Fußball schauen in Corona-Zeiten: Sowohl im Biergarten des Apfelbaums (l.) als auch in der Sportsbar Ellis (r.) herrschte am Samstagnachmittag kaum Andrang. FOTOS: SNO
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Fußball schauen in Corona-Zeiten: Sowohl im Biergarten des Apfelbaums (l.) als auch in der Sportsbar Ellis (r.) herrschte am Samstagnachmittag kaum Andrang. FOTOS: SNO

Fußball-Geisterspiele

"Die rufen das Gleiche wie bei uns"

  • Sven Nordmann
    vonSven Nordmann
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Während sich der fußballliebhabende Schulleiter durch die Pause vom Sport distanziert hat, freut sich der A-Liga-Kicker auf den wiedergewonnenen Stammtisch .

Passend zum Bundesligakracher zwischen Bayern und Dortmund haben wir gefragt: Wie ist das etwas andere Schauen von Geisterspielen? Vier Fußballanhänger aus dem Gießener Kreis erklären, welche Auswirkungen die Wiederaufnahme der Bundesliga samt der neuen Eigenarten auf sie hat.

Marian Hild, 19 Jahre alt, kommt aus Oppenrod, spielt für die SG Reiskirchen/Bersrod/Saasen in der A-Liga und freut sich enorm, mit seinem Stammtisch am Wochenende wieder Fußball schauen zu können: "Als Fan finde ich es geil, dass die Bundesliga wieder läuft - blende ich das Fansein aus, muss man es kritisch sehen, ja. Aber es gibt mir viel, wieder live Fußball schauen zu können. Die Bundesliga ist für uns ein zusätzlicher Anreiz, sich zu treffen.

Die ersten Geisterspiele, Dortmund in Paris, oder Gladbach gegen Köln, die waren wirklich sehr schwer erträglich. Aber ich merke, dass mit der Zeit ein Gewöhnungsprozess einsetzt und es jetzt auch so Spaß macht, zuzuschauen."

Silja Römer, 44 und aus Ober-Bessingen, ist Referentin für Frauenfußball und erzählt am Sonntag, während sie die Zweitligapartie zwischen dem Karlsruher SC und dem VfL Bochum schaut, begeistert von ihren Eindrücken: "Eben hat der Torhüter des VfL Bochum über den Platz geschrien: ›Seid ihr behindert?‹ Ich finde es geil zu sehen, dass das kaum anders ist als bei uns auf dem Amateur-Sportplatz. Ob ›Vorschieben!‹ oder ›Stellen!‹, die Rufe sind oft identisch zu denen bei uns.

Und auch das Coaching der Trainer bekommt man durch die Geisterspiele von zu Hause aus viel intensiver mit. Ich finde das total interessant und kann den Spielen ohne Zuschauer auch etwas Positives abgewinnen.

Es ist eben ganz anders. So fehlen die Emotionen nach dem Jubeln zum Beispiel total. Normalerweise werden die Spieler da getragen vom Applaus, jetzt wird sich nach dem Tor einmal vorsichtig abgeklatscht und das war’s."

Peter Blasini, 60 und aus Lich, war früher eine lokale Fußballergröße und leitet nun die Dietrich-Bonhoeffer-Schule in Lich. Am Wochenende verfolgte er erst die Bundesliga-Konferenz und dann die Partie der Frankfurter Eintracht in München live am Fernseher und ertappte sich dabei, wie er während der Partie seiner Frau beim Aufräumen half: "Als der Profisport von 100 auf null runtergefahren wurde, das war eine neue Erfahrung. Ich schaue gerne Sport, ob die HSG Wetzlar, die Gießen 46ers oder die Frankfurter Eintracht. Aber durch die Pause habe ich gemerkt, dass es auch ohne geht. Je älter du wirst, desto distanzierter betrachtest du das Ganze. Plötzlich bin ich während des Eintracht-Spiels aufgestanden und habe andere Sachen erledigt. Das ist eine interessante Beobachtung.

Trotzdem: Wenn ich Zeit finde, schaue ich die Eintracht auch künftig. Die Geisterspiele ohne Zusatzton zu hören, ist oberätzend. Am Samstag habe ich die Zusatzfunktion von Sky mit dem Stadion-Ton genutzt, das war deutlich besser."

Stefan Hassler, 50 Jahre alt und Ur-Gießener, musste seine Sportsbar Ellis im Riegelpfad für exakt zwei Monate schließen und hat ab dem 15. Mai wieder geöffnet. Seine Bilanz nach zwei Fußball-Wochenenden fällt aber bescheiden aus: "Es ist überhaupt kein Vergleich zur Zeit vor Corona. Der Besuch ist sehr verhalten. Alleine schon durch die Sicherheitsmaßnahmen reduziert sich die Anzahl an Sitzplätzen. Der Höchstwert in den letzten beiden Wochen lag vielleicht bei 15 Personen - bei Spielen wie jetzt Bayern gegen Dortmund habe ich normalerweise 90 Leute im Lokal. Das lässt sich finanziell auf Strecke nicht bewerkstelligen. Die Alternative ist die Ladenschließung ohne Einnahmen, aber mit laufenden Kosten. Ich habe auch eine Verpflichtung denjenigen gegenüber, die gerne kommen und uns besuchen. Dafür bin ich dankbar. Zur Bundesliga: Selbst ein verhältnismäßig schlechtverdienender Profi, sagen wir beim SC Paderborn, kassiert seine 200 000 Euro im Jahr. Warum kann er nicht auf einen Großteil davon verzichten, so wie es der kleine Bäcker auch muss? Von den Großverdienern, die dann statt 90 Millionen nur 80 Millionen auf dem Konto hätten, ganz zu schweigen."

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