Es soll um die Kinder gehen, nicht um die Trainer. Der DFB ist auf der Suche nach neuen Konzepten im Jugendfußball- Bereich. SYMBOLFOTO: JSG BIRKLAR
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Es soll um die Kinder gehen, nicht um die Trainer. Der DFB ist auf der Suche nach neuen Konzepten im Jugendfußball- Bereich. SYMBOLFOTO: JSG BIRKLAR

Revolution: DFB will für Nachwuchs alles modernisieren

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(fr). Es ist schon fast fünf Jahre her, als Prof. Dr. Dr. Matthias Lochmann beim Wissenschaftskongress des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) in einem Frankfurter Flughafenhotel zwischen Referaten zu "Langhanteltraining im Nachwuchsfußball" und "Wechselwirkung von Schuh, Untergrund und Training" den wahrscheinlich spannendsten Vortrag hielt. Der Wissenschaftler der Universität Erlangen warf dabei ein Foto an die Wand, das ihn bei einem Kinderfußballspiel an der Eckfahne stehend von hinten zeigte. Vor ihm viel leerer Raum, irgendwo dann eine Traube von viel zu vielen viel zu kleinen Kindern auf einem viel zu großen Spielfeld.

Falsches Training, zu wenig Spielpraxis

Lochmann übte so sehr plakativ Fundamentalkritik an der Fußballausbildung von Kindern in Deutschland, die zu früh mit zu komplexen Spielformen überfordert würden. Hinzu komme, dass Kinder seiner Meinung nach nicht nur falsch trainiert werden und in falschen Spielformen Wettbewerbe durchführen, sondern auch zu wenig Spielpraxis erhalten oder zu einseitig eingesetzt werden und zu viel zu wenigen Ballkontakte kommen. Zudem würden die Mehrzahl der Trainer die Entscheidungsfreiheit und Freude am Spiel allzu sehr einschränken. Wumms, das saß!

Beim Internationalen Trainerkongress zwei Jahre später in Dresden wiederholte Lochmann seine Thesen - und bekam reichlich Beifall für seine Ausführungen, in deren Rahmen er die Fair Play Liga 4.0 mit Namen Funiño präsentierte: Kinderfußball in kleineren Teams in Turnierform auf vielen kleinen parallelen Feldern, mehr als bloß zwei Tore als Ziele, kurze Spiele, Wechsel von Feld zu Feld, Auswechselrotation. Der Kinderfußball-Missionar bewies anhand von GPS-Daten: Im Spiel Sieben-gegen-Sieben teilen sich nur die zwei bis vier besten Spieler 80 Prozent aller Ballkontakte. Der Rest läuft nebenher, steht rum, bolzt weg.

Dem DFB haben die klugen Vorschläge aus Franken keine Ruhe gelassen. Zumal schon in den 1990er Jahren ein gewisser Bundestrainer Berti Vogts angeregt hatte, im Kinder- und Jugendfußball neue Wege zu gehen. Aber die Widerstandskräfte waren seinerzeit zu groß und Vogts zu klein. Auch Matthias Sammer, DFB-Sportdirektor von 2006 bis 2012, hatte seine liebe Mühe, republikweit durchzusetzen, dass die D-Jugend der noch längst nicht ausgewachsenen Elf- bis 13-Jährigen nicht mehr Elf-gegen-Elf über den ganzen Platz spielt, sondern Neun-gegen- Neun auf kleinerem Spielfeld.

Inzwischen hat der DFB eine Offensive eingeläutet, die sich an Professor Doppeldoktor Lochmann orientiert. Denn die Situation an der Basis ist - ganz unabhängig von Covid-19 - einigermaßen dramatisch, auch oben kommen zu wenige gut ausgebildete Spieler an. Nicht nur U21-Trainer Stefan Kuntz sieht deshalb manchmal traurig aus.

Der Leiter DFB-Talentförderung, Markus Hirte, hat Daten gesammelt, die ihn nicht froh stimmen: "Ab der E-Jugend (Acht- bis Zehnjährige; Anm. d. Red.) verlieren wir massiv Kinder und Jugendliche." Bis zu den 16- bis 18-Jährigen der A- Jugend sind fast 50 Prozent abgesprungen. Hirte glaubt, dass man das zwar auch, aber nicht nur auf gesellschaftliche Entwicklungen (Playstation, Freundin, Party) schieben kann: "Wir unterstützen nicht genug das, was den Spaß am Fußball fördert." Trainer gingen zu wenig auf Kinderwünsche ein, sondern verfolgten vor allem ihre Kenntnisse von Erwachsenenfußball und überfordern die Kleinen mit viel zu viel Taktik. DFB-Nachwuchschef Joti Chatzialexiou erklärt: "Unsere Kinder sind keine Mini-Erwachsenen. Viele Trainer projizieren das, was sie in der Champions League sehen, auf die Kinder. Das ist fatal."

Noch spielen deutschlandweit in fast allen Bundesländern die E-Junioren Sieben-gegen-Sieben. Ziel der kleinen Revolution ist es nun, die Komplexität des Spielgeschehens mit den Kindern mitwachsen zu lassen. Zwei-gegen-Zwei bei den Bambini (Vier- und Fünfjährige), dann Steigerungen auf Drei-gegen- Drei, Fünf-gegen-Fünf, Sieben- gegen-Sieben, Neun-gegen- Neun. Mehr Tore, mehr Dribblings, mehr Erfolgserlebnisse.

Überzeugungsarbeit ist notwendig

Der DFB muss dabei dicke Bretter bohren und ist bemüht, seine Ideen diesmal nicht von oben einfach drüberzustülpen. Er hat deshalb in Videokonferenzen Hunderte Teilnehmer bereits informiert. Es gibt begründete Widerstände, auch, weil die Organisation aufwendiger ist, weil vielerorts ausreichend kleine Tore fehlen, aber auch, weil es nicht wenige Kinder gibt, die Toreschießen im kleinen Kreis weniger freudig erregt als beim großen Spiel. Hirte weiß: "Wir müssen Überzeugungs- arbeit leisten. Das Problem ist gerade nur: Weder Stammtische noch Kinder zum Kicken dürfen sich gerade treffen. Es ist ein Projekt mit Fernsicht."

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