Schon damals ein Sympathieträger: 46ers-Zugang Brandon Bowman (r.) 2009 beim Karnevalsspiel der 46ers mit einem Gießener Fan. FOTO: LUKAS BECKERa
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Schon damals ein Sympathieträger: 46ers-Zugang Brandon Bowman (r.) 2009 beim Karnevalsspiel der 46ers mit einem Gießener Fan. FOTO: LUKAS BECKERa

Gießen 46ers

Die Rückkehr in den Alltag

  • vonSebastian Kilsbach
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Vorfreude bei den Gießen 46ers: Die Bundesliga-Basketballer steigen diese Woche ins Training ein. Vielen Baustellen zum Trotz überwiegt die Vorfreude. Nächstes Ziel: Der Pokal im Oktober.

Endlich wieder Alltag: Wenn die Gießen 46ers am heutigen Donnerstag ihrem Trainingsauftakt entgegensehen, ist das ein großer Schritt zurück in Richtung alte Normalität. Mehr als ein halbes Jahr ist das letzte Spiel des Vereins her. Vor der Abfahrt zum Mitteldeutschen BC im März scharte das Team mit den Hufen. Erst am Spieltag wurde selbiger gecancelt, wenig später die ganze Saison. Bestand der Lockdown für viele nur aus Kontaktbeschränkungen und vergleichsweise milden Regeln, lag der Sport monatelang komplett auf Eis.

"Es ist noch viel zu tun, aber es ist schön, dass die Spieler nun in Gießen sind und eine gewisse Normalität in dieser Beziehung eintritt", erklärt Daniel Rohm, Pressesprecher des Vereins. Vor allem die vielen neuen Akteure im Kader gilt es zu integrieren. Diese vernetzten sich vorab untereinander, "bereits zur Ankunft war dafür gesorgt, dass sich die neuen Spieler in ihren Wohnungen wohlfühlen können", verweist Rohm auf die negativen Corona-Tests und die verkürzte häusliche Quarantäne.

Vor Ort nahm Brandon Thomas die Neuen unter seine Fittiche. Der 36-jährige US-Flügel geht in sein drittes Jahr bei den 46ers. Für seinen ein Jahr jüngeren Landsmann Brandon Bowman ist es sein erstes. Der Neuzugang ist ein echter Globetrotter. Zuletzt spielte Bowman in Athen, ab 2008 stand er ein Jahr bei den Baskets Bonn unter Vertrag.

Sein damaliger Coach war Michael Koch. Der heutige 46ers-Geschäftsführer verknüpft ausschließlich positive Erinnerungen mit dem Forward, den er später auch in Bayreuth trainierte. "Im Kopf bleibt aber zwangsläufig das verlorene Finale gegen Oldenburg", ruft Koch die Gedanken an die 2:3-Niederlage hervor. In einer dramatischen Schlussphase kippte ein Spiel, das der ewige Zweite aus Bonn eigentlich schon gewonnen hatte.

Seither hat Bowman zwölf weitere Profijahre abgespult. Für Koch ein Plus: "Er hatte es in seiner langen Karriere oft nicht einfach und hat sich am Ende doch durchgesetzt. Seine Erfahrung ist am Ende der wichtigste Punkt", erklärt der Sportdirektor in Personalunion die Verpflichtung.

Der ehemalige Nationalspieler hatte die beiden Posten im Frühjahr übernommen und beerbte damit mehr als nur den Ex-Geschäftsführer Heiko Schelberg. Tatsächlich war die Position des Sportdirektors seit 2011 unbesetzt. Für die Kaderzusammenstellung eine ungewohnte Situation, bei der Koch im engen Austausch mit den Trainern Ingo Freyer und Steven Wriedt stand: "Wir haben uns gegenseitig Vorschläge gemacht und überlegt, welche im Rahmen des Mach- baren zum Stil des Coachs passen."

Dabei ließen sich die Verantwortlichen - Grund ist die finanzielle Lage - notgedrungen viel Zeit: "Irgendwann verstanden auch die Spieler, dass die Rosinen da nicht in den Himmel wachsen" - immerhin gehe es nicht nur Gießen so - "und jeder von seinem eigenen Wohlbefinden abgehen muss", glaubt Koch, aus der notwendigen Geduld eine Tugend gemacht zu haben.

Hilfen des Bundes, die die monetäre Situation im Kontext ausfallender Zuschauereinnahmen kompensieren sollten, wurden beantragt: "Es wäre seitens des Klubs fahrlässig, wenn wir diese Hilfe nicht in Anspruch nehmen würden. Insbesondere weil wir nicht wissen, wie die Entwicklung in den nächsten Monaten verlaufen wird", bezieht Rohm Stellung zu einer weiteren Baustelle: den Hygienemaßnahmen und ihrer konkreten Umsetzung. Im Zuge des 46ers-Media-Day wurde das aufgesetzte Konzept am vergangenen Wochenende durchgespielt. "Es hat allen Anwesenden einen Vorgeschmack gegeben, wie es in der Sporthalle Gießen-Ost mit Maskenpflicht, Kontrollmessungen, Dokumentation und Abständen laufen kann", so Rohm weiter.

An anderer Stelle gibt es Erfolge zu verzeichnen. Das "Latscho-Funding", eine Spendenaktion für das Farmteam der Rackelos, konnte das angepeilte Ziel von 23 000 Euro erreichen. "Das war überragend und unter den Umständen umso bewegender", freut sich Teammanagerin Anne Leinweber. Die Rolle des Talentschuppens ist im vierten Jahr der Rackelos wichtiger denn je. Akteure wie Sebastian Brach oder Tim Schneider sollen dem Kader Tiefe verleihen, der im Kern "mobiler und athletischer" ist, wie Koch ausführt. Das liegt nicht zuletzt am Abgang von John Bryant.

"John ist ein Riesen-Basketballer und hat Enormes geleistet, aber in der Defensive war er aufgrund seiner körperlichen Konstitution nicht geeignet." In diesem Jahr rechnet Koch mit einer Spielphilosophie, die stärker dem klassischen Freyer-Basketball zuneigt: "Ingo lässt schnell spielen und mit verschiedenen Verteidigungsarten. Bei der Zusammenstellung des Teams haben wir darauf geachtet, dass möglichst viele auf verschiedenen Positionen spielen können." Neuzugänge wie Isaac Hamilton und Liam O’Reilly seien auf allen "kleinen" Spots einsetzbar, während Alen Pjanic auch auf der "Vier" aushelfen könne.

Alles fiebert nun dem Pokalturnier entgegen, das ähnlich wie die Finalrunde im Juni nur an ausgewählten Standorten stattfinden wird. Die 46ers treffen ab dem 17. Oktober in Vechta so unter anderem auf die Frankfurt Skyliners. "Aufgrund der Situation sind wir nicht in der Lage, zehn Trainingsspiele abzuspulen", verweist Koch auf den doppelten Nutzen des Turniers. "Aber deshalb fahren nicht zum Pokal. In unsere Gruppe kann jeder jeden schlagen. Da brauchen wir uns nicht verstecken."

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