»Das Potenzial ist da«

Hüttenbergs Manager Lothar Weber und Trainer Aòalstein Eyjólfsson blicken auf ein bewegtes Handball-Jahr des Drittligisten zurück:

Wenn man Lothar Weber und Aðalsteinn Eyjólfsson gemeinsam erlebt, dann merkt man: Die Chemie zwischen den beiden Verantwortlichen des TV 05/07 Hüttenberg stimmt. Es herrscht Harmonie und Eintracht. Beim Manager, beim Trainer und im Klub. Doch das war im Jahr im 2015 nicht immer so. Schließlich musste der Abstieg aus der zweiten Liga verkraftet werden, Trainer Axel Spandau musste seinen Hut nehmen. Seit Anfang des Jahres schwingt nun der Isländer das Zepter, der mit in die dritte Liga ging und das Projekt Wiederaufstieg ausrief. »Das perfekte Spiel ist nicht möglich, aber man möchte die perfekte Einstellung haben«, sagt der Coach, der seit Mitte des Jahres mit dem TVH auf einer Erfolgswelle schwimmt. Im Gespräch blicken Manager Weber und Coach Eyjólfsson auf das ereignisreiche Jahr 2015 zurück.

16 Spiele, 16 Siege. Herr Eyjólfsson ist der einzige Makel der Hinrunde, dass man am ersten Spieltag nicht auf Platz eins stand?

Aðalsteinn Eyjólfsson (grinst): Nein, wir haben schon etwas gebraucht, bis wir konsequent in die erste und zweite Welle gegangen sind, obwohl wir von Anfang an eine gute Deckung gespielt haben. Sicher war spielerisch nicht alles perfekt, aber die Einstellung war perfekt! Wie die Jungs gearbeitet haben, das war klasse. Die Rückkehr zur 3:2:1-Abwehr war auch ein bisschen Risiko, aber ich kenne Hüttenberg ja nicht erst seit Dezember. Es gibt Vereine, die einfach eine bestimmte DNA haben. Die 3:2:1-Deckung gehört in Hüttenberg dazu.

Wenn wir über den Januar sprechen, dann müssen wir über Axel Spandau sprechen. Lothar Weber, wie würden Sie die Trennung rückblickend einordnen?

Lothar Weber: Wenn du einen Trainer aus dem eigenen Beritt hast, der schon viele Jahre da ist, dann war das für uns nach dem Aus von Heiko Karrer der gangbarste Weg. Wir haben die kleine Lösung gewählt. Im Nachhinein muss ich sagen, haben wir vielleicht etwas zu lange gewartet. Aber ob wir, wenn wir uns schon im November getrennt hätten, vier oder fünf Punkte mehr gehabt hätten, ich weiß es nicht. Vielleicht lag es einfach an der Qualität des Kaders. Fakt ist, dass die Mannschaft auch körperlich nicht in einem Topzustand war. Und das hat uns in der Vergangenheit eigentlich immer ausgezeichnet.

Würden Sie das so bestätigen, Herr Eyjólfsson? Was haben Sie bei Amtsantritt für eine Mannschaft vorgefunden?

Eyjólfsson: Es ist immer schwierig, über die Arbeit des Vorgängers zu reden. Wir hatten im Januar viele angeschlagene und verletzte Spieler und mussten permanent umplanen. Ragnar Jóhannsson hat sich nach seiner Verpflichtung verletzt, dann Alois Mráz. Wir hatten nie eine erste Sieben, die sich einspielen konnte. Das war sehr problematisch.

Trotz durchwachsener Ergebnisse wurde im März Ihr Vertrag gleich um drei Jahre verlängert.

Eyjólfsson: Ich bin jemand, der gerne langfristig denkt und arbeitet. Außerdem habe ich Frau und Kind zu Hause, die ich nicht ständig durch die Weltgeschichte jagen möchte. Ich habe gesehen, dass – wenn alle Spieler fit sind – einem zweiten Frühling hier im Verein nichts im Wege steht. Und auch wenn es sich blöd anhört, war es ein guter Zeitpunkt. Nach der Entlassung von Axel gab es eine Aufbruchsstimmung.

Weber: Die Zuschauer, die Verantwortlichen und jeder Spieler hat gesehen, dass das Miteinander ganz anders war als bei den beiden Vortrainern, dass viel mehr mit dem Einzelnen geredet wurde. Ein Mann wie Dominik Mappes ist unter »Adli« wieder aufgeblüht, auch wenn er sicher nicht immer mit seinen Leistungen zufrieden war. Kurzum: Die Chemie hat gestimmt und da war für uns klar, dass wir einen Drei-Jahres-Vertrag machen.

Hatte Sie auch die sportliche Entwicklung vollends überzeugt?

Weber: Ich war mir ziemlich sicher, dass es ihm gelingt, gewisse Dinge zu verändern. Er hat z. B. wieder auf unser Herzstück, die 3:2:1-Abwehr, gesetzt und schnell Fortschritte erzielt. Dass es am Ende nicht zum Klassenerhalt gereicht hat, lag auch an den vielen Verletzungen und Ausfällen.

Im April wurde die Verpflichtung von Tomáš Sklenák bekannt gegeben, kurz darauf gab es bei ihm die Horror-Diagnose Kreuzbandriss. Herr Eyjólfsson, wie haben Sie diese wichtigen Ereignisse aufgenommen und verarbeitet?

Eyjólfsson: Erst einmal ist das für Tomáš ein großer Niederschlag gewesen. Aber auch für uns, nachdem wir uns gefreut hatten, einen Spieler mit dieser Qualität für uns gewinnen zu können. Die Verletzungsmisere hat sich wie ein roter Faden über eineinhalb Jahre erstreckt. Aber es gehört zu unserem Job, auch in solchen Phasen positiv zu bleiben. Mit der Weiterverpflichtung von Sven Pausch haben wir eine gute Lösung gefunden.

War Sven Pausch die erste Option, nachdem man ihm ja erst signalisiert hatte, nicht zu verlängern?

Eyjólfsson: Ich halte sehr viel von Sven. Er hatte sich damals zwei, drei Tage Bedenkzeit erbeten. Insgesamt hatten wir eine klare und ehrliche Kommunikation. Er ist ein rationaler Mensch, der die beste Entscheidung für sich getroffen hat.

Mit dem 21:22 bei Henstedt-Ulzburg im Mai war der sportliche Abstieg besiegelt. Volker Michel hatte damals gegenüber dieser Zeitung gesagt, der Abstieg böte die Chance, eine neue Generation Laudt/Scholz/Stelzenbach hervorzubringen. Sehen Sie diese schon?

Weber: Das Potenzial ist da und ich schließe Dominik Mappes noch mit ein. In der A-Jugend sind mit Tim Lauer, Max Panther und Johannes Klein drei Spieler, die es schaffen können. Das ist unser Kapital. Uns ist bewusst, dass wir nicht jedes Jahr einen Rückraumschützen rauskriegen. Aber es muss so sein, dass die Jungen bei uns zumindest Spielpraxis kriegen.

Eyjólfsson: Man darf aber nicht vergessen, dass Dominik auch zwei Jahre gebraucht hat von der A-Jugend über die zweite Mannschaft bis dann punktuell in die erste. Er hat Riesentalent, das er lange nicht kanalisieren konnte. Letztes Jahr ist er dann explodiert. Aber: Die Geduld muss da sein. Die genannten Spieler müssen weiter körperlich, taktisch und technisch hart an sich arbeiten, denn die Anforderung in der zweiten Liga werden nicht geringer.

Nach dem Umbruch im Sommer mit den Abgängen von u. a. Alois Mráz, Patrick Schmidt, Andy Scholz und Timo Ludwig haben die Auftritte beim Linden-Cup im Juli einen positiven Eindruck hinterlassen. Herr Eyjólfsson, hatten Sie da für die Liga schon eine Vorahnung?

Eyjólfsson: Man hat vor allem gesehen, dass sich selbst die Erstligisten gegen unsere Deckung schwergetan haben, wir haben sehr gut verteidigt. Unser Eins-gegen-Eins, unser Zweikampfverhalten war sehr gut. Ich habe damals schon zu Lothar gesagt, dass das nicht viele Mannschaften in der dritten Liga lösen werden können. Die Frage war nur, wie schnell wir durch die gute Deckung auch einfache Kontertore machen können. Das ist erst in den letzten drei, vier Wochen gekommen, da hat es Klick gemacht. Man muss aber auch sagen, dass der Angriff damals nicht nach meinem Geschmack war, was vielleicht zu diesem Zeitpunkt normal ist. Das Timing, das Zusammenspiel, der Flow, die taktische Raffinesse, die Laufwege waren überhaupt nicht da.

Als Absteiger galt der TVH als Topfavorit. Eine schwierige Position?

Weber: Wenn man sich Bietigheim in der zweiten Liga anschaut, sie haben aus der Bundesliga kommend Probleme, die Klasse zu halten.

Eyjólfsson: Da sieht man, wie wichtig die mentale Vorbereitung ist, wie du dich selbst sieht. Wenn du meinst, dass du es aufgrund der Spielklasse mit links schaffst, wirst du eines Besseren belehrt. Es ist uns gut gelungen, einen Mittelweg zu finden. Die Jungs jubeln über jeden Erfolg, haben richtig Spaß. Kein Sieg ist selbstverständlich.

Weniger Spaß wird wohl Max Kraushaar haben, der sich im August erneut schwer am Knie verletzt hat. Dafür wurde Damir Doborac bis Jahresende geholt.

Eyjólfsson: Max’ Verletzung war ein Tiefpunkt für uns in der Vorbereitung und ein Tiefschlag für ihn persönlich. Wir hatten eine Deckungsvariante auf ihn zugeschnitten, die wir dann wieder ändern mussten. Max hat sich nach einer schwierigen Zeit super gefunden, ist immer mit dabei und voll integriert. Wir lassen ihm jetzt Zeit und gucken dann. Aber ich bin mir sicher, dass er noch nicht abgeschlossen hat.

Weber: Einem Spieler nur einen Vier-Monats-Vertrag zu geben, das kann man nicht mit jedem machen. Aber Damir hat das akzeptiert, er ist ein super Charakter. Seine Verabschiedung war emotional. Ich war kurz vor den Tränen und ich glaube, Damir auch. Er hat mehrfach gesagt, wenn er keinen Verein hat und wir Verletzungsprobleme, er wäre in 15 Stunden hier.

Trotz der grandiosen Erfolge finden selten mehr als 1000 Zuschauer den Weg in die Sporthalle Hüttenberg. Herr Weber, ist das enttäuschend?

Weber: Nein, für mich nicht. Wir haben unerheblich weniger Zuschauer als in der zweiten Liga und sind trotzdem der Krösus in der dritten Liga. Uns war natürlich klar, dass wir weniger VIP- und Dauerkarten haben werden. Aber es gab auch einige Zuschauer, die vorher keine Dauerkarte hatten und gesagt haben: Jetzt sehe ich endlich wieder richtigen Handball. Sie haben die positive Entwicklung gesehen und honoriert.

Herr Eyjólfsson, Sie sagen, Sie gucken lieber in die Zukunft als in die Vergangenheit. Nachdem Sie nun die letzten Monate abgearbeitet haben, geben Sie uns doch einen Ausblick auf das Jahr 2016. Auf was dürfen sich die Fans des TVH freuen?

Eyjólfsson: Wir werden weiter so engagiert zu Werke gehen. Wichtig wird sein, nach der Pause schnell wieder den Rhythmus zu finden. Das ist nicht ganz leicht. Am 4. Januar steigt auch Tomáš Sklenák wieder voll ein, er hat jetzt einen Monat alles ohne Kontakt mitgemacht. Auf jeden Fall dürfen sich die Zuschauer auf eine heiße Mannschaft freuen, die eine gute Einstellung hat und alles für den TV Hüttenberg geben wird.

Fabian Karpstein

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