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Der Pohlheimer Wolfgang Rinn geht auf die Strecke und grüßt vom Rad, in den Wechselzonen herrscht noch dichtes Gedränge bei der Roth-Challenge. (Fotos: pv)

Fit auf den Punkt: 180 km auf dem Rad

Hobbysportler. Amateursportler. Spitzensportler. Die Grenzen sind fließend und beim Weltklasse-Triathlon Roth-Challenge treffen sie alle aufeinander. Wer seinem Körper neue Reize setzen will, benötigt einen ausgefeilten Trainingsplan. Der Pohlheimer Wolfgang Rinn hat sich über Monate hinweg diesem Diktat unterworfen und ist in für ihn neue Bereiche vorgestoßen.

(htr) Der Rennradsattel als zweite Heimat, seit 2009 kommen so Jahr für Jahr zwischen 8000 und 12 000 Kilometer bei Wolfgang Rinn zusammen. Ob alleine, in der Gruppe, meistens im Duo mit seiner Frau Dagi, die die Radaffinität mit dem Pohlheimer teilt. Jedermannrennen sind dabei, meist werden die Kilometer auf Radtouristikfahrten (RTF) runtergespult, der entscheidende Leistungsindikator war in der Regel die Durchschnittsgeschwindigkeit. "So richtig mithalten konnte ich nie, ordentlich mal einen raushauen ging gar nicht, dass merkte ich Jahr für Jahr beim traditionellen 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring." Soll es das gewesen sein? Nein.

Manchmal führt der Zufall Regie. Bei einem Personalgespräch in der Zentrale der roma KG (Burgau) kam es für den Kaufmann für Informationstechnologie zur folgenschweren Vereinbarung: "Ja ..., wenn Sie im Gegenzug bei der Roth-Challenge 2016 das Rad in der Staffel fahren." 180 Kilometer bei einem Weltklasse-Triathlon, das Saisonziel 2016 war gesteckt für den 48-Jährigen, der in der Butzbacher Dependance der roma KG tätig ist.

Der Vereinsvorsitzende der RV 1904/27 Gießen-Kleinlinden war allerdings in punkto Trainingsperiodisierung relativ unbefleckt – wie nur auf den Punkt genau fit werden? Nun kam der Gießener Sportwissenschaftler Burkhard Barsikow von villa aktiv ins Spiel. Gerätetraining zur Muskelstabilisation war obligatorisch, dazu ab sofort unerlässlich: Wattmesser am Rad und eiserne Disziplin.

Anstieg der anaeroben Schwelle

Januar 2016, 80 kg Lebendgewicht und ein Körperfettanteil von über 16 Prozent, der "gläserne Patient" hatte täglich Daten auf der Trainingsplattform hochzuladen. "Mit welcher Übersetzung man die Wattleistung bei richtiger Trittfrequenz fährt, auch das war Neuland für mich." Drei bis fünf Einheiten pro Woche, manchmal vor der Arbeit morgens um 5 Uhr, alle nach Wattvorgaben. Durchschnittsgeschwindigkeit? Das spielte keine Rolle mehr im Trainingsleben von Rinn. Lange Grundlagenausfahrten bei hoher Trittfrequenz und integrierten Intervallen diktierten das Programm. Und: Pausen waren dabei nicht vorgesehen. "Gefühlt im Schneckentempo durch die Walachei, nach 2,5 Stunden zieht es einem den Akku leer, der Blutzuckerspiegel sinkt in den Keller – alles Dinge, die mir bis dato so unbekannt waren."

Auch das jährlich anstehende Trainingslager auf Mallorca erfuhr eine extreme Umstellung. Sechs Tage nonstop in der Gruppe kreuz und quer über die Insel, das war nicht mehr gefragt. Nun lange Ausfahrten mit Ehefrau Dagi, frühestens nach vier Stunden die erste Pause. Essen? Sah der Trainingsplan nicht vor. Stichwort Fettstoffmobilisation. Das Wattfenster war dafür nach einer vorherigen Laktatmessung festgelegt worden, "im Vergleich zur letzten Messung stieg die FTP-Schwelle um gute acht Prozent", zeigte sich Rinn vom Anstieg der anaeroben Schwelle sehr angetan.

Der erste längere Härtetest beim Bimbach-Radmarathon bei Hagel, Schnee und Regen entpuppte sich als Qual, und doch rückte Tag X näher. Bei einem von vielen Arbeitseinsätzen in der roma-Zentrale sah er sich mit der Frage konfrontiert: "Und Rinn, bist du fit? Schaffst du einen 30er-Schnitt, alles über 5:45 Stunden geht gar nicht." Sticheleien gehören zum Geschäft, können natürlich auch die Motivation anregen. Nach dem Delta-Bike-Schmelzrennen war noch einmal der Vogelsberg gefragt. Bei seiner zweiten Fahrt mit dem Triathlontypischen Lenkeraufsatz von Grebenhain hoch zum Hoherodskopf "sollte ich 280 Watt drücken.

Viermal für zehn bis zwölf Minuten. Ich musste das Training abbrechen, ich war völlig im A...., frustriert". Höhen und Tiefen, wie sie in einer intensiven Vorbereitungsphase durchaus normal sind.

Ein letzter Check stand bei der Hessenmeisterschaft im Einzelzeitfahren in Stadtallendorf auf dem Programm. 27 Kilometer Vollgas bedeuteten 300 Watt Dauerleistung auf 42 Minuten und einen 38,4er-Schnitt.

Und dann war es so weit. Nach dem Abholen der Startunterlagen und dem Rad-Einchecken am Vortag hieß es um 3.30 Uhr Aufstehen für den Weltklasse-Triathlon in Roth. Gegen 6 Uhr fiel der Startschuss für die Profis. Die besten Triathleten der Welt kämpften um die Positionen, mittendrin Jan Frodeno, der nach 7:35:39 Stunden einen famosen Weltrekord aufstellte. 250 000 Zuschauer verfolgten den Kampf gegen die Uhr. Und die meisten dieser Zuschauer feuerten auch später die Staffelteilnehmer mit gleicher Inbrunst an.

Die Vorfreude stieg bei Rinn, denn Staffelschwimmerin Doris Kraus machte sich mit der Nummer 4641 auf den Weg. Es gab kein Zurück. Und als der erste Staffelschwimmer aus dem Wasser kam, stieg die Nervosität von Minute zu Minute. "Um 10.16 Uhr hörte ich aus den Lautsprechern den Namen Doris Kraus, mein Herz schlug bis hoch in den Hals. Nach 1:15 Stunden Schwimmen war sie da, Transponderwechsel, ich schob mein Rad aus der Wechselzone. 10.19 Uhr, die Roth-Challenge hatte für mich begonnen."

Ehefrau Dagmar stand auf der Main-Donau-Brücke und feuerte "ihren Wolfgang" an, der hatte inzwischen den Livetracker eingeschaltet, damit die Freunde in der Heimat jederzeit sehen konnten, an welchem Punkt und wie schnell der Pohlheimer unterwegs war. "Jetzt bloß nicht überziehen", schoss es ihm in den Kopf, den Wattmesser fest im Auge und die Vorgaben von Burkhard Barsikow stets im Hinterkopf: In der Ebene 230-240, am Berg 260-270 Watt treten und permanent essen und Wasser trinken. Nach 60 Minuten stand ein 38,6er-Schnitt zu Buche, Rinn fühlte sich "top". "An jeder Ecke feuerten einen die Menschen an", das beflügelte natürlich und war Balsam für die Seele. Rinn trug das Rad-Dress der auch in der Region Bamberg bekannten Tour der Hoffnung, Die erste Durchfahrt des spektakulärsten Streckenabschnitts stand bevor: "Solarer Berg". Menschenmassen – Bilder und eine Stimmung, wie man sie nur vom legendären Tour-Anstieg zur L’Alpe d’Huez kennt. Eine schmale Gasse bildete sich durch die Menschenmassen. Oben angekommen, wartete eine von vielen Verpflegungsstellen – und Ehefrau Dagi, "die eine zweite Flasche Buffer, ein Spezialmix aus irgendwas, reichte."

Die Leiste sticht

Nach über 70 Kilometern: Durchschnittsleistung 240 Watt, 36,4er-Schnitt. "Mir war aber klar, dass ich das Tempo so nicht halten kann. Bei der zweiten Ortsdurchfahrt in Greding, wo einen eine elfprozentige Rampe begrüßt, merkte ich deutlich, dass das vor einer Stunde noch deutlich besser ging.

" Auf der Anhöhe mit welligem Profil angekommen, signalisierten die Windräder starker Gegenwind. "Ich nehme raus, und als ich das erste Mal aus dem Sattel gehe und mich wieder setze, sticht die Leiste." Ganz klar: "Jetzt beginnt der Kampf gegen mich selbst."

Das Ziel nahte, und damit war auch die Zeit der zweiten, dritten oder auch vierten Luft gekommen. Alle Anstiege lagen nun hinter Rinn, der während der letzten 30 Minuten noch einmal alle Reserven mobilisierte und schon aus der Ferne das "ohrenbetäubende Getöse" aus dem Zielbereich der Radstrecke wahrnahm.

15.31 Uhr, Zieleinlauf bzw. Zieleinfahrt. Der Transponder wurde nun an Läufer Roland Uffinger übergeben, der noch gar nicht mit dem Pohlheimer gerechnet hatte und sich unterdessen auf der "Pipibox" erleichterte. Derweil von Helfern gestützt, "krabbelte" Rinn vom Rad. "Ich stand nach 5:12 Stunden zum ersten Mal wieder auf den Füßen und bekam Anweisungen, wohin ich laufen musste. Mit Laufen hatte das aber nichts mehr zu tun, es war ein Eiertanz".

Später im Verpflegungszelt wird er fünf Becher Cola hintereinander in seinen lädierten Körper kippen. Das Wiedersehen mit Ehefrau Dagi fiel überschwänglich aus. Er fällt ihr mit Tränen in den Augen in die Arme, denn "ohne sie wäre Roth nicht möglich gewesen". Es war geschafft. Der Vorsitzende der RV 1904/27 Gießen-Kleinlinden ist aus dem "Schatten des Freizeitsportlers gesprungen" und hat bei fast 1000 Staffeln die 59. schnellste Zeit gefahren. Ein Dreivierteljahr zuvor noch undenkbar, dass der 48-Jährige folgende Fakten im Feld von zahlreichen Semiprofis aufzuweisen hat: 180 Kilometer, 1396 Höhenmeter, 5:12 Stunden, 220 Watt Dauerleistung, 34,6er-Schnitt. Respekt.

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