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Die in Langgöns und Hungen trainierende Michelle Lynn Bestler hat sich für die WM einiges vorgenommen.

Rückschläge immer wieder weggesteckt

(nal). Am Dienstag drehte Michelle Lynn Bestler letztmals ihre Runden auf dem Einrad in der Hungener Stadthalle unter den strengen Augen von Trainer Herbert Bender, denn bereits am Mittwoch begann für die 26-jährige in Langgöns aufgewachsene, mittlerweile in Münchholzhausen beheimatete und nach wie vor beim Radsportverein Langgöns trainierende Bestler die Hallenradsport-Weltmeisterschaft mit der Anreise nach Stuttgart.

Bereits zum dritten Mal nach 2010 und 2016 treffen sich die weltbesten Kunstradfahrer und Radballer in der baden-württembergischen Landeshauptstadt, ist die Porsche-Arena Schauplatz der bis Sonntag andauernden Titelkämpfe. Für die 26-jährige Erzieherin sind es bereits die dritten Titelkämpfe, bei denen sie für die USA an den Start geht. Es ist schon etwas kurios, wenn Bender, der Ehrenvorsitzende des Hessischen Radsport-Verbandes, wie auch Bestler ihre Trainingsjacken überstreifen, die auf der Rückseite die drei Buchstaben der Vereinigten Staaten von Amerika (USA) zieren, aber vorn neben dem Vereinsemblem des RSV Lang-Göns auch ein lokales Modegeschäft aus Langgöns verewigt ist.

Eine wohl einmalige Konstellation, die aber auch für die im evangelischen Kindergarten Arche in Langgöns arbeitende, in der Karl-Zeiß-Sporthalle unter ihrem amerikanischen Vater Joseph trainierende Bestler die einzige Möglichkeit ist, an der Weltmeisterschaft an den Start gehen zu können. Durch ihren Vater ist Michelle Lynn Bestler im Besitz der amerikanischen wie auch der deutschen Staatsbürgerschaft, und in den USA genießt der Einradsport, weil eben auch keine olympische Disziplin, keinen so hohen Stellenwert wie etwa in Europa. Für Deutschland wäre ein Start nicht möglich gewesen, ist das Leistungsniveau der Spitzenfahrerinnen doch ein anderes, wie Bestler unumwunden einräumt.

In Stuttgart nun schließt sich für sie ein »Langgönser Kreis«, denn als sie mit sieben Jahren in Langgöns mit dem Einradfahren begann, da trainierte in dieser Zeit auch Denise Boller. Die gebürtige Langgönserin nahm 2010 an der WM in Stuttgart teil, startete für Österreich und wurde Weltmeisterin im Einer-Kunstradfahren. Titelambitionen hat Bestler keine, für sie gilt vielmehr das olympische Motto »dabei sein ist alles«. Allerdings hat sie sich den 15. Platz als Ziel gesetzt, wobei sie auch noch besser abschneiden könnte, wenn alles perfekt läuft.

Der Patzer ärgert sie heute noch

Doch gerade hier ist ihr die letzte WM 2019 noch in schlechter Erinnerung, musste sie doch vom Rad absteigen und sich mit dem 21. Platz begnügen. Noch heute »wurmt« sie dieser Patzer ungemein, und auch Helmut Bender, der seit mittlerweile 61 Jahren als Trainer bei der RV »Germania« Hungen fungiert und Bestler seit vier Jahren zu seinen Schützlingen zählt. So ging es auch am Dienstag mehr um die Physis als um die reine Übung, denn diese beherrscht Bestler, die sich für ihre Kür wie bereits bei ihrer WM-Premiere 2018 die Titelmusik aus dem Disney-Film »Vaiana« ausgewähl hat. Corona hat nicht nur zur WM-Verschiebung von 2020 auf 2021 in Stuttgart geführt, sondern auch für erhebliche Trainingsschwierigkeiten. Erst seit Ende Juni konnte Bestler sich intensiv auf die WM vorbereiten, weil ihr die beiden Hallen in Langgöns und Hungen wieder zur Verfügung standen. Drei Übungseinheiten standen pro Woche an, davon zwei in Langgöns mit ihrem Vater und eine in Hungen unter Bender.

Jetzt will sie in Stuttgart »abliefern«, aber einmal mehr muss Bestler alle Kosten aus der eigenen Tasche bestreiten, gibt es keinerlei finanzielle Unterstützung aus den USA - noch nicht einmal ein Nationaltrikot wird gestellt. Dem Radsport ist sie jedoch nicht nur dankbar und eng verbunden, sondern wirkt hier auch als Nachwuchstrainerin beim RSV Lang-Göns.

Der Hallenradsport als solcher war schon lange ein wichtiger Bestandteil ihrer Familie. Als in jungen Jahren bei Bestler eine Gleichgewichtsstörung diagnostiziert wurde, lag der Schritt aufs Fahrrad und hin zur deutlichen Verbesserung ihrer Probleme auf der Hand. Doch nach sieben Jahren Kunstradfahren erlitt sie mit 14 Jahren einen ersten Rückschlag, auf den einige weitere folgten. Ohne Krücken war sie über Jahre kaum noch anzutreffen. Doch fern vom Rad konnte die Langgönserin nicht bleiben. Als sich dann 2018 die Möglichkeit ergab, bei der Hallen-WM in Belgien zu starten, gab es für sie kein Halten mehr und mit der Teilnahme erfüllte sich einen Traum. Und damit nicht genug, es wurde tatkräftig weiter trainiert für die nächste WM. War sie 2018 mit ihrer Leistung und dem 18. Platz mehr als zufrieden, so ist sie heute noch ob ihres Patzers von 2019 unzufrieden. Das hat die Kämpfernatur in ihr geweckt, jetzt will sie bei der »Heim-WM« es allen und vor allem auch sich selbst beweisen.

Michelle Lynn Bestler und ihr Hungener Trainer Herbert Bender.

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