Profi bei Amateuren

  • vonred Redaktion
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Michael Roth, jahrelang einer der charismatischsten Trainer der Handball-Bundesliga, hat ein Kurzzeit-Engagement beim Sydney Uni-Club angenommen und betreut die Australier bei der Klub-WM im Katar.

Wer in diesen Tagen in Sydney Urlaub macht, bekommt kulturell einiges geboten. Im Opernhaus, dem Wahrzeichen der australischen Großstadt, wird das Musical Evita aufgeführt. Auch die Rockgruppe Foreigner hat dort in Kürze einen Auftritt. In der Arena in Sydney können die Musikfans in dieser Woche noch Superstar Mariah Carey live erleben. Ein Ereignis, das man dagegen in jedem Veranstaltungskalender vergeblich sucht, war die australische Handball-Meisterschaft.

"Handball findet in Australien praktisch nicht statt", sagt Michael Roth nach nur zehn Tagen auf dem fünften Kontinent. Der ehemalige Bundesliga-Trainer der MT Melsungen und der HSG Wetzlar hat nach seinem Aus bei de Nordhessen im Frühjahr ein unentgeltliches Engagement beim Sydney Uni-Club angenommen.

Bevor der 56-Jährige überhaupt nur einmal mit seiner Mannschaft trainiert hat, die vom 16. bis 19. Oktober bei der Klub-WM in Katar starten wird, hatte er einen Einsatz bei eben jenen australischen Meisterschaften – als Schiedsrichter. Er leitete kurzerhand das Finale zwischen den Teams von Queensland und Victoria. "Das klingt spannender, als es wirklich war", berichtet Roth.

Denn: Den Ablauf dieses Wettbewerbs muss man sich so vorstellen wie hierzulande ein Turnier mit unterklassigen Teams. Schiedsrichter stehen nicht zur Verfügung – eigentlich. Die Spieler waren in Hostels untergebracht und mussten alle Kosten selbst tragen. "Alles noch sehr amateurhaft", bemerkt der frühere deutsche Nationalspieler. Es sei schwer, Hallen zu finden, um diesen Sport auszuüben.

Den Mann, der den Handball vor mehr als 40 Jahren überhaupt erst nach Australien gebracht hatte, lernte Roth bei den Titelkämpfen kennen: Aleksandar, genannt Sasha Dimitic, verließ früh Jugoslawien und ging ans andere Ende der Welt. Zu seiner aktiven Zeit spielte der mittlerweile 90-Jährige noch gegen die Göppinger Handball-Legende Bernhard Kempa, den Erfinder des Kempa-Tricks. Er sei froh, "dass ich da sei und den Sport unterstütze", berichtet Roth. Handball soll nicht aussterben.

Zwar betreiben einige australische Vereine auch Jugendarbeit, wirklich geprägt sind die Teams aber von Handballern aus anderen Nationen: Viele Spieler kommen aus Deutschland, Frankreich, Slowenien, Brasilien und Argentinien. Sie studieren in "Down under" und verbinden das Angenehme mit dem Nützlichen.

Als der Klub aus Sydney am Freitag nach Katar aufbrach, war kein einziger Australier im Aufgebot. Roth teilt sich die Aufgabe mit dem Franzosen Lionel Puyhardy. Bekanntester Spieler im Kader ist Torwart Matthias Ritschel. Der ehemalige Hüttenberger Bundesliga-Spieler wollte nach seinem Karriereende im Sommer ohnehin die Welt bereisen. Nun ist er in Australien gelandet – und darf sogar auch noch am Super Globe der Internationalen Handball-Föderation (IHF) in Katar teilnehmen mit den Top-Teams aus aller Welt. Die Reisekosten übernimmt die IHF. Die Aussichten für Roths Team bei dieser WM sind nicht sonderlich gut. Den Titel machen die Teams aus Berlin, Montpellier und Barcelona wohl unter sich aus. Sollte Sydney dahinter landen, wäre dies schon ein Erfolg. Von dem allerdings in Australien kaum jemand Notiz nehmen würde.

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