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Raus aus der Spiel- gemeinschaft: Die märchenhafte Geschichte aus Lollar und Staufenberg

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Von: Sven Nordmann

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Eintracht Lollar und der SV Staufenberg sind nach acht Jahren Spielgemeinschaft in der Saison 2022/23 in die Selbstständigkeit zurückgekehrt. Der Weg zurück zu den Wurzeln funktioniert.

Manchmal brauchst du einen Arschtritt, um wach zu werden«, sagt Markus Müll-Hennig, nachdem der Turnaround gelungen ist. Der Vorsitzende des A-Ligisten Eintracht Lollar weiß: »Hätten wir die Spielgemeinschaft mit Staufenberg so weitergeführt, hätte es in zwei bis drei Jahren keinen Fußball mehr in Lollar gegeben. Wir mussten in die Offensive gehen - wie auf dem Platz: Wenn du aktiv wirst und aus deiner Hälfte herausgehst, hast du das Heft des Handelns in der Hand.«

Der erfahrene Ehrenamtler trieb die Mitglieder an und forcierte den seltenen Schritt: Raus aus der Spielgemeinschaft, rein in die Selbstständigkeit. Zwei Vereine aus Mittelhessen wagten zur Saison 2022/23 den Schritt entgegen dem Trend in Deutschland: Sie verließen die FSG und kehrten zur Eigenständigkeit als Verein zurück. Das Ergebnis überrascht alle: Entstanden ist eine bis heute schier märchenhafte Geschichte.

»Die Identifikation mit dem SV Staufenberg und dem Ort an sich ist seitdem enorm gewachsen. Etliche Spieler, die in der Jugend bei uns aktiv waren, sind zurückgekommen. Das war wie ein Dominoffekt«, weiß der SV-Abteilungsleiter Siegfried Neeb. »Kommen zwei zurück, überlegen es sich auch drei andere. Wir stellen zwei Mannschaften und können jetzt auf rund 45 Spieler für die aktuelle Saison zurückgreifen - als eigenständiger Verein. Das hat alle im Vorstand überrascht.«

Die Unterstützung im Dorf sei »sehr groß: Teilweise sind heimische Firmen sogar auf uns zugekommen. Unsere Bandenwerbung hat sich verdoppelt. Der Tenor ist: ‘Wir wollen, dass wieder auf unserem eigenen Platz gespielt wird.’ Wir haben ganz klar gemerkt: Die Motivation beginnt im eigenen Verein. Das ist zu Beginn anstrengend und unbequem, aber du kannst selbst entscheiden. Das bringt Steine ins Rollen, mit denen du gar nicht gerechnet hast. Lollar hat uns mit dem Drängen zur Eigenständigkeit zu unserem Glück gezwungen.«

Die maßgebende Eintracht schwärmt selbst: »Die Rückkehr zu den Wurzeln war das Beste, was uns passieren konnte«, sagt Müll-Hennig. »Wenn ich das letzte halbe Jahr Revue passieren lasse, sage ich: Es war viel harte Arbeit, ja. Aber alle haben bedingungslos mitgezogen. Wenn wir nur 60 Prozent von dem, was wir uns seit Anfang des Jahres vorgenommen hatten, umgesetzt hätten, wäre ich schon zufrieden gewesen. Aber gefühlt haben wir die 100 Prozent übertroffen. Unser Vereinsheim wurde in Eigenarbeit kernsaniert, wir haben zwei Mannschaften mit 43 Spielern, ehemalige Eintrachtler sind wieder auf der Anlage. Wenn du das siehst, musst du schon mal schlucken und weißt: Es hat sich bis hierhin gelohnt.«

Zwei Vereine aus dem Fußballkreis Gießen lassen den Charme der Vergangenheit aufleben - das Revival, zurück zum eigenen Sportplatz, zum eigenen Vereinsleben, lässt auch Kreisfußballwart Henry Mohr lächeln: »Es ist ein erfreulicher Sonderfall.«

Mit Nachahmern rechne Mohr im eigenen Kreis allerdings nicht. »Man muss bedenken, dass Staufenberg und Lollar zwei große Orte darstellen.« In Staufenberg leben rund 8000 Menschen, in Lollar gar knapp über 10 000. Nicht zu vergleichen also mit Ortschaften wie Villingen (rund 1300), Trohe (ca. 800) oder Kesselbach (etwa 600), die jeweils Zweier- bzw. Dreierspielgemeinschaften pflegen.

Mohr: »Ein Dorf mit 600 Einwohnern kann heutzutage keine eigene Mannschaft mehr stellen.« Das aktuelle Beispiel aber zeige, zu was Vereine in der Lage seien. Denn auch Sylvia Wahl, Abteilungsleiterin Spielbetrieb beim Hessischen Fußballverband, zeigt sich überrascht vom mittelhessischen Beispiel: »Das ist sehr selten. In diesem Fall scheinen beide Vereine offensichtlich einiges richtig gemacht zu haben. Die Tendenz geht leider klar in Richtung mehr Spielgemeinschaften.«

Der Weg zurück zum eigenen Stolz begann im Sommer 2021. Markus Müll-Hennig erinnert sich: »Vereinsvertreter aus Lollar kamen auf mich zu und sagten mir: ‘Wir brauchen einen Nachfolger für unseren scheidenden Präsidenten, sonst gibt’s bei uns bald gar kein Fußball mehr.’«

Der frühere Spieler, Trainer und Sportvorstand erklärte: »Ich mach’s nur, wenn wir wieder eigenständig werden!« Gemeinsam mit dem Ur-Eintrachtler Haydar Kilic bildete Müll-Hennig ein Führungsduo, das alle anstachelte. »Wir haben dann gerechnet: Können wir eine eigene Mannschaft mit Auflauf- und Punkprämien, mit Fahrtkosten bezahlen? Können wir den Betreuerstab stemmen, die Einkleidung übernehmen, Sportplatz und Kiosk vernünftig betreiben? Sprich: Können wir uns das leisten?«

Im Oktober letzten Jahres erfolgte die Vorstandswahl, die Zuversicht wuchs - im Januar 2022 schließlich wurde der Vorstand des SV Staufenberg um den Vorsitzenden Horst Münch über den Entschluss informiert, aus der Spielgemeinschaft nach acht Jahren (Beginn 2014/15) auszutreten.

Was folgt, sind viele Gespräche und Vorarbeit auf beiden Seiten. Über Monate hinweg werden ehemalige Akteure angesprochen. Dem bisherigen Kader wird freigestellt, an welchen der beiden Vereine man sich in der neuen Saison bindet, letztlich teilen sich die Akteure knapp zur Hälfte auf. »Plötzlich kamen Leute und haben uns unterstützt, mit denen wir gar nicht mehr gerechnet hatten«, erinnert sich Lollars neuer Vorsitzender. Eine Eigendynamik entsteht.

Mittlerweile hat die Eintracht 16 Vorstandsmitglieder. »Philipp Schmidt kümmert sich um die Sponsoren, Rüdiger Schwalm um die Finanzen. Das läuft alles klasse«, lobt Müll-Hennig. »Alle geben Gas. Es ist, als sei der Verein neu gegründet worden. Ich kenne die Eintracht schon lange und wusste, was möglich ist. Das war immer meine heimliche Liebe.«

Zur winterlichen Sportplatzerüchtigung kommen nicht mehr ein halbes Dutzend Helfer, sondern 36 Ehrenamtler. Im Juni sind es bei der nächsten Aufräumaktion 24 Helfer. Das Vereinsheim wird kernsaniert und mit einem modernen Fernseher ausgestattet, das Budget so erhöht, dass erste Rücklagen gebildet werden können, die Anlage bekommt einen neuen Anstrich.

»Der Kunstrasen wird nun erneuert und mit Kork aufgefüllt«, erklärt Müll-Hennig. Die Auffrischung des rund 20 Jahre alten Platzes koste rund 300 000 Euro, von denen der Verein selbst dank Fördergelder nur rund 4000 Euro stemmen muss. Auch die Tartanbahn erhalte einen neuen Belag.

Jener Kunstrasen war vor acht Jahren einst ein Hauptmotiv für den SV Staufenberg, in eine Spielgemeinschaft mit Lollar einzutreten. Der Rasenplatz alleine bringe nun mal eine »gewisse witterungsbedingte Abhängigkeit«, wie Siegfried Neeb einräumt. Mittlerweile sagt er: »Identifikation ist so viel wichtiger als ein Kunstrasen.« Das Vereinsleben sei aufgeblüht. »Die Alten Herren sind auch wieder aktiver, die Vereinskneipe ist stärker frequentiert.«

Bis dahin sei es in den letzten Monaten aber ein intensiver Weg gewesen: »Es war schon eine Mammutaufgabe. Wir haben ein Team von acht Personen gebildet und dann alles Formelle abgearbeitet. Wenn 50 Spieler umgemeldet werden wollen, nimmt das viel Zeit in Anspruch. Auch 45 neue Trikotsätze für Heim- und Auswärtsfarben zu organisieren, ist keine Kleinigkeit.«

Beide Vereine haben bewiesen: Wer anpackt, wird belohnt. Am wichtigsten, so Neeb, sei es, »dass du engagierte Trainer hast«. Mit Steffen Dimmer und Sven Iffland in Staufenberg und Ufuk Ersentürk in Lollar stehen junge, selbst noch als Spieler aktive Übungsleiter auf dem Platz.

Den damaligen Zusammenschluss verstehen beide Parteien, die in der Jugend weiterhin gemeinsame Sache machen: »Die Spielgemeinschaft im Seniorenbereich ist der vermeintlich leichteste Weg. Dann denken alle erst einmal, sie haben weniger zu tun«, sagt Müll-Hennig. »Wenn dann aber ein Missverhältnis entsteht und ein Verein deutlich mehr Betreuer stellt und Aufgaben übernimmt, entsteht Unmut. Und die Identifikation mit dem Projekt sinkt.«

Das spiegelt sich früher oder später auch in den Zuschauerzahlen wider: »Wir hatten zum Schluss vielleicht noch einen harten Kern von fünf Leuten«, sagt Neeb. »Das ist zu wenig.« Kreisfußballwart Henry Mohr weiß, dass Spielgemeinschaften fast immer ein Kompromiss bleiben: »Teilweise verbünden sich Ortschaften, die sich jahrzehntelang beinahe gehasst haben. Der häufgiste Grund für einen Zusammenschluss ist meist der Personalmangel.«

Zum Heimauftakt der Lollarer am vergangenen Samstag um 17 Uhr kamen trotz konkurrierendem gleichzeitigem Bundesliga-Start immerhin 145 A-Liga-Zuschauer. Deutlich mehr werden sollen es am morgigen Sonntag: Dann empfängt der SV Staufenberg an der Jahnstraße um 15 Uhr Eintracht Lollar - das erste gegenseitige Duell nach der geglückten Rückkehr in die Selbstständigkeit. FOTOS: BF (2), FRO

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Haben wieder viel Grund zum Lachen: Lollars neuer Trainer Ufuk Ersentürk (l.) und seine Kollegen von der Eintracht, die seit der Saison 2022/23 wieder selbständig auftritt. © Oliver Vogler

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