Pferdestärken aus der Schäferstadt

(fz) Das mittelhessische Hungen ist auch als die Schäferstadt bekannt. Vielleicht kommt nun ein neuer Name hinzu: Rallyestadt! Zu einem »Rallye-Werkstattgespräch« traf sich kürzlich in den Räumen von ROMO Motorsport auf Initiative des MSC Horlofftal (moderiert von dessen Vorsitzendem Manfred Möll), dem einstigen Rallye-Ass Michael Gerber (Lich) und ROMO-Chef Ronald Leschhorn Prominenz aus der Rennsportszene, aber auch Entscheidungsträger aus Politik und Wirtschaft.

Rallyesport hat gerade in Mittelhessen eine große Tradition, was sich auch in einer Reihe hochkarätiger, über die Grenzen bekannter Veranstaltungen (ADAC-Hessen-Rallye Vogelsberg, Rallyesprint Storndorf, Limes-Rallye) und bekannter aktiver und ehemaliger Fahrer ausdrückt, die dabei waren und ein hochkarätiges DRM-würdiges Starterfeld abgeben würden: Markus Moufang (Ex-Diesel-Masters-Champion), Marco Koch, Daniel Rexhausen, Dirk Klemund, David Richter, Markus Schmidtmeister, Lars Garten, Thorsten Kühn, Alexander Kröll, Sebastian Wolf, Stefan Schork, Michael Uhl (ehemaliger Himalaya-Rallye-Sieger), Bernhard Zech (Top-Schrauber von Opel) und Leschhorn-Sohn Nico.

Der Arbeitsplatz von Ronald Leschhorn ist nicht nur seine Werkstatt hinter dem Milchhof, sondern eben (»mit zehn unheimlich guten Leuten«) auch bei Rallyes in Finnland, auf den Azoren oder in Monte Carlo. Michael Gerber bezeichnete ihn als einen »Neuzeit-Dino, der nicht nur die Technik versteht, sondern auch saugut Auto fahren kann«.

Zwei Eigenschaften, die Leschhorn an seinen Sohn Nico vererbt hat, der Mitte April bei der ADAC-Hessen-Rallye Vogelsberg, immerhin ein Lauf zur deutschen Rallye-Meisterschaft, an den Start gehen wird.

Zwei Peugeot 207 RC dominieren das Interieur der Halle, das eher an ein makelloses Labor erinnert, als an eine vor Öl triefende Werkstatt. Auf den ersten Blick zwei identische Fahrzeuge. Das eine bewegt der Franzose Bryan Bouffier, das andere Leschhorn-Filius Nico. Das eine ist ein veritabler Werksrenner im Wert von 300 000 Euro, das andere ein »Production-Racer« für ganze 50 000 Euro. Auch Ford und Skoda bieten solch relativ günstige und auch konkurrenzfähige Modelle an. Peugeot hat das Privatfahrer-Angebot für PSA-Konzernschwester Citroen mit dem achtfachen Weltmeister Sebastian Loeb. Apropos Loeb und Mittelhessen: Ebenfalls ein Hingucker in Hungen ist der Opel Manta 400, Michael Gerbers (Spaß-)Einsatzfahrzeug, Anfang der 1980er zu Meisterehren gefahren von der französischen Rallye-Legende Guy Frequelin – dem Entdecker von Loeb.

Richtig gelesen!: Ein französischer Autohersteller hat einen französischen Werksfahrer, aber die entscheidenden PS lassen sich die Franzosen in Hungen verpassen. Das verwundert nicht, wenn man sich Leschhorns Credo anhört: »Wir haben nie die Standardlösung, sondern immer eine individuelle parat.« Das fängt schon bei der Sitzposition an. Der penible Bouffier setzte sich in den Wagen und hatte erstmals in seiner gut zehnjährigen Laufbahn keine Änderungswünsche. Übrigens: Das »Einbauen« ist wörtlich zu nehmen und dauerte 550 Arbeitsstunden. Denn Peugeot schickte neben einer Rohkarosserie den Rest in vier großen Kisten. Ein anderes Credo Leschhorns: »Vor jedem gefundenen PS kommt für mich die Sicherheit. Das muss auch für den Fahrer gelten. Ohne einen anständigen Helm und ein HANS (Head-and-Neck-Support)-System steigt mir keiner in mein Auto.«

Aufschwung 2014 erwartet

Michael Gerber, in den 1980ern deutscher Rallye-Vizemeister, WM-Starter und Werksfahrer bei Toyota und Mitsubishi, hatte sich als Youngster von Leschhorn in die Geheimnisse des richtigen Fahrens einweisen lassen und dabei auch gelernt, dass »ein Rallyeauto erst einmal gut liegen muss« – und ein PS-strotzender Motor zweitrangig sein kann. Gerber führt seit 2000 in Lich mit »punkt.Eins« eine Marketingagentur, die im Auftrag der Autoindustrie auch Tests durchführt und ein regelrechter Wirtschaftsfaktor ist. Er beschäftigt 40 Mitarbeiter, »obwohl ich nie mehr als zehn Leute haben wollte«. Bekannt ist er durch die Durchführung der aus der DTM bekannten Markencups von Mini und Alfa Romeo.

Michael Gerber berichtete von seiner Funktion als Juror für den Rallyesport innerhalb der ADAC-Stiftung Sport (die heutigen Weltmeister Sebastian Vettel/Formel 1 und Ken Roczen/Moto-Cross gingen hieraus hervor) und der schwierigen Suche nach dem Walter Röhrl der 2010er. Er beklagte, dass manche Talente »nach dem Aussteigen sofort nach der Büchse und der nächsten Kameralinse schielen« statt sich mit den Technikern und Mechanikern zusammenzusetzen.

Da werde nur auf das Auto geschimpft, »dabei können wir dank der Datenaufzeichnungen erkennen, was für einen Käse uns der Fahrer erzählt«, so Leschhorn ergänzend.

Die Experten erwarten ab 2014 zusätzlich zum jetzt schon vorbildlichen WM-Lauf rund um Trier durch Mosel-Weinberge und über die »Panzerplatte« des Bundeswehr-Übungsplatzes Baumholder einen deutlichen Aufschwung für den Rallyesport in Deutschland. Wenn dann VW werksseitig in den Sport einsteigt »und endlich der desaströsen TV-Berichterstattung ein Ende macht« (Gerber), bedeutet das eine Riesenchance für Talente.

Leschhorn, Gerber und Möll eint die wohl berühmteste Rallye der Welt, die Rallye Monte Carlo: Während Gerber dort 1989 bester Privatier wurde, holte Möll als Co-Pilot von Rüdiger Hahn 1986 Platz 19 im Gesamtergebnis. Aber Leschhorn hat sie gewonnen – letztes Jahr, zwar nicht als Fahrer oder Co-Pilot, aber als Tuner von Bryan Bouffier.

Der 1. Beigeordnete des Landkreises Gießen, Dirk Oßwald, musste schmunzeln, als ihm Möll seine Aufgaben aufzählte: »Herr Oßwald ist zuständig für Finanzen und Rechnungswesen, Jugend/Soziales und Familie sowie Gesundheit und Verbraucherschutz. Genau die Themen, um die es auch im Motorsport geht.« Neben Oßwald war auch Hungens Bürgermeister Rainer Wengorsch von »einem tollen und informativen Abend mit vielen angenehmen Gesprächen« angetan: »Natürlich ist mir Herr Leschhorn ein Begriff gewesen, aber was er eigentlich in dieser Werkstatt macht, war mir noch nicht so klar. Jetzt haben wir uns einmal persönlich kennengelernt. Ich muss sagen, ich bin extrem beeindruckt. Das gilt auch immer wieder für das vielfältige Engagement des MSC Horlofftal.«

Ähnlich äußerten sich Vertreter des Gewerbevereins und Gaby Dölling-Reichhardt, die Vorsitzende des Stadtmarketings der Schäfer- und Rallyestadt Hungen.

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