Schach: Die Gießener Aufstiegsträume platzen

(fjd) Mit dem 6:2-Heimsieg über den SK Gründau verteidigte Spitzenreiter FTV Frankfurt (9:1 Punkte) die Tabellenführung in der Schach-Verbandsliga Nord. Aus dem Kreis der Titelanwärter ausgeschieden ist hingegen der SK 1858 Gießen II (6:4 Punkte) nach der 3:5-Heimpleite gegen die bislang so enttäuschenden Schönecker Schachfreunde.

Nach zuletzt drei Punktspielerfolgen in Serie gab es für den SK 1858 Gießen II im Heimspiel gegen den Drittletzten der Liga ein böses Erwachen. Im Grunde hatte sich die Pleite bereits in den Tagen zuvor angedeutet, als gleich mehrere Absagen von Stammkräften das Konzept von Gießens Teamchef Peter Rudolph durchkreuzten. So fehlten neben dem in der Oberliga festgespielten Sören Keßler die zweitbundesligaerfahrenen Routiniers Jürgen Sehrt und Thomas Sunder. Zudem musste der ursprünglich für Brett acht vorgesehene Ex-Braunfelser Rene Bittrich krankheitsbedingt passen, sodass Senior Manutschehr Arvin dort sein Verbandsligadebüt gab.

Gegen den nominell deutlich schwächeren Schönecker Nachwuchsspieler Elijah Everett (DWZ 1797) steuerte Arvin mit den weißen Steinen ein ausanalysiertes Abspiel der Sizilianischen Najdorf-Variante (1. e4 c5 2. Sf3 d6 3. d4 cd4: 4. Sd4: Sf6 5. Sc3 a6 6. Lg5 usw.) an, vermied danach aber mit Sb3 das thematische Bauernopfer auf b2. Die Partie verlor dadurch an Fahrt, mit der Folge, dass Everett nach diversen Vereinfachungen den Übergang in ein ausgeglichenes Turm-Leichtfiguren-Endspiel erzwingen konnte.

Ebenfalls mit einer leistungsgerechten Punkteteilung endete die Begegnung am fünften Brett, an dem der Geraer Neuzugang Jan Klippel mit dem Slawischen Damengambit die anfänglich leichte Initiative seines Kontrahenten abfederte, in dem späteren Endspiel dann trotz des weißen Isolanis auf d4 keine Gewinnperspektiven sah.

Für Experten überraschend punkteten die Gastgeber dafür am Spitzenbrett, wo Bego Bajramovic die Spielanlage des Schönecker Fide-Meisters Harry Schaack (DWZ 2217 !) komplett widerlegte. Der Gästespieler hatte mit dem altehrwürdigen Königsgambit eine scharfe Gangart gewählt, dabei aber die Deckung des eigenen Königs sträflich vernachlässigt. So stand der kurz rochierende weiße Monarch bereits nach 15 Zügen ohne jeglichen Bauernschutz in der Ecke (f,g und h-Bauer waren nacheinander über Bord gegangen), sodass Bajramovic wenig Probleme hatte, in die Lücken hinein zu stoßen und nacheinander Qualität und Figur zu erbeuten, was in der Addition einen glatten Mehrturm ergab. Ebenfalls nicht unbedingt einzukalkulieren war der glatte Erfolg von Thorsten Eckhardt gegen den 100 DWZ-Punkte "schwereren" Routinier Achim Müller. Im c3-Sizilianer (1.

e4 c5 2. c3 b6 usw.) sicherte sich der Gießener frühzeitig das Vollzentrum, ehe er im 20. Zug mit einer Kombination auf einen Schlag zwei gegnerische Offiziere bedrohte, von denen sich danach nur einer retten konnte (1:0, 31. Zug).

Relativ glatt waren allerdings auch die Gießener Partieverluste an den Brettern zwei und drei. Professor Roland Arbinger hatte als Anziehender im Slawischen Damengambit bereits im frühen Mittelspiel seinen Zentralbauern auf d4 eingebüßt, wonach der frühere Deutsche Jugendmeister Kai Christian Meyer mit beeindruckender Technik seinen geringen Materialvorteil im späteren Schwerfigurenendspiel zur Geltung brachte. Klaus Henzelmann (Brett drei) kam als Nachziehender gegen FM Wolfgang Schöbel ebenfalls nicht so recht in die Gänge. Aus dem ruhigen Damenbauernspiel (1. d4 Sf6 2. Sf3 c5 3. c3 b6 4. g3 usw.) heraus verschärfte Schöbel überraschend die Gangart, opferte auf h6 einen Läufer, wonach die Königsstellung Henzelmanns wie ein Kartenhaus zusammenbrach.

Waren die erzielten 50 Prozent in der oberen Bretthälfte aus Sicht des SK 1858 überaus respektabel (dort hatte Schöneck deutliche DWZ-Vorteile), so kam der mickrige halbe Zähler an den letzten drei Brettern einem Offenbarungseid gleich. Mannschaftsführer Peter Rudolph leistete sich mit Weiß in der Spanischen Abtauschvariante einen totalen Blackout, als er auf dem Feld e5 einen überdeckten Bauern schlug und dadurch einen Springer einbüßte. Aufgrund des geschlossenen Charakters der Position tat sich Widerpart Claus Meyer-Cording mit der Verwertung der glatten Mehrfigur erstaunlich schwer, ehe er im 86. Zug (!) dann doch noch den partieentscheidenden Durchbruch fand. Rudolphs Brettnachbar Erwin Dios, zuvor in allen Partien siegreich gewesen (4/4), schien den Schönecker Matthias Weiss im c3-Sizilianer (1. e4 c5 2. Sf3 Sc6 3. c3 g6 usw.) problemlos überrennen zu können, als er auf der halboffenen f-Linie die Türme verdoppelte und auf f3 das scheinbar partieentscheidende Qualitätsopfer setzte.

Statt den Kontrahenten direkt matt zu setzen, schaltete Dios zum Entsetzen seiner Teamkollegen auf den Abtauschmodus um, sodass sich der Schönecker in ein unklares Endspiel mit Mehrqualität gegen zwei Minusbauern rettete, welches er nach Ungenauigkeiten des Gießeners letztlich für sich entschied.

Brett 1: Bajramovic – FM Schaack 1:0; 2: Prof. Arbinger – Meyer 0:1; 3: Henzelmann – FM Schöbel 0:1; 4: Eckhardt – Müller 1:0; 5: Klippel – Kleschtschow remis; 6: Rudolph – Meyer-Cording 0:1; 7: Dios – Weiss 0:1; 8: Arvin – Everett remis.

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