dieser Komödie von Irrungen und Wirrungen erneut mit leeren Händen da.

Kontinuierlich verlaufen waren dabei lediglich die Partien von Thomas Sunder (Brett 5) und dem erstmals eingesetzten Neuzugang Holger Burkhardt am achten Brett. Erstgenannter konnte sich gegen den spielstarken Nauheimer Erwin Kaliski (DWZ 2129) mittels Damentausch aus der beengten Aljechin-Verteidigung (1. e4 Sf6 2. e5 Sd5 3. d4 d6 usw.) entlasten. Durch einen schwachen Königszug ermöglichte Sunder seinem Kontrahenten jedoch im 20. Zug eine forcierte Abwicklung, in dem dieser zwei Leichtfiguren gegen einen Turm erlangte, wonach die Partie für Schwarz nicht mehr zu halten war. Systematisch überspielt wurde Holger Burkhardt (DWZ 2027), der sich mit Weiß extrem vorsichtig aufbaute (1. d4 Sf6 2. Lf4) und in der Folge mit seinen beiden Läufern auf h2 und e2 in dem von Widerpart Sebastian Syperek abgeriegelten Königsflügel auf Granit biss. Nach Damentausch und Zentrumsdurchbruch verfügte der Gästeakteur sowohl über die aktiveren Türme als auch über zwei umwandlungsbereite Freibauern auf a2 und e2, was sich in der Addition als spielentscheidend erwies.

Zunächst große Mühe hatten Bego Bajramovic und Dr. Lutz Konrad, die dann allerdings im Mittelspiel von groben Schnitzern ihre Kontrahenten profitierten. Letztgenannter musste in der Englischen Partie mitansehen, wie Nauheims Hendrik Bollmann die offene d-Linie mit allen drei Schwerfiguren in Besitz nahm. Statt diesen Positionsvorteil geduldig zu verwerten, ließ sich Bollmann zu einer fehlerhaften Opferkombination auf der Grundreihe hinreißen, die Konrad den materiellen Vorteil von Dame und Leichtfigur gegen zwei Türme verschaffte. Bajramovic hatte in der Spanischen Siesta-Variante (1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. Lb5 Lc5 usw.) für das Linsengericht eines Mehrbauern seinem Kontrahenten Dennis Calder Läuferpaar und Initiative überlassen, so dass es nur noch eine Frage der Zeit schien, wann die poröse weiße Königsstellung (Doppelbauern auf f2+f3) geschleift werden wird. In bedrängter Lage gelang dem listigen Gießener jedoch urplötzlich der lucky punch in Form eines Läuferopfers mit nachfolgendem Abzugsschach, so dass nicht Weiß, sondern Schwarz mattgesetzt wurde.

Alle Matchbälle vergeben

Der SK schien auf Siegkurs. Den ersten Matchball vergab aber Dr. Stefan Klingelhöfer, der als Anziehender gegen die grünfeld-indische Verteidigung des Ex-Gießener Ernst Fromme in bewährter Manier am Damenflügel die positionellen Daumenschrauben auspackte. Das bewegliche Vollzentrum in Verbindung mit den deutlich aktiveren Türmen stand dabei für Gießens Fide-Meister auf der Habenseite, der in Zeitnot jedoch ein Fesselungsmotiv übersah und beim Versuch, die verlorene Leichtfigur zu retten, sogar noch mattgesetzt wurde. Als dann auch noch Erwin Dios in einem Turm-Leichtfiguren-Endspiel mit Mehrbauer seinen starken Freibauern durch ein gegnerisches Damenscheinopfer nebst Springergabel einbüßte, wonach die zuvor gewonnene Stellung ins Remis versandete, spitzte sich die Lage zu.

Beim Stande von 3,5:3,5 versuchte Ex-Hessenmeister Jürgen Sehrt die Kohlen aus dem Feuer zu holen, in dem er gegen Nauheims Dominik Will ein objektives ausgeglichenes Endspiel auf Gewinn zu kneten versuchte. Bei diesem Unterfangen lief Sehrt jedoch im 48. Zug in eine Springergabel mit Qualitätsverlust, wodurch der eine Punkt dann auch noch über die Wupper ging.

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