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Revolution! Hessenliga bald komplett live im Netz?

  • Sven Nordmann
    vonSven Nordmann
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Das Unternehmen "Sporttotal" will bis Ende 2017 alle Fußball-Oberligen mit einer speziellen 180-Grad-Kamera ausstatten – und könnte den Amateurfußball somit revolutionieren.

In diesen Tagen bahnt sich eine Revolution an, die den deutschen Amateurfußball nachhaltig verändern könnte: SC Waldgirmes gegen Teutonia Watzenborn-Steinberg live im Internet, für jeden frei zugänglich und kostenlos, mit der Möglichkeit zurückzuspulen und 30 Sekunden nach Spielschluss Highlights zu sehen – oder doch lieber TSV Lehnerz gegen Borussia Fulda von der Couch ansehen? Der Zuschauer hat die Wahl. So kann die Zukunft aussehen, die noch im Jahr 2017 auch in Hessen beginnen soll.

Sporttotal.tv, eine Tochter der wige Media AG, will den Amateurfußball mithilfe einer 180-Grad-Kamera und einer innovativen Software voll automatisiert übertragen – die halbjährige Testphase, u.a. in den Bayernligen Nord und Süd verlief erfolgreich, die Unterstützung des Deutschen Fußballbundes ist dem Unternehmen sicher. DFB-Vizepräsident Dr. Rainer Koch sagte: "Wir stehen am Beginn eines zukunftsweisenden Projekts für den deutschen Amateurfußball." Mitte Juli erklärte der DFB in einer Pressemitteilung, dass eine "langfristige Kooperation zur Steigerung der Sichtbarkeit und Präsentation des Amateurfußballs vereinbart" worden sei.

Ziel sei es, "Amateurverein in Deutschland von der vierthöchsten Spielklasse abwärts mit einer Videotechnik auszustatten, die es erlaubt, Fußballspiele in hoher Qualität und vollautomatisch live auf dem Online-Portal sporttotal.tv zu übertragen. Der Zuschauer kann dabei selbst Regie führen, die Perspektive bestimmen und Szenen in den sozialen Medien teilen. Die Nutzung des Angebots ist kostenfrei", finanziert sich durch Werbepartner. Das Projekt hat nichts mit dem Angebot der Hessenliga zu tun, die in der neuen Saison ein Top-Spiel pro Monat live auf Facebook überträgt. Statt einem Spiel pro Monat sollen also auf sporttotal künftig jede Woche nicht nur alle acht Hessenligapartien, sondern generell alle Oberligen live übertragen werden.

In der Regionalliga Nord oder den Bayernligen Nord und Süd ist das bereits Gewohnheit: Dort werden alle Partien live ausgestrahlt, jederzeit kann die Wiederholung angesehen werden. Am Donnerstag nun sagte Ben Lesegeld, Projektleiter von sporttotal, dieser Zeitung: "Die Gespräche mit dem Hessischen Fußballverband stehen kurz vor dem Abschluss. Wenn alles nach Plan läuft, wird die Hessenliga noch in diesem Jahr komplett live im Internet zu sehen sein." Wie funktioniert das Ganze?

Wie läuft die Installation ab? Die 180-Grad-Kamera soll an den Sportplätzen in einem circa 30 Zentimeter hohen und 15 Zentimeter breiten Kasten an einem Mast oder unter dem Stadiondach auf Höhe der Mittellinie befestigt werden. Pro installiertem System werden 20 000 Euro fällig, die vom Unternehmen übernommen werden. Die Vereine müssen lediglich einen Monatspreis von 9,99 Euro zahlen. "Wir können keinen Verein zu etwas zwingen, aber bislang waren die Rückmeldungen nur positiv", sagt Lesegeld. Informiert werden sollen die Vereine in einer gemeinsamen Sitzung erst, wenn die Gespräche mit dem HFV abgeschlossen sind.

Wie verfolgt die Kamera das Spielgeschehen? Die Kamera kommt ursprünglich aus der israelischen Sicherheitstechnologie der Grenzüberwachung. Die Kamera folgt dem Schwarmverhalten der Spieler, ein Kameramann ist für die Übertragung somit nicht notwendig. Der Nutzer kann im Netz selbst Regie führen, ist in der Lage, sich im 180-Grad-Radius über den Platz zu bewegen. Somit können einzelne Spieler verfolgt werden, zudem kann vor- und zurückgespult werden.

Welche Ligen sind betroffen? Bis Ende 2017 sollen laut sporttotal alle Oberligen erschlossen sein, sprich Kameras in allen Stadien bzw. Sportplätzen installiert sein. "Die Verbandsligen sollen bis 2019 erfasst sein", sagt Lesegeld. Auch die Regionalligen sind als vierthöchste Spielklasse selbstredend ein Thema, noch gestalten sich die Verhandlungen dort allerdings etwas schwieriger.

Was bedeutet das Ganze für den Amateurfußball? Da das umfassende Projekt noch am Anfang steht, ist das schwer abzuschätzen. Transparenz und Wertigkeit unterer Spielklassen würden enorm steigen, Trainer würden für die Spielbeobachtung profitieren. Zugleich liegt der Schluss nahe, dass die Besucherzahl vor Ort durch Live-Übertragungen im Internet nicht steigen werden.

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